Den Griff nach den Sternen wagt ein Lehrling aus Schönebeck. Der 18-Jährige ließ jetzt einen Wetterballon mit einer Kamera in die Stratosphäre starten, um Fotos aus 30 Kilometern Höhe zu machen. Das Besondere: Das Fluggerät war nicht nur selbst finanziert, sondern auch ganz allein gebaut.

Schönebeck l Den Namen Christian Dobisch sollte man sich merken. Er wird wohl der erste Schönebecker sein, der später einmal im gleichen Atemzug mit dem Wort "Weltall" in Verbindung gebracht wird. Vielleicht nicht als Astro- oder Kosmonaut, sondern vielmehr als Techniker. Denn die ersten Schritte, die der 18-Jährige jetzt wagte, zeugen von einer großen Karriere. Der Griff nach den Sternen ist so nah: Der Jugendliche ließ eine schwarze Box an einem Wetterballon in Richtung Weltraum fliegen, um aus 30000 Metern Höhe Fotos zu schießen.



"Höhenaufnahmen haben mich schon immer interessiert", begründet der junge Mann, der in einer Firma in Calbe (Saale) als Mechatroniker seine Lehre absolviert. Als er vor einem halben Jahr seinen Eltern von der wohl wahnwitzigen Idee berichtet, wussten sie zunächst nicht, wie sie reagieren sollen. "Aber wir kennen unseren Sohn, dem ist das Tüfteln irgendwie in die Wiege gelegt", so der Familienvater.

Nun ist es also Christian Dobisch, der der amerikanischer NASA und der russischen Weltraumbehörde Roskosmos Konkurrenz machen will. Im Internet sammelt Nachwuchs-Techniker Christian Informationen. Er studiert Internetseiten, macht sich mit Ballon, automatischen Foto- und Videokameras vertraut, analysiert GPS-Systeme und vieles mehr. Auch rechtliche und versicherungstechnische Probleme müssen gelöst werden. "Die ganze Technik sollte klein und leicht sein, um sie in eine winzige Kapsel zu bekommen", sagt Christian Dobisch.

Die erste Hürde, die er im Rennen um den Start in die Stratosphäre schafft, ist der Kauf eines gut zwei Meter großen Wetterballons. Ganz legal übrigens von der Bundeswehr. Anschließend werden ein Smartphone als Bildkamera und als Datenübertrager gefunden. Und Christian besorgt sich eine winzig kleine Full-HD-Kamera. Relativ viel Geld muss er später für ein GPS-Gerät ausgeben. "Ich wollte die Box mit den Bildern ja unbedingt wiederfinden. Deshalb war ein erstklassiger GPS-Sender dringend nötig", erzählt er.

"Meine Freunde waren schon ein bisschen skeptisch."

Die nächste Schwierigkeit: In gut 30 Kilometern Höhe herrschen Temperaturen eher wie am Nordpol als in der Karibik: minus 50 bis minus 60 Grad Celsius. So war die Wahrscheinlichkeit groß, dass die komplette Technik ausfallen und defekt und wie ein Eisklumpen zur Erde trudeln würde. "Ich musste also alles beheizen und wasserdicht verpacken. Das ist mir mit simplen Handwärmern gelungen", betont der Tüftler. Denn die Vorbereitungen, die ersten Minuten des Starts und später die Landung werden live auf seiner Homepage im Internet übertragen. Außerdem wird die Kamera so programmiert, dass sie alle 15 Sekunden selbständig ein Foto schießt.

"Meine Freunde, denen ich von meinem Vorhaben berichtete, waren schon ein bisschen skeptisch", erzählt Christian, dem es nicht um die wissenschaftlichen Erkenntnisse geht. Vielmehr ist der Weg das Ziel. Und eben die Höhenaufnahmen, die am Ende dabei herauskommen sollen.

Während die Technikprobleme im Großen und Ganzen schnell gelöst sind, stehen die beiden letzten Hürden vor dem Start in die Stratosphäre schon parat: Der Papierkram, der beinahe das Projekt zum Scheitern gebracht hätte. Wenngleich die Deutsche Flugsicherung nach mehrmaligen Anfragen wenige Tage vor dem geplanten Starttermin ihre Genehmigung erteilt, ist es wesentlich schwieriger, eine Versicherung zu finden. Sie soll nicht nur die 1,3 Kilogramm schwere Box, 30 x 30 x 20 Zentimeter klein, mit der Technik versichern, sondern für eventuelle Folgeschäden Dritter aufkommen."Das war schon wichtig. Denn die Schadensersatzsummen, wenn die Raumkapsel später in ein Haus oder auf die Autobahn stürzt, sind bestimmt sehr hoch", erklärt Christian Dobisch. Nach vielen Schreiben und ebenso vielen Absagen erklärt sich eine große Versicherung aus Berlin bereit, das "Spacecam"-Projekt abzusichern.

"Dass der Kontakt so früh abbricht, hätte ich nicht gedacht."

Dann ist es soweit. An einem Sonnabend positioniert sich das Team - Christian Dobisch, sein Vater und eine Handvoll Freunde - auf einem erhöhten Punkt westlich von Schönebeck. Die Meteorologen haben nicht nur am Boden bestes Wetter vorausgesagt, sondern auch in den höheren Luftschichten jenseits der Routen der Passagierflugzeuge, ist aus dem Internet zu erfahren.

Die Technik in der Raumkapsel wird eingeschaltet und kontrolliert. Ein Anti-Beschlag-Spray soll für freie Sicht sorgen. Anschließend befüllen die Helfer den Wetterballon mit Helium. Punkt 10.25 Uhr hebt das nun zehn Meter Höhe Gefährt in den blauen Winterhimmel ab und sendet sofort die ersten Livebilder an die Erde. Immer schneller steigt der Ballon nach oben. In jeder Minute fast 1000 Meter, bis der kleine weiße Punkt vom Boden aus verschwunden ist.

Nach wenigen Minuten bricht der Kontakt zu der Kapsel ab. "Dass das so früh passiert, hätte ich nicht gedacht", sagt der 18-Jährige. Offenbar strahlen die Funkmasten der Mobilfunkbetreiber nur in die Fläche aus, aber eben nicht weit nach oben. So bleibt dem Team am Boden nur das Daumendrücken: Zeichnet die Cam alles auf? Schießt die Kamera wie programmiert alle 15 Sekunden ein Foto?

"Ich möchte einen Ballon noch höher fliegen lassen."

In 30 Kilometern Höhe hat sich der Wetterballon so weit ausgedehnt, dass er platzt. "Das ist auch so berechnet gewesen", macht Christian Dobisch deutlich. Die Box mit der Technik fällt zu Boden. Ein selbstgebauter Fallschirm öffnet sich und bremst die Kapsel. Nach einer Stunde Funkstille erreicht die Box wieder den Funkbereich und sendet völlig automatisch Live-Bilder gleich einem Space-Shuttle, das sich nach dem Wiedereintritt in die Erdatmosphäre erneut im Kontrollzentrum in Houston meldet. "Unsere Freude war riesig. Es schien alles geklappt zu haben", so der Tüftler. Wenig später übermittelt das Handy die Koordinaten an die Bodentruppe.

Sie müssen Richtung Süden fahren. Rund 40 Kilometer ist der Ballon mit der Box abgetrieben. Über die Livebilder sehen sie, wie die Kapsel dem Boden immer näher kommt. Sie trudelt.

Nach einer Stunde und sechs Minuten landet die Kapsel in einem Gebüsch. "Sofort sind wir zu den angegebenen Koordinaten gefahren und hatten Glück: Nicht nur, dass wir die Box sofort gefunden haben, sondern auch, weil 20 Meter vom Landeort entfernt ein kleiner Tümpel war. Nicht auszudenken, was passiert wäre, wenn ..."

Christian Dobisch ist glücklich, gemeinsam mit den Helfern der Gruppe werden noch vor Ort die Fotos angeschaut. Die Freude ist riesengroß, als sie sehen, was die Kamera aufgenommen hat: Farbige Fotos aus 30000 Metern Höhe, dunkelblauer, fast schwarzer Himmel und eine extreme Erdwölbung, die nur wenige Menschen zuvor so live gesehen haben. Aber woher weiß er, dass die Fotos tatsächlich aus 30 Kilometern Höhe sind? "Na ganz einfach. Wir haben zu Hause die Fotos aus dem Ballon über identische Bilder von Google Earth gelegt. Dabei wird angezeigt, welche Höhe es ist", erklärt der junge Forscher.

Und nun: Die Hände wieder in den Schoß legen und das machen, was alle anderen 18-Jährigen auch machen? Oder spornt der Erfolg an? "Ich möchte schon ganz gern eine neue Idee umsetzen und einen Ballon noch höher fliegen lassen. Aber jedes Mal 1000 Euro - das kann ich mir einfach nicht leisten", sagt Christian Dobisch und hofft auf Firmen, die ihn unterstützen: Für das "Projekt Spacecam 2" - der Weg ins All.

 

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