Magdeburg l Soll in der geplanten Gemeinschaftsschule das Sitzenbleiben abgeschafft werden? In einem 26-seitigen Konzept-Entwurf aus dem von Stephan Dorgerloh (SPD) geführten Kultusministerium, über den die Volksstimme gestern berichtete, stehen dazu die Sätze: "Mit Blick auf die Ergebnisse aktueller wissenschaftlicher Forschungen zu Wirkungen des Sitzenbleibens sollte die Gemeinschaftsschule in den Schuljahrgängen 5-9 das Prinzip des ,automatischen Aufrückens\' anwenden. Klassenwiederholungen sind möglich, aber nur in Ausnahmefällen vorzusehen."

Dieser Vorschlag hat gestern im Landtag sehr unterschiedliche Reaktionen hervorgerufen. CDU-Fraktionschef André Schröder erteilte den Plänen eine deutliche Absage: "Ich sehe nach wie vor die Notwendigkeit, dass Schüler Klassen wiederholen müssen. Es ist doch ganz klar, dass das auch so bleiben wird. Ich halte es für fragwürdig, Standards und Anforderungen abbauen zu wollen." Der Konzept-Entwurf liege der CDU-Fraktion nicht vor, sagte Schröder. Er sei "kein offizielles Papier" und entspreche auch nicht dem aktuellen Diskussionsstand.

SPD-Bildungspolitikerin Corinna Reinecke, die den Entwurf ebenfalls nicht kannte, reagierte zurückhaltend. Die Frage des Sitzenbleibens müsse "aus fachlicher Sicht ergebnisoffen diskutiert werden", sagte sie. Im Januar würden die Koalitionsfraktionen von CDU und SPD über das Thema Gemeinschaftsschule diskutieren.

Die Oppositionsfraktionen befürworteten den Vorschlag, auf die schulische "Ehrenrunde" zu verzichten. Die Fraktionschefin von Bündnis 90/Die Grünen, Claudia Dalbert, sagte klipp und klar: "Wir wollen, dass das Sitzenbleiben abgeschafft wird." Die Forschung zeige deutlich, dass Schüler dadurch "nichts an Kompetenzen hinzugewinnen, sondern nur ein ganzes Jahr verlieren". Kein Schüler sei in allen Fächern schlecht. Dalbert: "Das Sitzenbleiben birgt die Gefahr, dass Schüler die Lernfreude und -motivation auch in den Fächern verlieren, in denen sie bislang gut waren."

Linke-Bildungspolitikerin Birke Bull nannte den Plan zur Abschaffung des Wiederholungsjahrs "neu und unterstützenswert". Dies gelte auch für die Überlegung, den Sekundarschulen den Weg zum Abitur über die 10. Klasse hinaus zu ermöglichen.

Jürgen Mannke, Vorsitzender des Philologenverbands Sachsen-Anhalt (in diesem sind Gymnasiallehrer organisiert), sagte dagegen: "Es ist verantwortungslos, Schüler, die eine Gemeinschaftsschule bis zur Klasse 9 auch noch ohne Versetzung absolvieren, den Hürden einer gymnasialen Oberstufe auszusetzen. Denn am Ende steht das Abitur mit zentralen Aufgabenstellungen, welches im Normalfall nur erfolgreich bewältigt werden kann, wenn ein eindeutig geschärftes gymnasiales Bildungsprofil ab Klassenstufe 5 vorgehalten wird."

Die Gemeinschaftsschule war bei der CDU lange auf Ablehnung gestoßen. Die SPD konnte die neue Schulform aber in den Koalitionsverhandlungen durchsetzen. Die ersten Gemeinschaftsschulen können im August 2013 starten.