Die vierten Olympischen Spiele vor Augen, keine nationale Konkurrenz im Blick: Marcel Hacker dominiert seit Jahren das deutsche Einerrudern, in London 2012 will er wieder zu olympischem Edelmetall fahren. Es rudert dann ein anderer Hacker als jener, der in Sydney 2000 Bronze gewann.

Magdeburg l Nebel liegt über Magdeburg, die Kälte hat Einzug gehalten, es ist ein Dienstag im November. Marcel Hacker rudert im Industriehafen, begleitet von SCM-Coach Roland Oesemann im Motorboot. Gleichmäßig baut er den nötigen Druck auf die Blätter auf, an der Wende misst er den Puls: 145 bis 150 Schläge pro Minute. Es ist der langsame Auftakt in eine neue Saison, die mit einer Medaille bei den Olympischen Spielen 2012 enden soll. Es sind bereits Hackers vierte Spiele, sie machen ihm jetzt schon Spaß.

Die Geschichte des Marcel Hacker hat viele Kapitel. Das jüngste wurde im September in der Kirche und im Standesamt in Blankenburg geschrieben, es ist ein Kapitel Familie, Marcel Hacker führte seine Katina zum Altar, gab ihr das Ja-Wort. Am 27. November 2010 kam ihr gemeinsamer Sohn Haakon Theodor zur Welt, Hacker hatte dafür sogar auf die Weltmeisterschaft im Dezember auf dem Lake Karapiro in Neuseeland verzichtet. Es sind nur zwei Ereignisse aus einem Leben der gemischten Gefühle, aber für den 34-Jährigen sind es vielleicht die beiden wichtigsten im gesamten Buch Hacker, das sein Ende noch sucht. Sie bedeuten nämlich Veränderung und sie bedeuten Ankommen zugleich.

"Früher war ich nicht so einfach"

Es geht nichts über Familie, nichts über jene, die Hacker aus dem sportlichen Alltag rausreißt, nichts über jene, die Hacker im sportlichen Alltag begleitet. Seit drei Jahren ist Letztere wieder eine große Gemeinschaft, in der Marcel Hacker zu einer wichtigen Person gewachsen ist. Roland Oesemann hat das besonders festgestellt, er weiß, dass ein Hacker im Training motivierend ist für seine Schützlinge. Hacker selbst hatte den SCM und damit seine Heimat Magdeburg im Jahr 2000 verlassen, erst in Richung Kassel, dann zur RG Frankfurt/Main, deren Trikot er heute noch trägt.

Oesemann und der Ruderer kommunizierten damals nicht immer in derselben Sprache. Das war alles gestern, heute sitzen sie nach dem Training zusammen bei selbstgemachter Frikadelle, wie an jenem Dienstag im November. "Die ist echt lecker", sagt Hacker und bietet ein Exemplar lächelnd zum Genuss an.

Es sind diese kleinen Szenen, in denen man Hackers neue Gelassenheit entdecken darf. Es gibt Interviews aus dem vergangenen Jahrzehnt, in denen viel Verbissenheit zu lesen ist. Hacker selbst beschreibt den früheren Hacker als einen Mann "mit einer großen Klappe, der sich hat wenig sagen lassen", der Aussagen verbal konterte, ohne über deren Inhalt und Konsequenzen nachzudenken. Es gab auch eine Zeit, vor den Olympischen Spielen in Athen 2004 nämlich, als er komplett auf verbale Konter in Medien verzichtete. "Früher war ich nicht so einfach im Umgang", sagt er heute lächelnd. Heute ist es tatsächlich einfach, wenn der Umgang ein fairer bleibt. Fairness ist ungemein wichtig für Hacker, nicht immer hat er sie in seiner Karriere empfunden.

Ganz sicher auch nicht, als Hacker im Halbfinale bei Olympia 2008 zusammengekauert durch das Ziel fuhr. Wie vier Jahre zuvor in Athen hatte er auch in Peking den Endlauf verpasst, wie in Athen hatte er auch in Peking letztlich den siebten Platz belegt. Hacker sagt heute: "In Deutschland zählen leider nur Medaillen, dabei waren es eigentlich gute Ergebnisse." Noch im Shunyi Park sagte er damals: "Ich weiß nicht, ob ich weitermache." Es war nicht nur sein Eindruck vom Semifinale, der ihm diesen Satz abgerungen hatte, es war wohl auch ein familiärer Moment der Trauer, über den Hacker nie gesprochen hat, weil er befürchtete, andere würden ihn als Entschuldigung für sein Abschneiden beurteilen. Sein Vater war eine Woche vor Peking gestorben. Seitdem widmet er ihm einen Gruß: Vor jedem Rennen zeigt und schaut er in den Himmel.

Marcel Hacker hat weitergemacht, aber anders als zuvor. Acht Jahre lang hatte er vor Peking einen ziemlich einsamen Weg beschritten, er hatte sich mit seinem damaligen Trainer Andreas Maul auf dem Rudergelände in Oberschleißheim nahe München zurückgezogen, trainierte dort fernab von der Familie des deutschen Ruderverbandes, aber umgeben von wüsten Spekulationen. Die Medien wussten mit diesem Weg wenig anzufangen, sie betrachteten ihn als sonderbar. Hacker sagt ehrlich: "Ich habe eigentlich keine Lust mehr darüber zu reden." Entsprechend wortkarg redet er drüber: "Wir haben unser eigenes Ding gemacht, das ging ganz gut auf bis Peking. Für uns war es der richtige Weg." Und trotzdem war es Zeit geworden, einen neuen Weg zu gehen - der Einzelkämpfer kehrte zurück zur großen Gemeinschaft. Zu Trainer Maul pflegt er heute "einen normalen sozialen Kontakt".

Vor Peking war auch die Zeit, da man Hacker als labilen Athleten in den Kritiken zerriss. Die Erwartungen an ihn waren früh und progressiv schnell gestiegen, Hacker kam wie Phönix aus der Asche zur Bronzemedaille in Sydney 2000, er bestätigte den überraschenden Erfolg mit dem Titelgewinn bei der Weltmeisterschaft 2002 im spanischen Sevilla, er hielt fast vier Jahre die Weltbestzeit von 6:36,33 Minuten. Hacker lebte im Druck der anderen und seinem eigenen. Und das gegen eine Konkurrenz, die sich in den vergangenen Jahren wenig verändert hat. "Es gibt immer sieben, acht, neun Kandidaten für das Finale", hat Hacker mal gesagt, so groß ist die Leistungsdichte auf dem internationalen Parkett.

"Bled war wichtig, um zu sehen, wo ich stehe"

Auf dem nationalen Wasser werden die Verhältnisse seit Jahren mit noch größerer Konstanz zurechtgerückt: Hacker fährt voraus, alle anderen hinterher. In diesem Jahr hat er zum siebten Mal in Folge die deutsche Meisterschaft gewonnen. Und er kann sich darüber immer noch freuen.

Manchmal hat der 1,96-Meter-Hüne immer noch eine große Klappe, seine Aussagen klingen immer noch provokant, aber mit der Arbeit im mentalen Bereich in der jüngeren Vergangenheit haben sich Verbissenheit und Reizbarkeit gelegt. Und mit der Reife. Seinem Ehrgeiz hat das nicht geschadet, im Gegenteil. Vor der diesjährigen WM in Bled (Slowenien) hatte er einen Bandscheibenvorfall erlitten, er wurde operiert im Juli, wenige Tage später stieg er wieder ins Boot. Geholfen hatten ihm die Ärzte der Magdeburger Uniklinik, geholfen hat ihm aber auch die Familie, insbesondere sein Schwager und zugleich Sporttherapeut Thilo Reinsch.

Was irre klingt, war für den gelernten Industriemechaniker ein Muss: Nach Peking hatte er bei den Großereignissen auf das Einer-Rennen verzichtet. "Für mich war der Start in Bled wichtig, um zu sehen, wo ich stehe", sagt Hacker. Er wurde Vierter.

Den Weg nach Olympia überspringt auch ein Hacker nicht, er geht ihn Schritt für Schritt. "Ich will die 5:50 Minuten am Ergometer unterbieten", sagt er zum kurzfristigen Ziel in diesem Winter, seine Bestleistung an dem Gerät liegt bei 5:52,4 Minuten. Er muss besser werden auf dem ersten Drittel der olympischen 2000-Meter-Distanz, hat ihm Bled gezeigt, denn Hackers Stärke ist die ausdauernde Grundschnelligkeit.

24 Kilometer ist Marcel Hacker an jenem Dienstag im November gerudert. Er hat seinen Plan, er hat das Vertrauen der Coaches Roland Oesemann in Magdeburg und Ralf Hollmann in Frankfurt sowie von Bundestrainer Hartmut Buschbacher. Und er hat die Freiheit, nach seinen eigenen Regeln das vorgegebene Pensum zu bewältigen. Leistungssport hieß früher für Hacker: "Ich muss." Heute heißt es: "Ich darf."

Dann hat Marcel Hacker geduscht, er hat gefrühstückt, und er hat sich eilig verabschiedet: "Ich muss los, meine Familie wartet."