Wernigerode. Johannes wirkt wie die Miniaturausgabe eines Professors: Brille, wild wuchernde Locken und ein sprachlicher Ausdruck, bei dem jeder Deutschlehrer frohlockt. Dass trotzdem ein normaler Junge in ihm steckt, verrät sein Gekicher, wenn sich ein ungeschickter Laie zu ihm auf die Orgelbank setzt. Wenn man nämlich nicht aufpasst, tritt man dabei versehentlich auf die Fußtastatur - mit der Folge, dass ein ungeplanter Ton die Kirche durchflutet.

Bei diesem Instrument kann man aber auch eine Menge falsch machen. Neben der Tastatur für die Füße gibt es zwei für die Hände; dazu kommen 30 Register, die sich in unterschiedlichsten Kombinationen herausziehen lassen. Johannes hat das Konstrukt ziemlich gut im Griff. Gelassen sitzt er da und orgelt "Oh, du Fröhliche". Das gehört zu den Liedern, die er Heiligabend in der Liebfrauenkirche vor rund 200 Besuchern begleiten wird. "Lampenfieber habe ich nicht", sagt der Zehntklässler ruhig. Es ist ja nicht sein erster Auftritt.

An Wochenenden spielt der Zehntklässler oft beim Gottesdienst in insgesamt drei Wernigeröder Kirchen. Als Dank wurde er in diesem Monat zum Tag des Ehrenamtes in die Staatskanzlei eingeladen und mit rund 100 anderen Freiwilligen ausgezeichnet.

Damit bei den Gottesdiensten alles perfekt klingt, übt Johannes nach Schulschluss fast jeden Tag. Manchmal steigt er sogar in den Pausen auf die Kanzel. "Meine Eltern finden das grundsätzlich zwar gut. Aber lieber würden sie sehen, dass ich etwas weniger Orgel und dafür mehr Klavier übe", erzählt er grinsend. Als Schüler am Landesmusikgymnasium gehört das für ihn nämlich zum Unterrichtsstoff.

Gepackt hat ihn das Orgelfieber vor anderthalb Jahren. Im Konfirmandenunterricht bot ihm die Pfarrerin an, sich an dem riesigen Instrument zu versuchen. Immerhin hatte er schon acht Jahre Klaviererfahrung. Das ließ sich Johannes nicht zweimal sagen. "Begeistert war ich von der Orgel schon lange", erklärt er. "Meine Oma hat mir früher oft von meinem Urgroßvater erzählt, der Kantor in Görlitz war. Und in der fünften Klasse hat mir meine Mutter Bachs D-Moll-Toccata vorgespielt. Wenn man das zum ersten Mal hört, möchte man es unbedingt spielen können."

Ein bisschen bringt es den jungen Mann immer aus der Puste, wenn er die Treppen zur Kanzel hinaufkraxelt. Doch oben wird er belohnt. Er selbst drückt es so aus: "Ich mag es, abgehoben von allem zu sitzen und die Kirche mit Klängen zu füllen." Die Orgel in der Liebfrauenkirche hat es dem Wernigeröder besonders angetan. So sehr, dass er jetzt sogar eine Initiative zu dessen Restaurierung starten will. Erster Schritt: Er testet das Instrument genau aus und notiert dann, was dem guten Stück alles fehlt.

Dass es in erster Linie der Spaß ist, wegen dem er so viel Zeit ins Orgeln steckt, ist kaum zu übersehen. Doch fragt man Johannes ganz direkt nach den Gründen, kommt auch wieder der Professor durch: "Wenn ich mir jetzt schon ein großes Basiswissen erarbeite, kann ich später beim Studium etwas Zeit sparen", erklärt er. Dann kann er früher ins Berufsleben starten - als Kantor, am liebsten im Passauer Dom.