Magdeburg. Die 100-Tage-Bilanz hätte für alle eine recht lockere Veranstaltung werden können. Doch gut gelaunt war nur Finanzminister Jens Bullerjahn (SPD) - der Vizeregierungschef kam in Jeans und Jackett, Hemdkragen offen, und ohne Krawatte zur Konferenz. Ganz anders sein Chef Reiner Haseloff (CDU). Er hatte mit seinem fragwürdigen und seit fast einer Woche unerklärten Vergleich der Polizisten-Kennzeichnung mit vergangenen deutschen Epochen eine äußerst unangenehme Diskussion am Hals - und das war dem Ministerpräsidenten auch anzusehen.

Was war passiert?

Vor zwei Wochen hatten Grüne und Linke gefordert, dass Polizisten im harten Einsatz gekennzeichnet werden, damit sie, im Falle rechtswidriger Aktionen, strafrechtlich besser verfolgt werden können. Im Laufe der öffentlichen Debatte hatte Haseloff in einem Radio-Interview seine ablehnende Haltung so begründet: "Auch aus der deutschen Geschichte halte ich eine Kennzeichnungspflicht schlicht und einfach für unerträglich und unakzeptabel."

Darauf hagelte es empörte Proteste - auch vom Koalitionspartner SPD, da der Satz als Vergleich mit dem Nazi-Staat und den mit einem Stern gekennzeichneten Juden aufgefasst wurde. Haseloff ließ seinen Regierungssprecher mitteilen, dass er sich vor dem Hintergrund persönlicher Erfahrungen in der DDR geäußert habe. Eine nähere Erläuterung lehnte Haseloff jedoch zunächst ab - erst als er bundesweit eine Judenstern-Debatte am Hals hatte, zeigte er sich dazu bereit.

Gestern nun berichtete Haseloff von drei Erlebnissen. So sei ein früherer Schulkamerad nach einer gescheiterten Westflucht geschnappt und inhaftiert worden. "Er kam in den Knast und wurde dort gefoltert." Nach der Entlassung sei er ein gebrochener Mensch gewesen, der sich mitunter nicht mehr mit seinem Namen, sondern mit seiner "Häftlingsnummer" gemeldet habe. Außerdem seien Haft und Fluchtversuch in der Personenkennzahl registriert worden, die im Personalausweis der DDR stand. Der Mann, später vom Westen freigekauft, sei, nur 40-jährig, an Krebs gestorben.

Bei einem anderen Erlebnis beschreibt Haseloff seine Erfahrungen mit der Erweiterten Oberschule. Da er keine Jugendweihe mitgemacht hatte, sei der Besuch dieser mit einem Gymnasium vergleichbaren Schule nur nach Intervention der Eltern möglich gewesen. Der Direktor habe seiner Mutter gesagt: "Die Karteikarte Ihres Sohnes ist mit einem schwarzen Kreuz gekennzeichnet. Sagen Sie Ihrem Sohn, dass er sich jedes Wort gut überlegt, damit er nicht von der Schule fliegt."

"Nie vergessen" werde er auch, wie er als Erstklässler aus dem Zug geworfen wurde, weil seine Ermäßigungsfahrkarte für die Fahrt zum Religionsunterricht angeblich nicht gelte. Außerdem musste er sich als einer von zwei Religionsschülern vor die Klasse stellen, woraufhin der Lehrer gesagt habe: "Merkt Euch diese Namen."

Haseloff sagte: "Wir waren gekennzeichnet. Ich habe eine tiefe Aversion gegen die Kennzeichnung von Menschen und Gruppen." Und: "Man kann zur Kennzeichnungspflicht für Polizisten unterschiedlicher Meinung sein. Aber ich halte sie für nicht gerechtfertigt."

In den Koalitionsfraktionen CDU und SPD, aber auch in der Ministerrunde, fragten sich gestern viele, warum Haseloff dies nicht gleich nach dem Aufkommen der Debatte am vorigen Freitag so erläutert hatte. Einige äußerten auch Kritik an der Kommunikationspolitik und an Regierungssprecher Franz Kadell. Er hatte vorigen Freitag Haseloff im Urlaub angerufen, aber auf Wunsch Haseloffs nicht mehr als ein kurzes Statement an die Medien gegeben.

Auch die gestern versammelten Journalisten mehrerer Zeitungen sowie Rundfunk- und Fernsehsender hätten gern mehr gewusst - doch Nachfragen waren nicht zugelassen.