Die Böller heißen "Frankenstain", "La Bomba", "Zesta Granatow" (Granatenreihe) oder einfach nur "TNT" oder "Achtung" mit Totenkopf und gekreuzten Knochen. Sie kommen zumeist aus Tschechien oder Polen und sind wahre Handabreißer.

Magdeburg l Der Spezialist von der USBV- Gruppe (Unkonventionelle Spreng- oder Brandvorrichtung) des Landeskriminalamts zählt rückwärts: "Drei, zwei eins." Der apfelsinengroße Böller, der in einem ausgehöhlten Weißkohlkopf steckt, wird aus sicherer Entfernung elektrisch gezündet.

Zuerst steigt eine giftgrüne Rauchfahne auf, dann zerfetzt eine mächtige Detonation den Kopf in suppengemüsegroße Teilchen. Die Druckwelle ist noch in 30 Metern Entfernung an den Beinen zu spüren. Aufschrift auf dem polnischen Produkt: "Mindestabstand 15 Meter."

Stefan Brodtrück vom LKA nennt diese Böller "Telefonzellenknacker". Eine dieser Sprengkugeln reiche aus - wie dieser Tage zweimal in Magdeburg geschehen - um Teile der Glashäuschen 30 Meter weit fliegen zu lassen.

Was diese und andere illegale "Knaller" aus Tschechien und Polen so gefährlich macht, ist nicht das Schwarzpulver. Denn in den meisten Papphülsen steckt gar kein Schwarzpulver drin. Es sind chemische Verbindungen wie Perklorate, die die Böller zu "Handabreißern" machen. In der namenlosen "Orangenbombe" stecken 40 Gramm dieses brisanten Gemischs.

"Bei gesprengten Briefkästen werden wir gar nicht mehr geholt."

Zumeist werden die "Kracher" in Asien hergestellt, allerdings zum überwiegenden Teil in Tschechien und Polen vertrieben, weiß Brodtrück. Und dort könne man sie das ganze Jahr erwerben. Anders als in Deutschland, wo der Verkauf von Feuerwerk lediglich vom 29. bis 31. Dezember erlaubt ist. Das Abbrennen sogar nur an Silvester und Neujahr.

Brodtrück: "Vor zwei, drei Jahren hatten wir nur im Januar, Februar und März mit den Nachwehen des illegalen Silvesterfeuerwerks zu kämpfen - heute das ganze Jahr über."

Aber bei gesprengten Briefkäste werde das Spezialteam des LKA gar nicht mehr angefordert. Auf der "Beliebtheitsskala" der Sachbeschädiger stünden Fahrkarten-, Zigaretten- und Geldautomaten sowie Telefonzellen ganz oben.

Erst am 23. Dezember haben Unbekannte in Magdeburg in der Cracauer Straße ein Telefonhäuschen in die Luft gejagt. Glassplitter und Metallteile der Zelle waren bis zu 30 Meter weit geflogen. Ein klarer Hinweis darauf, was diese Art von Böllern anrichten kann. Brodtrück: "Einer genügt in einem geschlossenen Raum, um ihn zu zerlegen."

Ein ähnliches Bild hatte sich der Polizei zuvor am 19. Dezember am Magdeburger Bötticherplatz geboten. Auch dort hatte ein "Polen-Böller" eine Telefonzelle zerstört. Die USBV-Leute des LKA fanden Reste des Sprengsatzes, der eindeutig auf die Herkunft hindeutet.

Neben der riesigen Sprengkraft sei es auch die Verzögerung nach dem Anzünden, die die Böller so unberechenbar und somit gefährlich mache, weiß auch Frank Pillau. Er ist Verkaufsleiter von WEKO im sächsischen Freiberg, einer Firma, die zu Silvester unter anderem die Aldi- und Lidl-Märkte in Deutschland beliefert. 5000 Lastzüge, 140000 Paletten mit Raketen und Knallkörpern.

"Zertifizierte Böller explodieren drei bis sechs Sekunden nach dem Anzünden. Die illegalen nach bis zu zehn Sekunden." Die Gefahr sei, dass viele denken würden, dass der Silvesterknaller ein Versager sei. "In dem Moment, wo man ihn in die Hand nimmt, geht er doch noch los: Finger ab.

"Mit Lust am Knallen haben die in Deutschland verbotenen Böller nichts zu tun. Sie gehören aufgrund ihrer gefährlichen Gemische nicht auf Straßen und Plätze, sondern in Sprengmittelbetriebe."

"Neue Batterien kommen Profifeuerwerk schon recht nahe."

Dass seit diesem Jahr in Deutschland aufgrund des EU-Rechts sogenannte Batterien - also Raketenreihen - anstatt 200 Gramm Nettosprengmasse (Schwarzpulver und chemische Explosionsstoffe) jetzt 600 Gramm haben dürfen, ein Einzelmörser 20 statt 6 Gramm freut den Pyrotechnikerxperten hingegen.

"Wir können damit weitaus bessere Effekte erzeugen. Diese neuen Batterien kommen den professionellen Feuerwerken schon recht nahe."

Trotzdem ist Pillau mit der Neufassung des deutschen Sprengstoffgesetzes nicht völlig zufrieden. "Die EU räumt einen Spielraum zwischen 20 und 75 Gramm Schwarzpulver pro Rakete ein. Aber der Gesetzgeber meint: Die Deutschen sind nicht so mündig und bleibt an der Untergrenze." Für die Pyrotechnikproduzenten seien 50 Gramm ein anstrebenswerter Kompromiss.

"Um das Privatfeuerwerk an Silvester noch ansehenswerter zu machen, wird der Anteil der Rakete, der für Farben und Sterne zuständig ist, erhöht. Das heißt auf der anderen Seite auch, dass sie schwerer werden und eine größere Treibkraft durch Schwarzpulver brauchen."

Der Sprengstoffexperte vom Landeskriminalamt hat einen kleinen Tisch aufgebaut. Darauf liegt vieles, was in der illegalen "Knall-Bumm-Szene" einen Namen hat - zumeist einen polnischen oder tschechischen.

Da liegen in Form nachgebildeter Handgranaten "Zesta Granatow", neben den berüchtigten "Telefonzellenknackern" in weißes, blaues oder orangefarbenes Seidenpapier eingewickelt, dem "Nacelnik Komancu" (Chef der Comanchen) und einer schwarzen Schachtel mit aufgedrucktem Totenschädel und gekreuzten Knochen, die einfach nur "Achtung!" heißt.

Stefan Brodtrück vom LKA: "Diese 15 Kilogramm an ,Scherzartikeln\' lagen verpackt in einem Pappkarton bei einem Magdeburger unterm Bett. Die Nettosprengmasse beträgt rund sechs Kilogramm. Wären diese hochexplosiven Böller in die Luft geflogen, wäre von der Wohnung und seinen Bewohnern kaum etwas übriggeblieben."

Die Einfuhr dieser nicht zugelassenen "Bomben" geschieht zumeist über den Internethandel. Dort kann man das ganze Jahr über bestellen, so Brodtrück. "Und da Tschechien und Polen inzwischen zur EU gehören, sind auch keine Zollkontrollen mehr dazwischengeschaltet, bei denen die tickenden Zeitbomben auffallen würden.

"Bis zu 100 Kilogramm bei Zwischenhändlern in Deutschland gefunden."

Komme man vor dem Jahreswechsel über die Grenze in unsere östlichen Nachbarstaaten, würden dort die Stände mit den krachenden Erzeugnissen geradezu überquellen. "Unsere Erkenntnisse gehen dahin, dass sich dort Deutsche mit dem gefährlichen Zeug eindecken. Jedoch nicht nur zum persönlichen Gebrauch, auch als Zwischenhändler." Als Schwerpunkt in Sachsen-Anhalt habe sich Halle herauskristallisiert. Gefunden wurden bis zu 100 Kilogramm nichtzugelassener Silvesterknaller. Gelagert in Garagen oder in der Wohnung gestapelt.

Verkauft würden die "Mini-granaten" sowohl in Wohnungen als auch von Lkw herunter - was das Sprengstoffgesetz übrigens strikt verbietet.

Der LKA-Spezialist zündet einen der halbzigarrengroßen "La Bomba"-Böller. Und obwohl er "nur" mit rund drei Gramm Perklorat-Gemisch gefüllt ist, bleibt vom zweiten Kohlkopf auch nicht besonders viel übrig.

Aber ganz gleich, ob Polen-Böller (sowieso) oder vom Bundesamt für Materialforschung und -prüfung abgesegnete Böller, in Quedlinburg müssen sie draußen bleiben. Die Innenstadt ist knallfreie Zone. Die Gefahr, dass kulturhistorisch wertvolle Fachwerkhäuser in Flammen aufgehen, sei zu groß, so die Stadtverwaltung. Auch der Nationalpark Harz untersagt das Knallen: Der Lärm sei eine Zumutung für die Tiere.

 

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