Seit zehn Jahren können schwule und lesbische Paare die eingetragene Lebenspartnerschaft eingehen. Gegenüber der herkömmlichen Ehe haben gleichgeschlechtliche Paare weniger Rechte. Das muss genügen, finden die einen. Wir brauchen die absolute Gleichstellung, sagen die anderen. Ralf Weithäuser und Sven Warminsky sehen sich selbst als vollwertiges Ehepaar und haben kein Verständnis dafür, dass der Staat es nicht auch tut.

Niederndodeleben. "Ist das nicht ein schönes Fleckchen Erde?" Das war der erste Satz, den Ralf Weithäuser zu Sven Warminsky sagte. Das war vor 16 Jahren, irgendwo an einem See. Sven Warminsky sagte damals "Ja" und 15 Jahre später noch einmal, als sie in einem kleinen Standesamt in Irxleben die Ringe tauschten.

"Wir mögen die Bezeichnung \'Eingetragene Lebenspartnerschaft\' nicht. Wir sind verheiratet und es fühlt sich auch genauso an", erzählen der 40-jährige Sven, der Landesgeschäftsführer der Aids-Hilfe, und der 41-jährige Ralf, der als Objektleiter in einem Autohof an der A2 arbeitet.

Doch was sie fühlen, ist rein rechtlich gesehen unerheblich. Nach der aktuellen Gesetzeslage ist die eingetragene Lebenspartnerschaft keine Ehe. Die wesentlichen Unterschiede liegen im Adoptionsverbot und bei der Einkommenssteuer. Und das bedeutet wiederum, dass es einem gleichgeschlechtlichen Paar nicht ohne weiteres möglich ist, eine Familie zu gründen oder die steuerlichen Vorteile zu nutzen, die eine Ehe mit sich bringt.

"Was die Steuer betrifft, werden wir wie zwei Menschen behandelt, die sich fremd sind. Warum haben wir die gleichen Pflichten, aber nicht die gleichen Rechte, die allen anderen Ehepaaren auch zustehen?", fragen Sven Warminsky und Ralf Weithäuser.

"Gleichstellung ist Menschenrecht"

Eduard Stapel, Journalist und Theologe aus Bismark (Altmark), kämpft seit Jahrzehnten für die Gleichstellung und gegen die Diskriminierung von Homosexuellen. Er hat den Aufbau der Schwulenbewegung in der DDR vorangetrieben und war lange Zeit Sprecher des Schwulen- und Lesbenverbands Deutschland (LSVD).

"Die Gleichstellung zur Ehe ist für mich eine Menschrechtsfrage. So lange ein homosexuelles Paar anders behandelt wird als ein heterosexuelles Paar, ist das Diskriminierung. Hier sieht es der Gleichheitsartikel im Grundgesetz, Artikel 3, nicht einmal vor, dass Menschen mit einer anderen sexuellen Identität vor Diskriminierung geschützt werden. Wir haben hier noch viel zu tun."

Sachsen-Anhalt hat bereits schon einiges getan. "Wir haben unsere Hausaufgaben gemacht", heißt es aus dem Ministerium für Arbeit und Soziales. "Auf Landesebene ist in den vergangenen Jahren alles, was rechtlich möglich war, in Richtung Abbau von Ungleichbehandlungen unternommen worden. Jetzt ist der Bund am Zug."

Grundsätzlich ist man sich unter den meisten Fraktionen einig, was die Notwendigkeit betrifft, die Ehe für gleichgeschlechtliche Paare vollständig zu öffnen. SPD, Grüne und Linke fordern die Änderung der eingetragenen Lebenspartnerschaft zu einer vollwertigen Ehe - mit allen Rechten und Pflichten.

Einzig die CDU tut sich schwer damit, formuliert ihre Bedenken allerdings vorsichtig. "Ehe und Familie sind der Grundpfeiler unserer Gesellschaft, die auch vor dem Gesetz besonderen Schutz bedürfen und das ist nach meinem Werteverständnis nur die klassische Familie, bestehend aus Vater, Mutter und Kindern", gibt der arbeits- und sozialpolitische Sprecher der CDULandtagsfraktion, Peter Rotter, zu verstehen. Er befürworte das Modell der eingetragenen Lebenspartnerschaft, plädiere aber dafür, sie als eine andere Lebensform neben der Ehe anzusehen.

"Die Institution der Ehe ist doch völlig veraltet, besonders was das Steuerrecht betrifft", sagt Eva von Angern, rechspolitische Sprecherin der Partei Die Linke. Die seit kurzem selbst verheiratete Politikerin meint: "Es gibt mittlerweile so viele unterschiedliche Lebensformen, dass eine Privilegierung der Ehe zwischen Mann und Frau nicht mehr zeitgemäß ist." So setzt sich die Linkspartei nicht nur dafür ein, dass schwule und lesbische Paare Kinder adoptieren dürfen, sondern auch, dass die steuerlichen Vergünstigungen für Ehepaare abgeschafft werden. "Jeder sollte individuell besteuert werden, und zwar abhängig davon, ob Kinder zu versorgen sind oder nicht."

Für Sven Warminsky und Ralf Weithäuser kommen Kinder allerdings nicht mehr in Frage.

"Vor zehn Jahren noch hätten wir uns ein Kind vorstellen können", sagen sie. Platz für ein Kind wäre in ihrem kleinen Haus mit Garten in Niederndodeleben (Bördekreis) genug. Eine ruhige Gegend, umringt von Natur und spielenden Nachbarskindern. Bürgerliche Familienidylle für die Enddreißiger-Generation.

"So lange ,schwule Sau\' das meist benutzte Schimpfwort auf den deutschen Schulhöfen ist, tue ich das einem Kind nicht an", erklärt Sven Warminsky. Es sei schlimmer geworden, sagt er. "Wo auf der einen Seite die Gesellschaft immer offener und toleranter zu werden scheint, wächst die Homophobie an den Schulen." Er könne sich nicht erklären, warum das so ist.

Es ist genau die Argumentation, die auch aus konservativen Kreisen zu hören ist.

Albrecht Steinhäuser ist Oberkirchenrat der Evangelischen Mitteldeutschlands (EKM). Zwar begrüßt er die eingetragene Lebenspartnerschaft, da es ein Symbol dafür ist, dass zwei Menschen sich einander versprechen. Die Öffnung des Adoptionsrechts sieht er problematisch: "Leider wird dabei kaum auf die Perspektive des Kindes geachtet. Hier wird dem Kind zugemutet, eine Nichtakzeptanz in seinem Umfeld auszuhalten. Es ist wichtig, dass der Staat verantwortlich reagiert." Er weist noch einmal darauf hin: "Es gibt nun einmal nicht zu übersehende Unterschiede zwischen einer gleichgeschlechtlichen Ehe und einer Ehe zwischen Mann und Frau. Diese Unterschiede würden bei einer Gesetzesangleichung verschwimmen.

"Unsere Liebe ist nicht weniger wert"

Unterschiede sehen Sven Warminsky und sein Mann nicht. "Die Gefühle, die wir füreinander empfinden, die sind doch genau dieselben und nicht weniger wert. Die Liebe, die ein gleichgeschlechtliches Paar seinem Kind entgegenbringt, doch auch."

Sie erzählen von einem befreundeten Paar, das sich nichts sehnlicher als ein Kind wünscht. "Sie müssen den gleichen Schmerz durchmachen wie Paare, die aus anderen Gründen keine Kinder bekommen können. Nur werden sie damit alleine gelassen."

Hinzu kommen all die Hürden, die ein Mensch durchmachen muss, der sich seiner Homosexualität bewusst wird. Das Gefühl, nicht zur Norm zu gehören, anders zu sein und die Angst, den Erwartungen der Eltern nicht gerecht zu werden, gleicht besonders in der Jugendzeit einem Spießrutenlauf.

"Ich habe sieben Jahre lang ein Doppelleben geführt", erzählt Ralf. "Niemand in unserem 160-Seelendorf durfte erfahren, dass ich schwul bin. Ich hatte wahnsinnige Angst."

"Mich gab es sechs Jahre lang nicht", sagt Sven Warminsky. "Immer wenn wir zusammen in den Urlaub gefahren sind, hat Ralf die Fotos von mir rausgenommen, bevor er sie anderen gezeigt hat."

Ein Leben in zwei Welten. Bis Ralf es nicht mehr aushielt. "Als es raus war, war es wie eine Erlösung." Die Eltern sagen jetzt Schwiegersohn zu seinem Mann.

Es ist ein paradoxes Verhalten einer Gesellschaft, die sich einerseits nach außen hin tolerant gibt, aber sich selbst nicht zutraut, homosexuellen Paaren die gleichen Rechte zuzusprechen wie allen anderen auch, finden sie.

"Konservative Rückzugsgefechte", sagt Sebastian Striegel, parlamentarischer Geschäftsführer der Grünen, dazu. "Verantwortung für andere, besonders für Kinder zu übernehmen, ist doch dem Staat wichtig, also sollte er das jedem Menschen ermöglichen."

Und genau hier sieht Sven einen wesentlichen Punkt, der ihm Kopfschütteln bereitet: "Wir vertreten doch mit dem, was wir fordern, strikt konservative Werte. Das Versprechen, für den anderen da zu sein, in guten wie in schlechten Zeiten, sich bedingungslos an den anderen zu binden. Die CDU regiert doch an der Lebenswirklichkeit vorbei und schneidet sich damit ins eigene Fleisch."

Während die Gesellschaft sich im kulturellen Wandel befindet, kommen die Gesetzesgeber nicht hinterher, sagt auch Eva von Angern. "Nur die Änderung des Gesetzes kann dazu beitragen, dass schwule und lesbische Ehepaare zur Normalität werden."

Eduard Stapel macht deutlich, dass eine Gesetzesangleichung nur ein Schritt von vielen ist. In der alltäglichen Wahrnehmung sind gleichgeschlechtliche Ehepaare von der Normalität noch weit entfernt. "Es fängt schon bei einem Bausparvertrag an, der nur vorsieht, dass man entweder ledig oder im klassischen Sinne verheiratet ist. Im normalen Alltag wird überhaupt nicht davon ausgegangen, dass man auch gleichgeschlechtlich ,verheiratet\' sein könnte."

Sven Warminsky und Ralf Weithäuser führen eine Ehe in Gedanken und eine Lebenspartnerschaft auf dem Papier. Sie wollen zusammen alt werden. Wie ein ganz normales Ehepaar eben. "Ich wünsche mir eine Gesellschaft", sagt Sven, "in der wir kein ,Coming-out\' mehr brauchen. Wo schwul oder lesbisch sein, keiner Beichte mehr gleichkommt."