In Sachsen-Anhalt gibt es Studentenverbindungen erst wieder seit dem Fall der Mauer. Ihr Prinzip: Liebe zum Vaterland und bedingungslose Loyalität untereinander. "Wir sind Patrioten", sagen die Mitglieder der Burschenschaft "Prata-Schleusingen zu Magdeburg" über sich.

Magdeburg l Wenn Max spricht, dann klingt das ein bisschen so, wie man es noch aus schwarz-weißen Vorkriegsfilmen kennt. "Umherlaufen ist nur zum Zwecke der Bierversorgung gestattet", mahnt der 24-Jährige seine Bundesbrüder, die sich im "alten neuen Lokschuppen" in Magdeburg-Neustadt versammelt haben.

Seine Bundesbrüder, das sind rund 20 Studenten und Ehemalige, die "alte" Herren genannt werden. Mit grünen Mützen auf den Köpfen und Couleurbändern, die unter den Anzügen hervorblitzen,sitzen sie an langen Tischen. Ein feierlicher Anlass, denn vor 110 Jahren hat sich die Burschenschaft "Prata-Schleusingen" gegründet. Der Blick ist auf Max gerichtet, Kerzenlicht erfüllt den Raum. Vor ihnen stehen Bierkrüge, halb ausgetrunken. Nur einer der Gäste scheint aus der Reihe zu fallen, mit seinem Milchglas in der Hand. Er lacht und sagt: "Zuerst ein Glas Milch, das ist meine Tradition."

"Silentium", ruft jemand, dann erklingt Marschmusik. Mit feierlich ernster Miene betreten festlich, im sogenannten "Wichs"gekleidete Männer den Saal. Einer genauen Choreografie folgend und im Takt zur Musik werden die Säbel (Schläger) gereckt. Sie schreiten vorbei an der großen schwarz-rot-goldenen Flagge, die an der Steinmauer hängt. Bilder einer längst vergangenen Zeit,wären da nicht die Smartphones, mit denen eifrig der "Einzug der Chargierten" fotografiert wird.

Dann spricht Max wieder. "Wo ist des Burschen Vaterland?", fragt er in die Runde. Er hält ein kleines Stück von der Berliner Mauer hoch und fährt fort: "Das ist ein Stück Weltgeschichte. Und es steht als Symbol für jene Mauer, die so viel Leid über uns gebracht hat."

Er erinnert an die Reaktivierung der Burschenschaft vor 21 Jahren. In der DDR und zur Zeit des Nationalsozialismus waren Studentenverbindungen verboten. Erst nach dem Fall der Mauer haben sich in den ostdeutschen Universitätsstädten die Studentenverbindungen nach und nach wieder angesiedelt. "Deutschland ist unteilbar und eine großartige Idee, die wir verteidigen müssen", sagt Max mit fester Stimme. Dann hebt er das gefüllte Bierglas. "Prost Corona". "Fiducit" (es gelobe), schallt es zurück. Der junge Mann mit der Milch trinkt sein Glas mit einem Zug aus.

Burschenschaften verfügen über ein eigenes Vokabular. Da ist ein Bier "ein Schmolles" oder ein "geziemter Streifen", und wer aufsteht, erhebt sich auf die "Bierbeine". Bier ist überhaupt wichtig. Bier besiegelt Freundschaften, Bier verbindet die Verbindung, Bier hat Symbolkraft.

Rituale und Traditionen sind dabei das Gerüst für den Zusammenhalt. Ausschließlich altes studentisches Liedgut wird bei den Festveranstaltungen gesungen. "Den Jüngling reißt es fort mit Sturmeswehn, für\'s Vaterland in Kampf und Tod zu geh\'n", erklingt das aus der Zeit der Weimarer Republick stammende Bundeslied der Burschenschaft aus den Männerkehlen. Die "Bierversorgung" stellt sicher, dass die Gläser gefüllt bleiben.

"Hier kann man sich auf den anderen verlassen"

Hannes ist 26 Jahre alt, kam vor einem Jahr in die Burschenschaft. Sofort hat er sich wohl gefühlt, sagt er. "Ich mag das Feierliche und das, was bei uns unter Freundschaft verstanden wird. Hier kann man sich auf den anderen verlassen, ein Leben lang." Die "Fuxenzeit" ist nun beendet. Das ist eine Art Probezeit, bevor man endgültig in die Verbindung aufgenommen wird. Er hat die Grundlagen des akademischen Fechtens gelernt und eine dreistündige Prüfung abgelegt. Seine "Burschung", wie das Aufnahmeritual genannt wird, erfolgt heute.

Seine Freunde außerhalb der Verbindung fragen ihn immer wieder, warum er sich einer Gruppe anschließt, in der nur Männer zugelassen sind. Mit Sexismus habe das nichts zu tun. Hannes findet, es ist auch mal schön unter sich zu sein. "Sonst schätze ich natürlich die Gesellschaft von Damen."

Max erklärt: "Man muss vieles aus der Tradition heraus sehen. Als sich die ersten Verbindungen im 19. Jahrhundert gründeten, gab es an den Universitäten keine Frauen. Und auch wenn bei unseren Liedern die Sprache nicht mehr aktuell sein mag, der Inhalt ist es dafür umso mehr." Er selbst bezeichnet sich als konservativ, wie die meisten Mitglieder der Prata-Schleusingen. "Treue", sagt Max, "Verlässlichkeit und das Bekenntnis zur deutschen Kultur sind mir wichtig." Das Wort eines Mannes müsse auch heute noch was gelten. Auch das singen sie auf dem Stiftungsfest. "Fürwahr, es muss die Welt vergehen, vergeht das feste Männerwort". Eine Festrede folgt. Dann ist Hannes an der Reihe. Er legt sein Fuxenband ab. Sein neues, dreifarbiges Band hält er fest in den Händen. Feierlich spricht er den "Burscheneid", während seine Bundesbrüder ihm anerkennende Blicke zuwerfen. Man prostet sich zu und singt das Bundeslied: "Wo Mut und Kraft in deutscher Seele flammen ..."

Das Wort "deutsch" fällt oft an diesem Abend. "Ich liebe mein Land", sagt Max . "Und dazu habe ich allen Grund. Wir leben hier in Freiheit und Frieden und ich bin dankbar dafür. Ich kann sagen, dass ich stolz bin, ein Deutscher zu sein."

Die "Linksliberalen", wie er sagt, seien doch mit ihrem fehlenden Nationalgefühl verklemmt. "Wir sind keine Nationalisten oder Rassisten. Wir schwimmen gegen den Strom, und das macht nicht immer Spaß." Und Hannes sagt: "Jeder hat doch das Recht, sein Land zu lieben." Sie wollen nicht mit den Rechtsextremisten gleichgesetzt werden, die vereinzelt in Burschenschaften immer wieder auftauchen. Menschen aller Nationalitäten seien bei ihnen willkommen. "Wir distanzieren uns ausdrücklich vom rechten Gedankengut. Wir leben nach der freiheitlich demokratischen Grundordnung. Das ist unser Prinzip."

Beide finden, dass die alten Werte, so wie sie sie verstehen, erhalten bleiben müssen. Aktuelle gesellschaftliche Entwicklungen betrachten sie mit Sorge. Die Abschaffung der Wehrpflicht zum Beispiel: "Dadurch identifizieren sich die Menschen noch weniger mit ihrem Land."

"Ich komme aus einem linken Elternhaus", erklärt Max. "Vielleicht ist mein Ausleben von konservativen Werten meine Art der Revolution."

Die leeren Biergläser knallen auf die Tische. Frisch Gezapfte werden eilig nachgereicht. Man erhebt sich für die Nationalhymne. Ein emotionaler Moment, durchdrungen von Bierseeligkeit. Die Mützen sind beim Singen fest an die Brust gedrückt. Dann erklärt Max den offiziellen Teil des Festes für beendet.

Jetzt wird es gemütlich. Als Freunde sitzen sie noch zusammen, bei Bier und Schweinebraten.

 

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