Juliane und ihr Freund Sebastian heiraten im nächsten Jahr. Das ist noch nichts Besonderes. Sebastian aus Storbeck im Landkreis Stendal ist aber vom Kopf abwärts gelähmt. Sie hat ihn so kennengelernt und sich für ihn entschieden, das ist das Besondere.

Storbeck l Zwei Wochen lagen noch zwischen ihm und einem Job in Florida. Zwei Wochen trennten den Altmärker Sebastian von einem neuen Leben fernab der Heimat. Doch dann begann für ihn ein neues Leben, das er sich nie gewünscht hatte. Ein neues Leben fernab von allem, was er gewohnt war.

Den Arbeitsvertrag für die Vereinigten Staaten hatte er schon in der Tasche. Im Juni 2006 sollte es losgehen. Doch vorher musste er noch seinen Krankenschein in seinen Ausbildungsbetrieb, einem Berliner Hotel, bringen. Auf dem Rückweg nach Hause passierte es. Er stieß mit seinem Fahrrad in einer Kleingartenkolonie mit einer anderen Radfahrerin zusammen. Unglücklich. "Ich weiß noch, dass ich nach meinen Eltern rief", erinnert er sich im Gespräch mit der Volksstimme. Sein vierter Halswirbel war zertrümmert, doch es sollte noch schlimmer kommen.

"Wer uns nur hört, hält uns für ein ganz normales Paar"

Juliane Seewald

Durch ein Ödem wurde auch das Rückenmark bis zu seinem ersten Halswirbel zerstört. Er war fortan vom Kopf abwärts gelähmt, konnte nicht einmal mehr selbständig atmen. Elf Monate lang lag er im Unfallkrankenhaus Berlin-Marzahn und auch wenn seine Lage aussichtslos schien, arbeitete er an Perspektiven, sprach mit Architekten darüber, wie es ein Haus geben könnte, in dem er die größtmögliche Selbständigkeit finden könnte. Und dieses Haus wurde neu gebaut, in Storbeck bei Osterburg. Und so kehrte Sebastian wieder in seine Heimatregion, die Altmark, zurück.

Alle Räume sind groß genug, damit er sich mit seinem Rollstuhl darin bewegen kann. Kleinigkeiten am Hausbau liefen aber nicht ganz nach seinen Vorstellungen. "Der Architekt wollte unbedingt Parkett, ich hätte Granit besser gefunden, weil ich manchmal kleine Steinchen in meinen Rädern reinbringe", erzählt der 28-Jährige in seinem Wohnzimmer, das nicht nur durch den ungewollten Bodenbelag, sondern auch durch die festliche Beleuchtung sehr freundlich wirkt. "Natürlich, es ist doch Weihnachten", sagt er, als wäre nichts selbstverständlicher auf der Welt. Nein, natürlich habe er sich nicht immer so gut gefühlt. Aber dann trat vor rund zwei Jahren Juliane in sein Leben.

Die 29-Jährige Stendalerin kam als Physiotherapeutin in das Haus. "Und dann hat es ziemlich schnell gefunkt", sagt sie mit strahlenden Augen. Und seine Augen waren es auch, die ihr Herz gewannen. Natürlich gab es auch Menschen, die daran zweifelten, ob diese Beziehung funktionieren könnte. Am allermeisten er selbst. "Aber für mich gab es nie einen Zweifel", sagt Juliane, während sie zärtlich seinen Nacken streichelt.

Dass es nicht wie jede andere Beziehung ist, das wissen sie beide. "Die besten Freunde waren nicht mehr da, weil sie mich nicht so sehen wollten", sagt er. "Freunde, das sind mittlerweile die Pfleger geworden", ergänzt Juliane. 24 Stunden wird er von Pflegern betreut, die mit im Haus wohnen. Er braucht ein Beatmungsgerät, um Luft holen und sprechen zu können. Und doch ist manches so normal.

"Ich bin nicht im Kopf krank, sondern kann mich schlecht bewegen"

Sebastian Käfert

"Wenn man uns hören würde ohne uns zu sehen, würde man denken, wir wären ein ganz normales Paar", meint Jule. Mit seinem Joystick, den er mit dem Mund bewegt, kann er nicht nur die Türen und das Licht bedienen, sondern auch das Fernsehprogramm bestimmen. "Und es gibt wohl kein Paar, das sich auf ein Programm einigen kann", sagt sie.

Oftmals stoßen die beiden aber auch an Grenzen. Durch den massiven 250 Kilogramm schweren Rollstuhl ist es ihnen unmöglich, nebeneinander auf dem Bürgersteig zu sein. Dessen Gewicht sorgte auch dafür, dass Sebastian im Theater der Altmark mit dem Fahrstuhl hängenblieb. Unglücklicherweise erst, als die Tür des offenen Lifts blockiert war und Sebastian so den gaffenden Blicken anderer Theaterbesucher ausgesetzt war. "Ich fand das eigentlich ganz spannend", meint Jule und da muss auch Basti schmunzeln. Lachen können die beiden viel miteinander. Seinen Humor hat er durch den Unfall nicht verloren. "Ich bin ja nicht im Kopf krank, sondern kann mich im Moment nur schlecht bewegen", sagt er. Und selbst seine Phantomschmerzen in Armen und Beinen, die ihn vor allem bei schlechtem Wetter quälen und mit starken Medikamenten bekämpft werden müssen, nimmt er auf die Schippe: "Ich bin ein Wetterfrosch im Rollstuhl."

Weihnachten als Fest der Liebe scheint für Paare wie die beiden gemacht. Und man darf sich zum Fest ja auch immer etwas wünschen. Im Juni kommenden Jahres wollen sie in Osterburg heiraten und um die Hochzeit dreht sich auch Jules Wunsch. Alles möge dabei gutgehen. Und sie wünscht sich noch etwas. Dass Basti möglichst jeden Morgen lacht, "dann weiß ich, dass alles in Ordnung ist".