Jeder Vierte im Land war ein Flüchtling

Der Zustrom Heimatloser hat Sachsen-Anhalt nach dem Krieg tiefgreifend verändert. Eine Million Menschen aus den Ostgebieten kamen hier unter. Die Neuankömmlinge machten 1948 fast ein Viertel der Gesamtbevölkerung aus. Von Sammellagern aus wurden sie verteilt - die meisten aufs flache Land.

Am höchsten war der Vertriebenen-Anteil in den damaligen Kreisen Schweinitz und Eckartsberga (je 30 Prozent). In einigen Gegenden wuchs die Bevölkerung extrem. Die Kreise Eckartsberga und Querfurt etwa hatten plötzlich 46 Prozent mehr Einwohner als noch 1939.

Schönebeck l Alles soll ganz schnell gehen: Am Nachmittag hängt die Liste mit 63 Namen an der Anschlagtafel vor dem tschechischen Gemeindebüro. Und schon am nächsten Morgen um acht Uhr müssen die Aufgelisteten abmarschbereit auf der Straße stehen. Am 16. August trifft es die 18-jährige Hermine Sauerbrey, Herma gerufen, und ihre Eltern. Jeder darf eine Bettdecke mitnehmen und einige persönliche Gegenstände, maximal 50 Kilogramm. Herma steckte einige Schulbücher ein, Englisch, Mathematik und Stenographie.

Der Ausmarsch der 63 Deutschen aus dem Dorf Lischwitz nahe Saaz ist gespenstisch. Niemand zeigt sich auf der Straße. Die verbliebenen Deutschen wissen, dass sie schon bald das gleiche Schicksal erwartet. Mitleid erfasst vielleicht auch einige der Tschechen, die seit dem Kriegsende ins Dorf kommen und Haus für Haus übernehmen.

Da löst sich eine Frau aus dem Zug, sie läuft in die Kirche, um ein letztes Mal die Glocken zu läuten. Alle auf einmal. "Ein unbeschreiblicher Klang, als wollten die Glocken den Weltuntergang verkünden", erinnert sich Herma Sauerbrey. Die Lischwitzer stehen still, senken die Köpfe und beten. Dann geht es endgültig los, mit Tränen in den Augen.

"Auf einmal sehen wir draußen russische Uniformen."

Dass der heute 87-Jährigen auch heute noch jedes Detail vor Augen steht, hat einen Grund: Sie hat ihr ganzes Leben Tagebuch geführt. Begonnen hatte sie als Zehnjährige, nach einem entsetzlichen Erlebnis: Bei einem Gewitter schlug der Blitz wenige Meter von ihr entfernt in eine Akazie ein. Das Kind verlor zeitweise die Sprache. Um der Familie alles schildern zu können, begann Herma, es aufzuschreiben - und hörte damit nicht mehr auf.

Ihre Kindheitserlebnisse begleiten sie nun auch auf der Reise ins Ungewisse. Um sicherzugehen, dass ihr die Tagebücher nicht weggenommen werden, hat sie sie in Kurzschrift kopiert. Die Blätter versteckt sie nun in den unverfänglichen Schulbüchern. Die Zeugnisse hingegen wagt sie nicht mitzunehmen: Das Amtssiegel unter den Noten zeigt seit dem Anschluss des Sudetenlandes an das Deutsche Reich 1938 das obligatorische Hakenkreuz. Unproblematisch sind nur die Zeugnisse der ersten vier Schuljahre, die noch vom tschechoslowakischen Staat ausgestellt sind.

Zu Fuß geht es durch das Saazer Land, Kleinkinder und Greise dürfen auf den Leiterwagen sitzen, die das Gepäck transportieren. "Wir wussten überhaupt nicht, wo wir hinkommen", sagt Sauerbrey. Ins Landesinnere zur Strafarbeit? Oder werden alle über die Grenze abgeschoben? Und falls ja: wohin? Nach einigen Tagen in einem Sammellager werden 1200 Deutsche in Viehwaggons gesteckt. In Karlsbad glauben sie zu hören, dass der Zug ins bayerische Hof fahren soll, in die amerikanische Besatzungszone. Doch der Zug wird hin- und hergeschickt. Die Deportierten stimmen die tschechoslowakische Staatshymne an, mit dem offiziellen deutschen Text. "Böhmen ist mein Heimatland", singen sie, aus ihrem Abschiedsschmerz heraus und wohl auch aus Trotz.

"Und auf einmal sehen wir draußen russische Uniformen." Nicht in Bayern endet die Reise, sondern in der Sowjetischen Besatzungszone. In Schönebeck kommen die Sudetendeutschen in einem Barackenlager unter. In der Stadt schlägt den Neuankömmlingen oft Ablehnung entgegen. Als Herma und ihren Eltern ein eigenes Zimmer zugewiesen wird, schlägt ihnen die Familie die Tür vor der Nase zu. "No, da haben wir gewartet und anderswo ein Zimmer bekommen", sagt die alte Dame, die sich bis heute einen Anklang ihrer heimatlichen Mundart bewahrt hat. Nach dem Krieg heißt es, sich anzupassen. Sie lernt, Johannisbeere zu sagen statt Ribisel, sie spricht von Blumenkohl und Kartoffeln statt von Karfiol und Erdäppeln.

"Die Tschechen? Denen ging´s doch gut im Protektorat!"

Was der jungen Frau hilft, ist ihr Talent für Sprachen. Sie studiert, arbeitet in der DDR als Dolmetscherin und Dozentin. Dabei hatte der Streit um Sprachen, der Nationalismus in der Tschechoslowakei der dreißiger Jahre, die Katastrophe der Vertreibung vorbereitet. Die Konflikte von damals schlummern in der freundlichen alten Dame bis heute.

Sie erzählt von der Benachteiligung der Deutschen unter Präsident Edvard Benes und vom Brünner Todesmarsch, der 1945 vermutlich 5000 Deutsche das Leben kostete. Und was ist mit dem Leid der Tschechen? "Denen ging´s doch gut im Protektorat!" Und das Massaker von Lidice, bei dem ein ganzes Dorf niedergemacht wurde? Bis heute glaubt Sauerbrey die Legende, die Deutschen hätten lediglich die Verantwortlichen des Attentats auf die Nazi-Größe Reinhard Heydrich gesucht. "Wenn die Dorfbewohner sich ergeben hätten, wäre ihnen nichts passiert", ist sie überzeugt. Und berichtet kurz danach doch von schrecklichem Unrecht durch Deutsche, von jüdischen Frauen, die aus einem nahegelegenen KZ im Morgengrauen durch ihr Heimatdorf getrieben wurden.

Herma Sauerbrey hat ihre Heimat nie vergessen. Wohnen möchte sie dort nicht mehr - alles hat sich so verändert. "Aber wenn ich die alten Fotos sehe, dann weiß ich: Das ist meine Heimat."

 

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