Der am 30. November in einem Magdeburger Asia-Imbiss gefundene Fuchskadaver hat für viel Wirbel gesorgt. Volksstimme-Mitarbeiterin Corinne Plaga sprach deshalb mit dem Vietnamesen Nguyen Tien Duc aus Magdeburg.

Volksstimme: Der Fund des Fuchses in einem Magdeburger Asia-Imbiss hat viele aufgeregt. Die Inhaber aus Vietnam mussten vorerst schließen. Wie erklären Sie sich diesen Skandal?

Nguyen Tien Duc: Die Vietnamesen und die Deutschen - das sind zwei verschiedene Kulturen, zwei Denkweisen, die weit voneinander entfernt sind. Die Vietnamesen finden es zum Beispiel eklig, dass die Deutschen fertig verpackte Hühner aus dem Tiefkühlregal im Supermarkt kaufen und zubereiten oder dass hier rohes Gehacktes auf Brot gegessen wird. Auch Heringssalat finden sie eher abstoßend.

Volksstimme: Die Esskultur ist also eine komplett andere in Vietnam?

Duc: Ja, in Vietnam leben viele Menschen auf dem Land und ernähren sich von dem, was die Natur bietet. Also auch von Hasen, Igeln oder Fischen aus dem Fluss. Für Vietnamesen, die so sozialisiert sind, ist es normal, dass auch mal ein Fuchs auf dem Tisch landet. Dieser gilt dort zudem als Delikatesse. Sie schlachten die Tiere selber. Auch die Großstädter in Vietnam essen gerne diese Spezialität, wenn sie ihnen angeboten wird. Die Mentalität dort ist eben eine ganz andere als hier.

Volksstimme: Die Beziehung zum Tier ist anders?

Duc: Ja, die Vietnamesen halten nicht viel davon, dass wir unsere Hühner in Käfigen in Massenproduktion halten. Das finden sie abartig. Wenn Vietnamesen in Deutschland Gäste empfangen, holen sie immer ein frisches Huhn vom Bauern. Tiefgekühltes sehen Vietnamesen als minderwertig an.

Volksstimme: Sie kennen das Inhaber-Paar des Asia-Imbisses "Bao Viet" persönlich. Was sagen sie zu dem Vorfall?

Duc: Sie bereuen den Vorfall zutiefst und sagen, dass, wenn sie gewusst hätten, welche Konsequenzen das für sie hat, hätten sie niemals den Fuchs in ihrer Küche zerlegt. Sie haben das Tier unterwegs gefunden, haben dann auch mit sich gerungen, ob sie es schlachten oder nicht. Sie wollten den Fuchs für sich selber zubereiten. Das Fleisch war aber keinesfalls für die Gäste gedacht. Ihnen war auch nicht klar, dass das Tier eventuell Krankheiten haben könnte, da Füchse in Vietnam nicht so nah an Städten leben wie hier und dadurch kaum Krankheiten haben.

Volksstimme: Haben auch Verwandte und Bekannte aus Vietnam auf den Skandal reagiert?

Duc: Ja, Vietnamesen aus dem Ausland haben mich teilweise angerufen und gefragt: Was ist denn bei euch in Magdeburg los?

Volksstimme: Wie geht es den Inhabern im Moment?

Duc: Das war für sie und die ganze vietnamesische Gemeinde in Magdeburg ein großer Schock. Der Familie geht es sehr schlecht. Gerade jetzt zur Weihnachtszeit hätten sie Gäste gebrauchen können. Der Ruf ihres Restaurants ist aber ruiniert. Und rückt leider auch die ganze asiatische Küche in ein schlechtes Licht.

Volksstimme: Einige Deutsche mögen sich in ihren Vorurteilen bestätigt fühlen, was die asiatische Zubereitung von Tieren angeht?

Duc: Ja, viele sehen das als Bestätigung ihrer Klischees und meiden daher jetzt den Besuch solcher Asia-Restaurants. Doch die Küche ist nicht überall gleich, es gibt Unterschiede.

Volksstimme: Ihre Frau betreibt ebenfalls ein vietnamesisches Restaurant in Magdeburg. Welche Erfahrungen macht sie dort nach dem Fuchs-Skandal?

Duc: Das Geschäft läuft weiterhin gut. Es gibt Stammkunden, die Vertrauen haben. Sie schätzen die gehobene, authentische Küche. Trotzdem haben einige sicher Berührungsängste entwickelt. Ich weiß von anderen Restaurantbesitzern, dass es zum Vorjahr beispielsweise weniger Reservierungen für Weihnachtsfeiern gibt.

Volksstimme: Haben die Deutschen ein Problem mit anderen Kulturen?

Duc: Ich würde sagen, Kultur ist immer eine Sache der Betrachtung. Die Moslems zum Beispiel essen ja auch kein Schweinefleisch, das ist für sie undenkbar. Das können Deutsche wiederum nicht verstehen. Das Verständnis ist immer anders. Als ich bei einem Besuch in Vietnam meiner Mutter erzählt habe, dass die Deutschen FKK machen, fand sie das schlimm und fragte: Sind die wirklich so pervers?

Volksstimme: Wie geht es Ihrer Meinung nach für die Betreiber in Magdeburg weiter?

Duc: Ich hoffe, dass sie ihren Imbiss bald wieder öffnen können. Die beiden kamen damals als vietnamesische Vorzeigeschüler in die DDR, um hier zu studieren. Leider fanden sie in ihrem erlernten Beruf keine Stelle, darum haben sie die Idee gehabt, ein Restaurant zu eröffnen. Sie sind beide etwa 60 Jahre alt. Am liebsten würden sie die Zeit zurückdrehen und alles ungeschehen machen. Ihre Kinder sind schon erwachsen und aus dem Haus, das Paar wohnt vorerst weiterhin über dem geschlossenen Restaurant in Fermersleben.

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Die Staatsanwaltschaft Magdeburg, die Ende November die Ermittlungen in dem Fall aufgenommen hat, gab gegenüber der Volksstimme an, dass bisher noch keine Untersuchungsergebnisse des Landes-Hygiene-Instituts in Stendal vorliegen.

 

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