Tina ist spurlos verschwunden. Seit dem 3. November sendet die Jungwölfin vom Truppenübungsplatz Altengrabow (Jerichower Land) kein Lebenszeichen mehr. Experten vermuten einen technischen Defekt am Sender.

Dörnitz/Altengrabow l Wo ist Tina? Auf diese Frage finden seit knapp sechs Wochen weder Martin Trost, Dezernent für Tierartenschutz im Landesamt für Umweltschutz (LAU), noch Ilka Reinhardt vom Wildbiologischen Büro Lupus eine zufriedenstellende Antwort. Denn seit dem 3. November übermittelt der Sender am Halsband der Jungwölfin Tina vom Truppenübungsplatz Altengrabow im Jerichower Land keine GPS-Daten mehr. "Wir tippen auf einen Senderausfall", erklärt Martin Trost gestern auf Volksstimme-Nachfrage, "denn schon im Oktober zeigte der Sender erste Schwächen." Und: "Damit ist das Telemetrieprojekt wohl vorerst abgeschlossen. Wie es weitergeht, soll im Januar entschieden werden." Vielleicht, so der LAU-Mitarbeiter, könne man das frei gewordene Geld in genetische Untersuchungen stecken, vielleicht könnten im übernächsten Jahr auch weitere Wölfe besendert werden.

Das Telemetrieprojekt war auf zwei Jahre ausgelegt. Im Januar 2011 wurde damit offiziell begonnen. "Insgesamt kostet es etwa 86 000 Euro", teilte Jeanette Tandel, stellvertretende Pressesprecherin im Umweltministerium Sachsen-Anhalt, gestern auf Volksstimme-Nachfrage mit. Es werde durch EU- und Landesmittel umgesetzt. Träger ist das Landesamt für Umweltschutz mit Sitz in Halle. Für die Umsetzung selbst ist wiederum das Wildbiologische Büro Lupus mit Sitz in Spreewitz (Sachsen) verantwortlich. Dort sind die Mitarbeiterinnen Ilka Reinhardt und Gesa Kluth seit 2001 mit einem so genannten Wolfsmonitoring beschäftigt. Seither erheben sie wissenschaftliche Daten über das Vorkommen und die Verbreitung der Wölfe in der Lausitz und seit zwei Jahren auch auf dem Truppenübungsplatz Altengrabow (Jerichower Land).

"Wir wussten schon vorher, dass wir in dem Telemetrieprojekt nicht vor Überraschungen gefeit sein werden", erklärte Martin Trost. Erfahrungen hätten gezeigt, dass nicht jeder Sender zwei Jahre durchhalte. Der Senderausfall sei also bei Weitem nicht ungewöhnlich.

Die letzte Ortung der eineinhalbjährigen Wölfin Tina stamme aus einem Waldgebiet östlich von Roßlau. Dort hielt sie sich jedoch nur tagsüber auf (siehe Grafik).

Erst im Herbst dieses Jahres habe Tina immer längere Ausflüge unternommen und ihr heimisches Revier verlassen. "Ihr Radius wurde immer größer", berichtete Martin Trost. Bereits im September habe sich die Wölfin wiederholt südlich von Wiesenburg (Brandenburg) aufgehalten. Ein anderer Ausflug führte sie bis zur A9, allerdings habe sie die Autobahn nie überquert.

Im Oktober habe Tina ihr Gebiet "in alle Richtungen weiter ausgedehnt", so der LAU-Mitarbeiter. Mittlerweile habe ihre Ost-West-Ausdehnung etwa 66 Kilometer erreicht. Zwischen dem nördlichsten und dem südlichsten Punkt liegen noch einmal "weit über 30 Kilometer".

Drei Tage lang habe Tina sich sogar im Gebiet eines Rudels auf dem Truppenübungsplatz Lehnin aufgehalten. Dort sollen ebenfalls mindestens fünf Welpen leben. "Offensichtlich können sich Jährlinge noch bei anderen Rudeln problemlos aufhalten", so Martin Trost.

Im März dieses Jahres hatten Tina und ihre Schwester Zora jeweils ein Senderhalsband von den Mitarbeitern des Büro Lupus erhalten (Volksstimme berichtete). Beide Tiere waren im Frühjahr 2010 auf dem Truppenübungsplatz Altengrabow geboren und im März 2011 besendert worden. Sie gehören zum zweiten Wurf auf dem 10 000 Hektar großen Platz seit der Wiederansiedlung eines Wolfspaares im Frühjahr 2009. Das Areal wird vom Bundesforstbetrieb Nördliches Sachsen-Anhalt betrieben. Hier arbeiten das LAU und die Mitarbeiter des Büros Lupus mit dem Wolfsbeauftragten der Bundesforst, Klaus Puffer, zusammen. Der Revierleiter ist regelmäßig auf dem Gelände und sammelt beziehungsweise fotografiert Wolfsspuren wie Losung oder Pfotenabdrücke.

Jungwölfin Zora zog es im Mai schnell in die Ferne Richtung Lüneburg. Doch schon im Juni trafen von ihr keine SMS mit Ortungsdaten mehr auf den Rechnern der Wolfsexperten ein. "Wir haben absolut keine Hinweise mehr über den Verbleib von Zora", sagte Martin Trost. "Wir wissen nicht, was mit ihr passiert ist."

Alle Hoffnung, mehr über das Raum-Zeit-Verhalten der Wölfe in Sachsen-Anhalt zu erfahren, ruhten seither auf Tina. Die Jungwölfin zog es im Gegensatz zu ihrer Schwester nicht sofort von den Eltern fort. Im Gegenteil. Vermutlich half sie sogar bei der Aufzucht des dritten Wurfs. Denn im Frühjahr dieses Jahr wurden auf dem Platz erneut mindestens fünf Welpen geboren. "Eventuell sind es sogar sieben", meint Ilka Reinhardt. "Allerdings gab es bislang nur Sichtungen und keine Beweise. Dagegen ist die Zahl fünf sicher."

Die Frequenz von Tinas Sender wurde zwischenzeitlich sogar erhöht. Dadurch sollten genauere Ergebnisse über ihren Aufenthalt gewonnen werden. Auch Wildrisse hätten so dem Tier zugeordnet werden können, allerdings nur im Gebiet von Sachsen-Anhalt. "Wir arbeiten noch nicht länderübergreifend zusammen", berichtete Martin Trost.

Doch nicht nur territoriale sondern auch technische Grenzen hätten das Telemetrieprojekt hin und wieder ins Stocken gebracht. Die GPS-Daten werden übers Handynetz übermittelt. Und genau dieses ist insbesondere auf dem Truppenübungsplatz Altengrabow nur suboptimal.

Mit dem zweiten Senderausfall sei das Telemetrieprojekt zwar vorerst beendet, doch das so genannte Wolfsmonitoring werde fortgesetzt. "Die Telemetrie ist zwar spannend und das i-Tüpfelchen, aber das Monitoring ist ebenfalls sehr wichtig", meinte Ilka Reinhardt. Die systematische Erfassung der Daten zur Lebensweise der Wölfe konzentriere sich deshalb weiterhin auf das Gebiet des Truppenübungsplatzes Altengrabow. "Wir wollen erfahren, welche Reproduktionen der Wölfe stattfinden und welche Ausbreitung es gibt."

Wölfin Tina habe sich derzeit in der Phase der Abwanderung befunden. Das hätten die zunehmend länger andauernden Ausflüge bewiesen, erklärte Martin Trost. Laut Datenerhebung sei sie in den vergangenen Wochen durch ein Gebiet von mehr als 1000 Quadratkilometer gezogen. "Das bedeutet allerdings nicht, dass nun das gesamte Rudel dieses Gebiet einnimmt", so der LAU-Mitarbeiter.

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