Sie können sich schwer konzentrieren und sind oft hyperaktiv: Kinder, die an AD(H)S leiden, haben es im Alltag nicht einfach. Dass die Energie der Betroffenen beim Sport gebündelt werden kann, beweist der Karateverein Budokan in Magdeburg.

Magdeburg l Bevor die Kinder die Sporthalle der Magdeburger Salzmannschule betreten, verbeugen sie sich zügig. "Ein Zeichen von Respekt", wie Trainer Michael Roloff erklärt. Die Tradition der japanischen Kampfkunst sieht vor, dass man sich vor Eintritt in das Dojo - den Raum, wo Karate trainiert wird - konzentriert. Dasselbe gilt beim Verlassen des Raumes. Einige Minuten zuvor ein komplett anderes Bild: Ungeduldig und aufgeregt wuseln etwa 20 Kinder vor dem Gebäude umher, können es kaum abwarten, endlich in ihre weißen Anzüge zu schlüpfen und loszulegen. Etwa 25 Prozent der in Magdeburg trainierenden Kinder leiden an ADS, dem Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom. Einige von ihnen sind mitunter hyperaktiv, besser bekannt unter der Bezeichnung "Zappelphilipp-Syndrom".

"Fußspitzen an die grüne Linie!", ruft Sensei (japanisch für Meister oder Lehrer) Michael Roloff in einem schroffen, aber klaren Tonfall. Die Jungen und Mädchen hören aufs Wort, stellen sich augenblicklich nebeneinander zur Begrüßung auf. Dass einige ihrer Eltern vom Rand aus zuschauen, scheinen einige Kinder fast vergessen zu haben. Konzentriert verfolgen sie die Anweisungen des Trainers. Und auch die Eltern wirken beeindruckt von so viel Disziplin und Kontrolle.

"Die Kinder lernen, sich zu konzentrieren und ihre Bewegungen in vorgegebene Bahnen zu lenken", beschreibt Karatetrainer Roloff. Das gelte natürlich für alle Kinder, aber vor allem für die, die an der Verhaltensstörung leiden. "Die Kinder mit ADS sind oft zappelig, fallen durch unkontrollierte Bewegungen auf oder wirken überfordert." Trotzdem: Nach einigen Wochen Training mit Michael Roloff und seiner Karate-Kollegin Dorena Röper zeigen sich erste Erfolge: Die Sinne werden geschult, das räumliche Sehen und die eigene Körperwahrnehmung verbessern sich. "Das Kind muss lernen, uns zu vertrauen und auch Nähe zuzulassen", fährt Trainer Roloff fort.

"Die Kinder bauen beim Sport ihren großen Bewegungsdrang ab", bestätigt Steffi Hannig, Leiterin der ADHS-Selbsthilfegruppe in Magdeburg. "Wenn man erst den richtigen Sport gefunden hat, kann man eigentlich nichts dabei falsch machen. Bei ADHS-Betroffenen sollte es aber kein Mannschaftssport sein, da die Kinder sich meist nicht unterordnen können", beschreibt die Expertin. Umso exakter die Anweisungen, desto besser, lautet das Motto. An Regeln müssen sich auch die Karateschüler halten. Wer beim Training nicht aufpasst oder die Übungen nicht entsprechend ausführt, muss Liegestütze machen. "Und wer zu spät kommt, muss warten, bis er zum Mitmachen aufgefordert wird", sagt Roloff, der 2000 den Karateverein Budokan mitgegründet hat.

Weiße, gelbe, orange und grüne Gürtel tragen die Jungen und Mädchen - ihre Trainer tragen schwarz, die höchste Stufe im Karatesport. "Durchschnittlich braucht ein Schüler zehn Jahre, um diesen zu erreichen", erklärt Dorena Röper, deren neunjährige Tochter Jasmin erfolgreich im Landeskader mitkämpft. Seit einigen Tagen darf sie den grünen Gürtel um ihren weißen Anzug tragen. Darauf ist sie sichtlich stolz. "Am besten gefällt mir am Karate das Kumite", sagt die Neunjährige selbstbewusst. Und ihre Mutter erklärt, das sei der freie Wettkampf mit einem Gegner.

Neben den sehr guten Schülern wie Jasmin, die internationale deutsche Meisterin ist, legt der Magdeburger Karateverein besonders viel Wert auf die weniger Leistungsstarken. "Unser Fokus liegt auf den schwachen Kindern. Jeder noch so kleine Fortschritt ist eine Motivation für das Kind und wird von uns gelobt. Beim Karate ist der Erfolg schneller als in der Schule sichtbar, wo man erst nach ein paar Wochen seine Noten bekommt", so Michael Roloff. Seiner Meinung nach seien manche Lehrer überfordert von den ADHS-Kindern und wollten sich erst gar nicht mit ihnen befassen. Dabei haben die sportlichen Erfolge offenbar auch Auswirkungen auf die schulischen: "Die Kinder werden ruhiger und konzentrierter bei Hausaufgaben und in der Schule", bestätigt Selbsthilfegruppen-Leiterin Steffi Hannig die positiven Wirkungen des Sports. Einmal sei ein Kind sogar direkt vom Kinderarzt zum Magdeburger Karateverein geschickt worden, erinnert sich Michael Roloff. "Auch die Eltern unserer Schützlinge berichten uns immer wieder, dass die schulischen Leistungen besser werden."

Karate mit nachhaltiger Wirkung? "Ja, es ist erstaunlich, wie sich im Laufe der Zeit gerade bei ADHS-Kindern eine höhere Frustschwelle aufbaut. Lassen sie sich anfangs von noch so kleinsten Misserfolgen aus der Ruhe bringen, so können sie es mit der Zeit immer besser akzeptieren, dass nicht alles gleich beim ersten Mal klappt." Karate als Patentrezept gegen Aufmerksamkeitsstörungen? "Nein, jedes Kind ist anders, darum bieten wir jedem Interessenten zunächst ein Schnuppertraining an. Wir reden im Vorfeld auch mit den Eltern - beim Training jedoch dürfen sie sich dann nicht einmischen", macht der Trainer deutlich. Trotz aller Disziplin während des Karatetrainings in der Sporthalle legt Michael Roloff Wert darauf, dass die Kinder ohne Druck an den Sport herangeführt werden. Ab und zu macht der 60-Jährige auch mal Späße mit den Jüngsten.

Für sein Projekt mit ADHS-betroffenen Kindern wurde der Magdeburger Verein kürzlich mit dem Stern des Sports in Silber von Innenminister Holger Stahlknecht ausgezeichnet. Dort belegte der Karateverein den zweiten Platz. Zusammen mit der vorherigen Ehrung in Bronze erhielt der Verein für seine Arbeit 3000 Euro als Anerkennung für die ehrenamtliche Leistung der Mitglieder. "Das war eine große Überraschung für uns. Das Geld investieren wir in neue Trainingskleidung, Sportzubehör und für unser Jugendtrainingslager", berichtet Roloff, der seit 1980 Trainer ist und die Kampfkunst auch in Japan erlernt hat.

Doch eines fehlt dem Verein bisher noch: ein eigenes Dojo. Bisher nutzen die Karateschüler mehrmals in der Woche die Sporthalle der Salzmannschule. "Ein eigenes Dojo wäre schön", schwärmt Trainerin Dorena Röper. Die Kinder scheint das jedoch weniger zu stören. Sie strahlen über beide Ohren, wenn auch erschöpft, aber sichtlich glücklich über die vergangene Stunde. "Bei uns wird eine Atmosphäre des Miteinanders und Füreinanders geschaffen, die den Kindern eine Basis für Vertrauen gibt", bekräftigt Trainer Michael Roloff.

Die Idee für das seit 2006 laufende Projekt kam ihm während eines Stadtfestes in Magdeburg, beim dem auch die Selbsthilfegruppe ADHS Magdeburg mit einem Infostand vertreten war. "Ich habe mich sehr für das Thema interessiert. Und als ich dann erfahren habe, dass es für viele betroffene Kinder schwierig sei, einen geeigneten Sportverein zu finden, konnte ich das einfach nicht glauben."

   

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