In Prettin (Landkreis Wittenberg) öffnet heute die neue Gedenkstätte des Konzentrationslagers Lichtenburg. 10000 Frauen und Männer wurden in dem Schloss seit 1933 von den Nazis eingesperrt, gefoltert und in einigen Fällen auch ermordet.

Prettin/Magdeburg l "Er war wunderbar", sagt die Magdeburgerin Hildegard Neumann und blättert durch alte Unterlagen ihres Vaters Gustav Hammermann. Die mittlerweile 90-Jährige erinnert sich noch genau an ihre Kindheit und Jugend in Calbe/Saale. Ihr Vater, so Hilde Neumann, war nicht nur ein begabter Maler und überzeugter Kommunist. "Er hatte auch die für viele Zeitgenossen unbequeme Angewohnheit, immer die Wahrheit zu sagen und sich für die kleinen Leute einzusetzen", denkt sie zurück.

In und um Calbe/Saale, wo der 1900 geborene Hammermann erster Sekretär der KPD und stellvertretender Stadtverordnetenvorsteher war, kannte und mochte ihn deshalb jedes Kind - abgesehen von den Nationalsozialisten. Der begabte Redner Hammermann, der kein Blatt vor den Mund nahm, erschien ihnen gefährlich. Als die Nazis 1933 die Macht ergriffen und die KPD ausschalteten, verhafteten sie auch Gustav Hammermann und verschleppten ihn erst ins Strafgefängnis Berlin-Plötzensee, dann ins KZ Sonnenburg in Küstrin (heute Polen) und schließlich nach Prettin ins Schloss Lichtenburg.

Hammermann ist nur einer von rund 10000 Frauen und Männern, die dort zwischen 1933 und 1945 inhaftiert waren. Erst wenige Jahre zuvor war das in dem ab 1574 gebauten Schloss untergebrachte preußische Zuchthaus geschlossen worden - wegen mangelhafter baulicher und sanitärer Zustände. Für "Schutzhäftlinge" schien es der Obrigkeit nun wieder geeignet, und so wurden im Juni 1933 nach Prüfung durch den Torgauer Landrat 500 Häftlinge aus dem Regierungsbezirk Merseburg in die Lichtenburg verlegt. Das Schloss war damit eins der ersten Konzentrationslager des Dritten Reiches.

Die ersten Inhaftierten der "Lichte" stammten aus der Region und waren wie Gustav Hammermann überwiegend politische Gegner der Nationalsozialisten: Angehörige, Funktionäre und Sympathisanten der KPD, Sozialdemokraten, Gewerkschafter und Intellektuelle unterschiedlicher Berufe und politischer Auffassungen. Bekannte Häftlinge waren zum Beispiel der Magdeburger Oberbürgermeister Ernst Reuter, die Widerstandskämpferin Olga Benario oder der Schauspieler Wolfgang Langhoff. Außerdem wurden Zeugen Jehovas, Homosexuelle, Menschen jüdischer Abstammung, die nach den "Nürnberger Gesetzen" als sogenannte "Rasseschänder" galten, sogenannte "Berufsverbrecher und Kriminelle" als Vorbeugungshäftlinge hier interniert. Bereits im September 1933 war das Lager mit 1600 Insassen doppelt überbelegt. Die Haftbedingungen waren menschenunwürdig, von Schikanen, Hunger und Gewalt geprägt.

"Mit der Lichtenburg haben wir eine Lücke innerhalb der mitteldeutschen Gedenkstätten geschlossen", sagt Kai Langer, Direktor der Stiftung Gedenkstätten Sachsen-Anhalt. Wenn die Menschen an Konzentrationslager dächten, hätten sie meist Baracken- und Vernichtungslager wie Auschwitz oder Buchenwald vor Augen. In Prettin, dem einzigen Ort, der nahezu über die gesamte NS-Diktatur hinweg als KZ- und SS-Standort genutzt wurde, könne man hingegen andere historische Facetten des Dritten Reiches zeigen. "Alle Entwicklungen des KZ-Systems in der NS-Zeit sind in der Lichtenburg sichtbar", erklärt Langer.

Vor allem in seiner Frühphase habe das KZ Lichtenburg als zentrales "Schutzhaftlager" für Preußen und als "Muster- und Ausbildungs-KZ" bei der Entwicklung sowie bei der Reorganisation und Einrichtung des Konzentrationslagersystems 1934/35 eine herausragende historische Bedeutung gehabt. In der Anfangszeit galten in den "wilden Konzentrationslagern" unter Aufsicht der Polizei im Wesentlichen noch die Regeln des allgemeinen Vollzugs.

Die Möglichkeiten, psychische und körperliche Gewalt auszuüben, hat das ab 1934 für die KZ zuständige SS-Wachpersonal dann vor allem in der Lichtenburg erprobt, verfeinert und in anderen Lagern eingeführt. So wurde in Prettin der später in jedem Konzentrationslager benutzte Prügelbock entwickelt, auch die äußerst schmerzhafte Foltermethode des Pfahlhängens soll innerhalb der historischen Mauern des Schlosses regelmäßig zur Anwendung gekommen sein. Ebenfalls ab 1934 galten in Prettin die Vorschriften der Dachauer Lagerordnung, in der den Häftlingen bei Vergehen ausdrücklich Körper- und Todesstrafen drohten.

Dass die SS diese Urteile mit Perfidie und grausamer Kreativität umsetzte, mussten zwei Frauen erfahren, die bei einem Fluchtversuch gefasst wurden. Der Lagerkommandant ließ sie zur Abschreckung im Beisein aller Häftlinge in einen Käfig sperren und von Hunden zerreißen. Es waren nicht die einzigen Toten im Lager, dessen Bedeutung erst nach der Einrichtung der Konzentrationslager Buchenwald und Sachsenhausen und später Ravensbrück abnahm. Zwar sind für Prettin nur etwa 20 Tote belegt, viele Insassen starben aber in späteren Jahren nach erneuter Verhaftung oder Verlegung in andere Lager. Ehemalige Gefangene der "Lichte" erinnern sich, dass es statt Abendbrot Prügel gab, Sport und Drill bis zur Erschöpfung, rücksichtslose Arbeitseinsätze im Lager und in Prettin, kaum einhaltbare Kleider- und Schuhputzvorschriften, mit denen die SS-Wärter die Insassen schikanierten. "Es ist böse Zeit. Mehr denn 1200 Menschen sind hier, die man zugrunde richtet", hat in diesen Jahren ein unbekannter Häftling an eine der Zellenwände im berüchtigten Strafbunker geschrieben. Dort wurden Häftlinge eingesperrt und gefoltert, die gegen die Lagerordnung verstoßen hatten. Bis heute ist der Bunker als Teil der Gedenkstätte zu besichtigen.

Ob Gustav Hammermann, der nie von seiner kommunistischen Überzeugung abrückte, auch im Bunker saß, ist nicht bekannt. Er überlebte 1935/36 die Zeit im KZ Lichtenburg. "Mein Vater war sehr sportlich und zäh, konnte mit einem Atemzug die Saale durchtauchen", erinnert sich Hildegard Neumann. Hammermann schickte der heute 90-Jährigen aus der Haft zum 14. Geburtstag außerdem eine kunst- und liebevoll gestaltete Karte mit bunten Stoffblumen, die sie bis heute aufgehoben hat. An den Wänden ihrer Wohnung hängen seine Bilder und auch eine Intarsie, die er in der Haft anfertigte.

Hilde Neumann vermutet, dass ihr Vater von den Wachen die nötigen Stifte und das Papier erhielt und auch für sie Kunstwerke anfertigte, obwohl das streng verboten war. Hammermann porträtierte in Lichtenburg mehrere andere Insassen und Weggefährten, darunter den Rechtsanwalt Hans Litten. Dieser hatte Adolf Hitler 1931 in einem Prozess in den Zeugenstand gerufen und ihn durch geschickte Befragung als Gegner der Weimarer Republik bloßgestellt.

Die komplett neu erstellte, mittlerweile dritte Ausstellung zum KZ Lichtenburg setzt stark auf Originaldokumente und Erinnerungen wie die Hildegard Neumanns. "Wir wollen sachlich informieren und Mitgefühl wecken, aber kein Gruselkabinett einrichten", sagt Kai Langer. 400 Quadratmeter groß ist der Ausstellungsbereich im für 1,6 Millionen Euro aus Bundes- und Landesmitteln komplett renovierten ehemaligen Werkstattgebäude. Drei Wandkarten veranschaulichen das KZ-System im Dritten Reich, Tische und Vitrinen zeigen Originale und vermitteln überblicksartige Informationen. In einer Art zweiter Leseebene sind herausziehbare Tafeln in die Tische eingebracht, auf denen Hintergrundtexte zur Vertiefung stehen. Multimedia-Stationen zeigen den Besuchern, was sich in der NS-Zeit in ihren eigenen Heimatorten abspielte.

"Innovativ, aber ohne störanfällige Spielereien", charakterisiert Sven Langhammer die Ausstellung. Der Hallenser Historiker ist ausgewiesener Lichtenburg-Experte und hat das Team geleitet, das die Inhalte erstellt hat. Sie wurden wie bei Gedenkstätten üblich ausführlich mit Beiräten und auswärtigen Experten aus anderen Gedenkstätten, Opferverbänden und Historikern diskutiert. "Wir stehen hier erst am Anfang der Gedenkstättenarbeit und wollen demnächst auch ein pädagogisches Konzept vorlegen", betont Kai Langer. Er wünscht sich, dass seine Stiftung durch die Ausstellung neue Kontakte in der Region knüpfen kann.

"Die Lichtenburg soll ein lebendiger Gedenkort werden und vor allem Schulklassen und Jugendliche, aber auch Fahrradtouristen von der nahen Elbe anziehen", ergänzt der neue Gedenkstättenleiter und Historiker Johannes Schwartz. Zwei-Stunden- bis mehrtägige Projekte mit thematischen Schwerpunkten sind möglich, geeignet seien die Ausstellungsinhalte für Schüler ab der 9. Klasse.

Hildegard Neumann, die bereits mehrfach auf der Lichtenburg war, freut sich über die neue Gedenkstätte und wünscht sich, dass die junge Generation das dort unter den Nationalsozialisten Geschehene nicht vergisst. Ihr Vater Gustav Hammermann hat das Dritte Reich und seine KZ-Haft nur überlebt, weil er nach dem Attentat auf Adolf Hitler am 20. Juli 1944 nicht sofort greifbar war. Nach dem Krieg organisierte Hammermann in der DDR Handel und Versorgung und kontrollierte die volkseigenen Betriebe. Auch dort sei er mit seinem Gerechtigkeitssinn angeeckt und habe sich bis zum seinem Tod 1970 dafür eingesetzt, dass weder er noch andere eine Extrawurst bekämen.

Für seine Tochter ist Gustav Hammermann deshalb noch immer ein Vorbild. "Ich habe mich auch nie unterkriegen lassen", sagt Hildegard Neumann.

   

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