Wo ist die fünfjährige Schönebeckerin Inga? Diese Frage beschäftigt seit zwei Monaten nicht nur die Ermittler. Die Antwort bleibt offen. Lars Bruhns, Vereinschef der Initiative Vermisste Kinder, beobachtet den Fall mit Sorge.

Gibt es in solchen Situationen mit zwei Monaten Ungewissheit einen Weg zurück in eine Art Alltag?

Lars Bruhns: Für das Umfeld des vermissten Kindes ist es extrem schwierig. Dieser Schwebezustand durch die Ungewissheit ist aus unserer Erfahrung sehr schwer greifbar. Je mehr Zeit vergeht, desto schmerzhafter wird es und desto mehr verzweifeln viele Angehörige. Allerdings ist es sehr individuell, wie Familien damit umgehen. Manchen tut es gut, die gewohnte Umgebung zu verlassen, anderen hilft gerade der Halt des Umfelds.

Was kann die Polizei nach wochenlanger Suche jetzt noch tun?
Leider eher wenig, sagt uns die Erfahrung mit früheren Vermisstenfällen. Entscheidend sind die ersten Stunden und Tage nach dem Verschwinden. Je schneller die breite Öffentlichkeit informiert ist, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass sich ein Zeuge findet. Im Fall Inga ist wirklich viel versucht worden. Unsere Erfahrung sagt uns leider, dass oft gerade Fälle mit kleinen Kindern nie oder eher zufällig aufgeklärt werden. Die Polizei muss weiter ermitteln. Aber alles, was man für eine Fahndung weiter veröffentlicht, ist jetzt nicht mehr so ergiebig.

Sie hatten ein zentrales Expertenteam gefordert, das beim Verschwinden kleiner Kinder bundesweit die Suche koordiniert. Wie kommt Ihre Idee an?
Nach unseren bisherigen Gesprächen scheint eine bundesweit zentrale Einheit derzeit utopisch. Wir haben von vielen Landespolizeibehörden eine Rückmeldung, dass das mit den föderalen Strukturen nicht vereinbar ist. Der Ansatz ist aber nach wie vor richtig. Wir schlagen vor, dass man eine Expertenstelle je Bundesland einrichtet - und hoffen, dass erst mal ein Land unsere Idee aufgreift. Andere Länder wie die USA und Polen zeigen, wie wichtig kontinuierlich arbeitende Spezialisten bei Vermisstenfällen sind, die sofort über alle Kanäle die Öffentlichkeit informieren und alle wichtigen Maßnahmen einleiten. Bei der derzeitigen deutschen Regelung sind viele Absprachen nötig, die gerade direkt nach dem Verschwinden so viel wertvolle Zeit kosten.

Interview: dpa

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