Magdeburg (dpa) l Einmal, erzählt der Handschuhmacher, habe dieser verzweifelte Mann vor ihm gestanden. "Riesengroße Hände hatte der. So groß waren die, dass sie kaum auf eine DIN-A-4-Seite passten." Ob er ihm ein paar Handschuhe für den Winter fertigen könnte, habe der Mann gefragt. Claus Schmidt konnte. "Es waren die ersten Handschuhe, die er jemals besessen hat."

Fälle wie diese sind für Claus Schmidt nichts Besonderes. Der 78 Jahre alte Handschuhmacher ist außergewöhnliche Kunden gewohnt. Seit mehr als 50 Jahren fertigt er in seiner Werkstatt in Magdeburg Lederhandschuhe nach Maß. Für jedermann, meist aber für Menschen, deren Hände nicht ins Schema F passen. Riesengroße Hände. Hände, an denen ein oder mehrere Finger fehlen. Oder die Finger unterschiedlich groß sind. Hände, deren Nerven so empfindlich sind, dass sie den Standardhandschuh aus dem Kaufhaus nicht vertragen.

Schmidt ist in Deutschland wohl der einzige Handschuhmacher, der sich auf Handschuhe für versehrte Hände spezialisiert hat. "Uns ist sonst niemand bekannt, der das macht", sagt Manuela Schneemann. Sie arbeitet für ein Berliner Unternehmen, das Orthopädietechnik verkauft.

Pudern mit fein gemahlenem Talk

Eines von mehr als 300 in Deutschland, die regelmäßig bei Schmidt ordern - und deren Kunden meist Schlimmes erlebt haben. Arbeits- oder Autounfälle zum Beispiel. Oder deren Finger wegen Krankheit amputiert werden mussten.

"Handschuhe für solche Hände müssen passgenau sitzen und einwandfrei verarbeitet sein", erklärt Schmidt. "Denn wenn es drückt oder scheuert, dann schmerzt es." Der Handschuhmacher steht mit einer schwarzen Schürze um den Hals in seiner Werkstatt in einem Magdeburger Hinterhof. In den Händen hält er ein feuchtes, schwarzes Lederstück, das so groß ist wie eine Badezimmermatte. Aus der gefärbten Lammhaut will Schmidt ein Paar Damenhandschuhe machen - für eine Frau, die an der rechten Hand keinen kleinen Finger mehr hat.

Mit kräftigen Armbewegungen zieht Schmidt das Lammleder über die Kante einer großen Holzplatte, einmal nach links, einmal quer. Dann breitet er es vor sich auf dem Tisch aus und pudert es mit fein gemahlenem Talk. "Erst dann kann ich ganz genau die Fehlstellen sehen", sagt Schmidt. Die Stellen also, an denen sich das Tier gescheuert oder verletzt und dabei Löcher oder Druckstellen in der Haut zurückgelassen hat. "Handschuhe mit solchen Stellen will keiner haben."

Die Auswahl des Werkstücks gilt unter den Handschuhmachern als anspruchsvollster Arbeitsgang. Kein Zentimeter soll verschwendet, das Leder optimal genutzt werden. Denn es ist teuer. Gerade erst hat Schmidt 1500 Euro für eine Lieferung von zwölf Peccary-Fellen bezahlt. Handschuhe aus der geschmeidigen Haut des südamerikanischen Wasserschweins sind das Teuerste, was es bei Schmidt zu kaufen gibt.

Je nachdem, wie der Handschuh verarbeitet ist, welches Futter er hat oder welche Verzierungen ihn schmücken, kann er bei mehr als 150 Euro liegen. "Das ist aber eher was für Liebhaber", sagt Schmidt. Der normale Kunde bevorzuge günstigere Varianten, die ab 45 Euro zu haben sind. Damen mögen eher Handschuhe aus weichem Lamm- oder feinem Ziegenleder, Männer Hirschleder, das eine gröbere Narbung hat.

1955 haben Schmidt und sein Vater die Werkstatt in Magdeburg gemeinsam aufgebaut. Der Beruf des Handschuhmachers war damals keine Seltenheit. Besonders viele Anhänger der Zunft fertigten zum Beispiel in Johanngeorgenstadt im Erzgebirge. Im 20. Jahrhundert galt das kleine Städtchen als ein Zentrum der Handschuhmacherei. Dann kam die Wende - und billigere Ware der ausländischen Konkurrenz überschwemmte den Markt. "Die meisten Handschuhmacher haben das nicht überstanden", sagt Schmidt.

"Es gibt für uns kein Werkzeug mehr"

In Deutschland stirbt der Beruf mittlerweile aus. Bundesweit gibt es nur noch etwa ein Dutzend Handwerker, die wie Schmidt Lederhandschuhe nach Maß fertigen. Die Münchner Firma Roeckl fertigt zudem als - nach eigenen Angaben - einziges Unternehmen in Deutschland noch Maßhandschuhe in einer eigener Produktionswerkstatt.

Für Handwerker wie Schmidt bringt der Seltenheitswert Probleme mit sich. "Es gibt für uns kein Werkzeug mehr", sagt er. Er steht jetzt vor einer großen Stanze, mit der er die Form der Handschuhfinger aus dem Lederstück schneidet. "Die Stanze stammt noch aus Kaiser Wilhelms Zeiten." Auch seine Lederschere hat schon 60 Jahre auf dem Buckel. Und die große Handschuhmacherschere, mit der Schmidt heute arbeitet, hat er nach der Wende einem alten Kollegen aus Süddeutschland abgekauft. 250 Mark musste er dafür auf den Tisch legen.

Insgesamt fertigt Claus Schmidt um die 800 Handschuhpaare im Jahr. Eigentlich wollte er schon vor sechs Jahren aufhören. Doch irgendwie hat er das bis jetzt noch nicht geschafft. "In zwei Jahren ist wohl Schluss", sagt Schmidt.