Eine Magdeburger Aktion erhitzt zurzeit im Salzlandkreis die Gemüter. Die Landeshauptstadt wirbt damit um Zuzüge; im Umland fürchtet man, noch schneller Einwohner zu verlieren.

Staßfurt/Magdeburg l Stein des Anstoßes ist ein großes Werbeplakat in Wolmirsleben (Salzlandkreis/Foto) mit dem Titel "Komm stadtwärts". Wer die angegebene Hotline anruft, landet im Büro des Magdeburger Vereins "Pro M" und bekommt von einem Mitarbeiter Vorzüge des Wohnens in Magdeburg offeriert. Zum Beispiel mit Sätzen wie: "Wenn Sie in Magdeburg wohnen, finden Sie an jeder Ecke einen Arzt und müssen nicht ins nächste Dorf fahren." Man verspreche aber nichts, sondern mache lediglich auf Vorteile der Landeshauptstadt aufmerksam, sagt der Mitarbeiter.

"Pro M" ist ein 2002 vor allem von Magdeburger Bürgern und Unternehmern gegründeter Verein, der das Image Magdeburgs verbessern will. Vereinsgeschäftsführer George Bandarau zeigte sich mit der Entwicklung der letzten Jahre zufrieden: "Wir haben 250 Mitglieder. Das Image der Stadt hat sich in den letzten Jahren spürbar verbessert. Magdeburg gehört zu den wenigen Großstädten in Deutschland mit steigender Einwohnerzahl." Daran habe auch der Verein Anteil.

"Es ist doch Wahnsinn, wenn die Städte sich gegenseitig Einwohner abwerben wollen."

Lutz Trümper, Magdeburg (2002)

Doch welches Ziel verfolgt der Verein mit der Plakataktion?

Bandarau versucht, Bedenken zu zerstreuen. Man wolle mit der Aktion "niemanden zum Wegzug aus seinem Heimatort nach Magdeburg animieren, sondern Leute, die andernfalls nach Braunschweig oder Wolfsburg abwandern würden, für Magdeburg interessieren", sagt er.

Im Salzlandkreis fürchtet man dennoch, die Aktion könnte zusätzlich Menschen zum Wegziehen aimieren. Die Region hat seit 1990 durch Wegzüge und Geburtendefizit bereits 60 000 Einwohner verloren. Weitere 50 000 Einwohner wird der Salzlandkreis bis 2025 laut Prognosen verlieren.

Das treibt manchem Kommunalpolitiker Sorgenfalten auf die Stirn. Bei Wolmirslebens Bürgermeister Knut Kluczka (CDU) sind es auch Zornesfalten. Er glaubt, die Magdeburger Stadtführung wolle "Fehler der Vergangenheit jetzt auf Kosten des Umlandes wettmachen".

Anfang der 1990er Jahre waren viele Magdeburger Einwohner und Unternehmen ins Umland gezogen, wo Gemeinden mit schnell erschlossenem, preiswerterem Bauland und niedrigen Steuersätzen lockten. Einwohner und Firmen, die der Landeshauptstadt später fehlten beziehungsweise bis heute fehlen. "Dieses Trauma wirkt bis heute nach", glaubt der SPD-Politiker und frühere Innenminister Manfred Püchel aus Etgersleben. Die Magdeburger Aktion kritisiert er dennoch als "nicht nachvollziehbar". Magdeburg habe es "gar nicht nötig", das Umfeld "auszuplündern". "Je mehr Menschen aus dem Umland wegziehen, um so teurer wird es, die Infrastruktur zu erhalten. Besser wäre es, wenn sich die Landeshauptstadt dafür einsetzen würde, dass sich der gesamte Großraum Magdeburg positiv entwickelt", sagt Püchel.

Staßfurts Oberbürgermeister René Zok (parteilos) kritisiert die Initiative ebenfalls. Er erwägt, "in Magdeburg eine ähnliche Aktion zu starten".

Stadt-Umland-Konflikte dieser Art sind nicht neu. Bereits vor neun Jahren hatte die Stadt Wanzleben mit Plakaten am Magdeburger Hauptbahnhof um Zuzügler geworben. Der Magdeburger Oberbürgermeister Lutz Trümper (SPD) hatte dies damals so kritisiert: "Aber es ist doch Wahnsinn, wenn die Städte, die ja alle Einwohner verlieren, sich noch gegenseitig Einwohner abwerben wollen. Wenn man Werbeplakate aufhängen will, dann doch bitte dort, wohin viele Sachsen-Anhalter abgewandert sind."

Heute verteidigt er die aktuelle Magdeburger Kampagne: "Das ist ja keine Aktion der Stadt, sondern der Unternehmen, vor allem der Wohnungsunternehmen, die sich neue Mieter versprechen. Das halte ich für legitim."

"Das ist keine Aktion der Stadt, sondern der Wohnungsunternehmen. Das halte ich für legitim."

Lutz Trümper, Magdeburg (2011)

Ex-Innenminister Püchel, regt als Lösung des Konflikts eine gemeinsame Image-Kampagne von Magdeburg und dem Umland außerhalb Sachsen-Anhalts an.

Trümper hält Zusammenarbeit zwar grundsätzlich für eine "gute Idee", bezweifelt aber einen Erfolg einer solchen Kampagne. "Kürzlich waren junge Beschäftigte des Milchhofs Magdeburg, der demnächst geschlossen werden soll, bei mir. Die wollen gern hierbleiben, brauchen aber Arbeitsplätze. Die verstehen die Welt nicht mehr, wenn ihre Jobs hier wegfallen, während der Ministerpräsident in Baden-Württemberg um Rückkehrer wirbt." Seite 5

 

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