Halle/Magdeburg l Mit Beginn des Wintersemesters 2011/12 ist an den Universitäten Halle und Magdeburg je eine "Klasse Allgemeinmedizin" gestartet. Mit dem Projekt wollen die Unis gemeinsam mit der Kassenärztlichen Vereinigung, dem Hausärzteverband und weiteren Partnern junge Studienanfänger für den Hausarztberuf interessieren. Während in Magdeburg nur die Hälfte der 20 Plätze belegt ist, verzeichneten die Hallenser einen wahren Ansturm: 50 Erstsemester hatten sich beworben, nachdem die Idee mehrfach in der Presse und den Einführungsveranstaltungen vorgestellt worden war. Viele davon kommen aus Sachsen-Anhalt oder den benachbarten Bundesländern.

Eine der ambitionierten Hausärztinnen von morgen ist Katharina Wendt. "Ich will Ärztin werden, um in der Region zu bleiben und meiner Heimat zu helfen", sagt die 26-Jährige aus Eisleben (Landkreis Mansfeld-Südharz) entschlossen. Jobmangel kennen junge Mediziner für gewöhnlich nicht, können sich im Gegenteil eine Stelle aussuchen. Oft werden sie mit guten Gehältern gelockt.

Als Haus- und Landarzt wird man dagegen nicht unbedingt reich, doch das ist Johannes Thon aus Mühlhausen in Thüringen egal. "Ich will lieber im Osten arbeiten, weil ich mich hier wohlfühle", betont der 24-Jährige. Sein Kommilitone Stephan Müller (26) sekundiert: "Natürlich muss das Geld zum Leben reichen, aber es spielt nicht die Hauptrolle."

Das hat auch Studienkoordinatorin Claudia Langosch beobachtet. "Der Arztmangel auf dem Land ist doch nichts Neues. Geld alleine kann scheinbar keinen Mediziner locken", ist sie überzeugt. Die "Klasse Allgemeinmedizin" gehört nun zu den Wahlfächern an den Unis in Halle und Magdeburg, von denen die Erstsemester sowieso eins wählen müssen. In den ersten vier Semestern bis zum Physikum folgen die Studenten einem festen Lehrplan, der das Training hausärztlicher Fertigkeiten, Kommunikationstraining für den Umgang mit den Patienten, ein Seminar für ärztliche Fallarbeit und ein Mentorenprogramm umfasst, bei dem die Studenten in den Semesterferien zwei Tage in den Praxen erfahrener Hausärzte arbeiten. Dass sie dort keinen Kaffee kochen müssen, ist sichergestellt. "Wir haben mit den Mentoren genau abgesprochen, was sie den Studenten beibringen", versichert Claudia Langosch. Der Aufwand für das Zusatzprogramm hält sich in Grenzen - im Schnitt eine Stunde pro Woche büffeln die Studenten in der Klasse Allgemeinmedizin.

Für gewöhnlich sei die Konkurrenz der Medizinstudenten untereinander groß. Claudia Langosch hofft deshalb, dass die Jungärzte der Klasse durch die regelmäßigen Treffen über mehrere Semester hinweg eine eingeschworene Truppe werden. "Ich kann mir gut vorstellen, dass sich später mehrere Klassenteilnehmer in einer Gemeinschaftspraxis niederlassen", sagt Langosch, und die Studenten nicken. Alle betonen, dass sie bei der späteren Wahl des Wohn- und Arbeitsortes auch auf gute Bedingungen für Hobby und Familie achten wollen. Hier könne Sachsen-Anhalt beispielsweise mit seiner hervorragenden Kinderbetreuung punkten.

"Wir wollen die Studenten schon im ersten Semester abholen", betont auch Professor Thomas Lichte, Allgemeinmediziner an der Uniklinik Magdeburg. In den USA sei das vollkommen üblich. Dass speziell Medizin-Absolventen aus Magdeburg das Land nach dem Studium verlassen (Volksstimme berichtete), sieht Lichte nicht so problematisch. "Viele Absolventen entscheiden sich erst während der Facharztausbildung für die Hausarzt-richtung", ist seine Erfahrung. Fest steht jedoch: Grundsätzlich nimmt das Interesse der Studenten am Hausarztberuf während des Studiums ab.

Die beiden "Klassen Allgemeinmedizin" sollen deshalb auch nach dem Physikum im vierten Semester weiterlaufen. Claudia Langosch hofft, dass dann noch viele der jetzt gestarteten Erstsemester dabei sind. Thomas Lichte, der selbst mehrere Tage in der Woche als Landarzt in der Lüneburger Heide praktiziert, will die Studenten sogar bis in die Promotion und das praktische Jahr hinein begleiten.

Unabhängig davon wird es auch für die im kommenden Jahr startenden Medizinstudenten in Halle und Magdeburg eine neue "Klasse Allgemeinmedizin" geben. "Wenn das Programm 20 Hausarzt-Absolventen pro Uni bringt, hätten wir schon einen gewissen Pool", hofft Thomas Lichte.

Der Hallenser Erstsemester Max Hutschenreuter aus Klöden (Landkreis Wittenberg) ist hochmotiviert und kann es kaum noch erwarten. "Wenn alles gutgeht, sind wir im Jahr 2017 Ärzte", hofft der gelernte Krankenpfleger.