In Berlin wird heute der Deutsche Bürgerpreis 2012 verliehen. Nominiert in der Kategorie Alltagshelden ist unter anderem das Magdeburger "Jahr der Jugend 2011". Die Ehrung nehmen Julia Wartmann (25), Kevin Lüdemann (25) und Marcus Lahn (24) vom Projektteam entgegen. Jana Wiehe sprach mit ihnen.

Volksstimme: Mit dem Bürgerpreis werden Projekte geehrt, die jungen Menschen helfen, ihren eigenen Weg im Leben zu gehen. Davon gab es im Jahr der Jugend ja einige. Was ist das für ein Gefühl, dafür nun deutschlandweit Anerkennung zu erhalten.

Kevin Lüdemann: Wir sind total happy. So bekommt unser Magdeburger Projekt Aufmerksamkeit im ganzen Land. Wenn das nicht gut ist fürs Stadtimage ...

Julia Wartmann: Dass wir aus rund 1000 Bewerbungen nominiert worden sind, ist schon ein unglaubliches Erlebnis. Am Jahr der Jugend sind so viele Menschen beteiligt gewesen, wir haben nicht nur neue Partner und Freunde gewonnen, wir haben zusammen viel erlebt und bewegt. Das wird nun geehrt. Ich bin sehr glücklich darüber.

Marcus Lahn: Die Auszeichnung richtet sich letztlich an mehrere Hundert junge Leute, die das Themenjahr mit ihren Veranstaltungen und Projekten mit Leben erfüllt haben. Schüler waren beteiligt mit Schulhof- oder Graffitiprojekten, Jugendgruppen wie die vom Fahrradcross-Projekt an der Maybachstraße oder der 5-Elemente e.V. Viele Einrichtungen haben mitgemacht: Hochschule und Universität, die Festung Mark, der Senshi-Parkour, der Landestanzsportverband u.v.m. Letztlich waren rund 50 Partner an unserer Seite ...

Kevin Lüdemann: ... wir drei haben das alles über unser Projektbüro und den Träger KanTe e. V. federführend betreut.

Volksstimme: In zunächst monatelanger ehrenamtlicher Arbeit. Vor allem die finanzielle Abwicklung der Projekte, die Beratung und Vermittlung lag in euren Händen. Also schon eine ganze Menge Verantwortung über ein Gesamtbudget von fast 30000 Euro. Seid ihr froh, dass ihr zumindest diesen Aspekt abgeschlossen habt?

Kevin Lüdemann: Das stimmt schon. Am Ende musste die Kasse bis auf den letzten Euro stimmen. Aber es trifft zu, wenn man sagt: Wir sind mit unseren Aufgaben gewachsen und dieses Aktionsjahr war für uns drei eine unheimliche Bereicherung. Wir haben sehr viel gelernt.

Marcus Lahn: Zum Beispiel, wie schwer es sein kann, ganz viele unterschiedliche Interessen unter einen Hut zu bekommen.

Julia Wartmann: Ich kann sagen, das Jahr der Jugend hat mein Leben verändert. Ich arbeite heute neben meinem Masterstudium an der Hochschule für Musik, Theater und Medien für die Aktion Musik/local heroes e.V.. Dafür brennt mein Herz. Kennengelernt habe ich Dieter Herker und sein Team durch das Jahr der Jugend. Zusammen haben wir "local heroes - Die Musik- und Medienmesse" ins Leben gerufen. Das Projekt betreue ich seitdem.

Volksstimme: Also etwas, was das Themenjahr überdauert. Wir haben gehört, die Magdeburger erwartet in diesem Zusammenhang 2013 noch eine tolle Überraschung. Verrätst du uns schon Näheres?

Julia Wartmann: Gern. Das "local heroes"-Europafinale wird in unserer Landeshauptstadt ausgetragen. Darüber freue ich mich ganz besonders. Mehr als 10 Nationen sollen an dem Contest teilnehmen und etwa eine Woche hier verbringen. D.h. Nachwuchsmusiker aus europäischen Nationen spielen um den Titel "local heroes europe 2013" und drum herum nehmen die Veranstalternationen an einem Kongress teil, der das Netzwerk weiter ausbaut. 2012 hat den Titel übrigens die deutsche Band "Down To Date" aus Berlin gewonnen. Zusammen waren wir am 24. November in Wien und haben unsere deutschen Sieger gefeiert. Was Lena (Meyer-Landrut) kann, können die Nachwuchskünstler also auch.

Marcus Lahn: Neben der neuen Kooperation von Local Heroes und der Musik- und Medienmesse gibt es aber noch andere Projekte, die nach dem Jahr der Jugend weiter bestehen.

Volksstimme: Zum Beispiel?

Kevin Lüdemann: Im Jahr der Jugend ist es uns gelungen, das Förderprogramm von der Fundación Telefónica sowie der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung, "Think big" (denke groß), nach Magdeburg zu holen. Allein 2011 konnten 30 Projekte mit jeweils 400 Euro unterstützt werden - zum Beispiel die Schülerfirma "School Hits For Kids". Auch in diesem Jahr konnten wir "Think Big" für Magdeburger Jugendprojekte sichern. Die Freiwilligen-agentur, in der Marcus und ich inzwischen tätig sind, betreuen das Förderprogramm vor Ort als Projektpartner. Für 2013 haben wir uns erneut als Projektpartner beworben, um weiterhin Jugendprojekte mit Geld und Coaching unterstützen zu können.

Volksstimme: Geld für Jugendprojekte gab es doch aber auch über das Programm "jung bewegt"?

Marcus Lahn: Richtig. Aber nicht nur das. Die jungen Leute wurden von professionellen Projekttrainern geschult, also auch in der Projektumsetzung begleitet.

Volksstimme: Welche Projekte im Jahr der Jugend haben euch persönlich am besten gefallen?

Kevin Lüdemann: Mir unter anderem die Ausstellung "Fotos der Erinnerung", wo junge Magdeburger, die einen Angehörigen, z. B. einen Bruder oder eine Schwester, verloren haben, ihre Trauer in Texten und Bildern verarbeiteten. Das war sehr beeindruckend. Diese Ausstellung tourt übrigens inzwischen durch Deutschland. Bis 04. Januar ist sie zum Beispiel im MDR Landesfunkhaus in Magdeburg zu sehen.

Marcus Lahn: Ein schöner Höhepunkt war das Tanzfest "Jugend tanzt" auf dem Bahnhofsvorplatz. Obwohl es in Strippen geregnet hat, haben alle Akteure und Besucher viel Spaß gehabt. Es wäre schön, wenn wir das gemeinsam mit den beteiligten Tanzschulen noch einmal hinbekommen würden.

Julia Wartmann: Ich erinnere mich an viele schöne Momente. Die hatte jedes Projekt für sich, insbesondere dann, wenn lange an etwas gearbeitet wurde und irgendwann der Tag der Präsentation kam, gezittert wurde, ob viele Besucher kommen würden, die sich auf unterschiedlichste (zum Teil neu initiierte) Projekte einlassen würden: Young Blood (eine Party für 14- bis 17-Jährige), Fotos der Erinnerung, local heroes - Die Musik- und Medienmesse, Think Big ... Viele dieser Projekte laufen weiter. So bastelt das Team von GoEurope! der lkj Sachsen-Anhalt fleißig weiter an einem Baukastensystem für Schülerreisen nach Brüssel.

Volksstimme: Hat euch auch etwas geärgert?

Julia Wartmann: Mich haben ehrlich gesagt einige schriftliche Stellungnahmen, die aus dem Stadtrat angefordert wurden, gewurmt. Die Beantwortung war teilweise sehr aufwendig, ging immer durch verschiedene Instanzen, bevor sie abgeschickt werden konnte. Leider haben diese Anfragen inhaltlich nicht immer den Weg geebnet, sondern vielmehr Steine in den Weg gelegt.

Kevin Lüdemann: Wir konnten ja verstehen, dass es auch Bedenken etwa im Jugendhilfeausschuss gab. Man dachte, wir würden mit unseren Projekten Geld an anderer Stelle für die Jugendarbeit wegnehmen. Doch so war es gar nicht. Den größten Teil des Budgets (insgesamt rund 270 000 Euro) konnten wir selbst beschaffen und dank Sponsoren (hier mal ein Dankeschön an die größten Unterstützer Stadtsparkasse, Lotto, ÖSA und SWM) aus Spenden und Fördermitteln bestreiten. Die Stadt beteiligte sich letztlich mit 10000 Euro aus dem Kulturfonds am Aktionsjahr. 100000 Euro waren zu Beginn anvisiert, die wir also gar nicht in Anspruch genommen haben.

Marcus Lahn: Ärgerlich war vielleicht, dass gern mal hinter unserem Rücken Kritik geübt wurde. Besser wäre es gewesen, einfach mal bei uns im Projektbüro, das mitten in der Stadt lag, vorbeizuschauen. Unsere Tür stand für jeden offen. Oder anzurufen.

Kevin Lüdemann: Aber immerhin. So manchen Skeptiker auch aus den Reihen des Stadtrates konnten wir am Ende dann doch überzeugen.

Volksstimme: Und nun die Auszeichnung mit dem höchsten deutschen Ehrenamtspreis für das Projektteam. Ihr dürft euch auch über eine finanzielle Anerkennung freuen, oder?

Kevin Lüdemann: Die Preise sind unterschiedlich hoch dotiert. Je nachdem, auf welchem Platz wir nun landen. Also: Wir werden das Preisgeld auf jeden Fall für die Projektarbeit in der Stadt verwenden. Denn ohne diese Projekte auch kein Preis.

Volksstimme: Von welchem Projekt werden wir in Zukunft noch hören?

Marcus Lahn: Zum Beispiel von den Jugend-Scouts. Das ist ein neues Netzwerk mit jungen Vertretern aus ganz unterschiedlichen Projekten. Von Freizeitsport bis zu Musik und Theater. Wir treffen uns jeden 3. des Monats, um uns über alle möglichen Themen auszutauschen. Unsere Idee ist, dass die Jugend-Scouts langfristig vielleicht sogar in Entscheidungen der Stadt mit einbezogen werden.

Volksstimme: Ist es das, was ihr euch nach dem Jahr der Jugend von der Stadt-Verwaltung wie Politikern - wünscht: mehr Mitbestimmung?

Kevin Lüdemann: Ja, auch. Und wir wünschen uns mehr offensive Informationen an junge Leute über Themen, die sie betreffen.

Marcus Lahn: Und dass ihre Meinungen dazu öfter eingeholt werden. Bei der Planung für den neuen Skaterpark hat das schon gut funktioniert ...

Kevin Lüdemann: ... auch das Jahr der Jugend hat die Stadt ja gut unterstützt.

Julia Wartmann: Magdeburg hat sich getraut und Jugendlichen mit dem Jahr der Jugend Verantwortung gegeben - es hat funktioniert.