Zucker bestimmt sein Leben - und das von Geburt an: Vor 60 Jahren wurde Burghard Reiser in der Zuckerfabrik Hadmersleben geboren, heute hilft er beim Wiederaufbau einer solchen Anlage in Afghanistan. Seine Familie in Sachsen-Anhalt sieht er nur selten.

KleinOschersleben/Baglan l Als der hohe Besuch aus Kabul gerade am Werkstor der Zuckerfabrik in Baglan eingetroffen war, flog das halbe Dorf in die Luft - Kinder, die ein Lied hatten anstimmen wollen; Fabrikarbeiter, die einen Blick auf die Delegierten aus Politik und Wirtschaft zu erhaschen versuchten; Abgeordnete, die knapp 300 Kilometer in den kargen Norden Afghanistans gefahren waren, um ein Projekt zu würdigen, das beispielhaft für den zivilen Wiederaufbau des kriegsgeschüttelten Landes am Hindukusch steht. Mindestens 75 Menschen sterben an diesem 6. November 2007, weil sich ein Selbstmordattentäter in die Luft sprengt.

"Um mich herum lagen zerfetzte Körper."

"Warum ich noch lebe, weiß ich nicht", sagt einer der Überlebenden vier Jahre später. Sein Name ist Burghard Reiser, er ist 60 Jahre alt und lebt mit Ehefrau Carmen in der Börde. Zwischen ihm und dem Tod lagen am Tag des Attentats nur wenige Meter. "Um mich herum lagen überall zerfetzte Körper. Anfangs konnte ich kaum darüber sprechen. Aber Sprechen war das einzige, das geholfen hat", sagt Reiser. Nach einer Therapie kehrt er zurück nach Baglan, um zu beenden, was er drei Jahre zuvor begonnen hat: eine 1934 erbaute Zuckerfabrik, die einzige in ganz Afghanistan, nach Jahrzehnten des Stillstands wieder zum Leben zu erwecken.

Der Wiederaufbau der "New Baghlan Sugar Company Ltd." ist ein Gemeinschaftsprojekt der deutschen und afghanischen Regierung, an dem auch das deutsche Saatgutunternehmen KWS Saat AG beteiligt ist. Initiiert wurde es 2005, vier Jahre nach der internationalen Militärintervention unter Führung der USA, um den zivilen Wiederaufbau Afghanistans zu unterstützen und das Land politisch und wirtschaftlich zu stabilisieren.

Vom Erfolg des Projekts könnten viele profitieren: die Fabrikarbeiter, denen ein regelmäßiges Einkommen zur Verfügung stünde, und die regionalen Bauern, die mit der Zuckerfabrik einen sicheren Abnehmer für künftige Rübenernten hätten - und damit eine Alternative zum in Afghanistan weit verbreiteteten Anbau von Schlafmohn. Außerdem wäre das Land unabhängiger vom Zuckerimport, wenn es einen Teil seines Bedarfs selber produziert. Zwei Millionen Euro ließ sich das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung das Projekt bis 2009 kosten.

Als vor einigen Jahren Fachleute für den Wiederaufbau der alten Fabrik gesucht wurden, zögerte Burghard Reiser nicht lange. Genügend Berufserfahrung hatte er schließlich: Auf dem Werksgelände der Zuckerfabrik am Bahnhof Hadmersleben geboren, absolvierte er Jahre später in Bernburg seine Ausbildung als Zuckerfacharbeiter und arbeitete bis zur Schließung des Werks kurz nach der Wende in der Zuckerfabrik Hadmersleben. Seitdem hatte Reiser mit der Zuckerproduktion zwar beruflich nichts mehr zu tun, doch gelernt ist gelernt. Sein Vorteil: Er kennt die Abläufe in einer Zuckerfabrik, in der alle Prozesse noch per Hand ablaufen - genau so würde es in Afghanistan sein.

"Dach war abgedeckt, die Maschinen verrostet."

Jetzt musste nur noch Ehefrau Carmen überzeugt werden - und die war von den Plänen ihres Mannes alles andere als begeistert. "Ich sagte zu ihm: Du hast doch \'nen Knall" erinnert sie sich heute und lacht. Denn letztlich haben sie und die vier gemeinsamen Söhne das abenteuerlustige Familienoberhaupt unterstützt. Im März 2005 fliegt Reiser nach Afghanistan, ohne je zuvor dort gewesen zu sein, und beginnt seine Arbeit als Maschinenmeister.

"Als ich die Fabrik das erste Mal sah, dachte ich: Wo bin ich bloß gelandet?",sagt er. "Das Dach war abgedeckt, die Maschinen verrostet, durch die Wände gingen unzählige Einschusslöcher und überall lag Vogelkot."

Bis im Herbst 2006 die erste Zuckerproduktion - in der Fachsprache "Kampagne" genannt - beginnen kann, gibt es allerhand zu tun. Das Gelände muss entrümpelt, die alten Maschinen - Kalkofen, Schneidemaschine, Kochstation - nach und nach mit Ersatzteilen in Gang gesetzt werden. Manch nötiges Werkzeug können Burghard Reiser, inzwischen technischer Leiter, und Karim Wasiri, Geschäftsführer, in Kabul oder Pakistan auftreiben - manches nicht. Selbst Pinsel sind Mangelware - die Fassade der Fabrik wird kurzerhand mit in Farbe getünchten Lappen gestrichen.

"Manchmal weiß ich gar nicht, was ich da esse."

Geradezu unmöglich ist es, das dringend benötigte Fachpersonal zu finden. Ausgebildete Maler, Dreher, gar Elektriker oder Zuckertechnologen? Fehlanzeige. Abgesehen von zwei afghanischen Ingenieuren, die ihre Ausbildung in Deutschland absolviert haben, gibt es vor Ort keine Fachkräfte. Reiser bleibt nichts anderes übrig, als die Arbeiter selber anzulernen. "Sogar Schweißerkurse habe ich gegeben", erzählt er. Woher er das kann? "Wir haben ja schon zu DDR-Zeiten viel improvisiert", sagt er schulterzuckend.

Während die technische Instandsetzung der Fabrik auf Hochtouren läuft, säen mehrere hundert Kleinbauern die ersten Zuckerrübensamen auf den umliegenden Feldern aus. Der Kundus-Fluss, der sich durch die Region schlängelt, wird zur Bewässerung der Felder genutzt. "Die Gräben sind beeindruckend, entstanden mit einfachen Holzschippen. Aber auch sonst kennen die Bauern kaum Technik: Sie säen mit der Hand aus, bearbeiten den Boden zum Teil mit Holzpflügen, davor sind oftmals Ochsen gespannt", sagt Reiser. Im Herbst 2006 werden die ersten Zuckerrüben geliefert - nicht nur für den Deutschen ein bewegender Moment. "Viele der etwa 360 Arbeiter hatten Tränen in den Augen, als die erste Kampagne anlief. Das geht einem sehr nahe."

Der afghanische Alltag ist für den Sachsen-Anhalter eine Umstellung. In der Region gibt es keine funktionierende Wasser- und Stromversorgung, das Nahrungsangebot ist eintönig. Hauptsächlich ernährt sich Reiser von Reis, Hammelfleisch und Früchten. "Manchmal weiß ich gar nicht, was ich da esse. Wenn es seltsam schmeckt, würze ich mit Salz und Pfeffer nach." Die ungewohnte Ernährung schlägt sich auf sein Gewicht nieder: Insgesamt 20 Kilo hat Reiser seit Beginn seiner Arbeit abgenommen. "Wenn ich in Deutschland bin, futtere ich immer wieder drauf", sagt er unbekümmert.

"Es zieht mich immer wieder zurück."

Schwerer wiegt die prekäre Sicherheitslage im Land, die auch in Baglan spürbar ist. Nicht jeder hier heißt den Aufbau der Zuckerfabrik gut. Schon des Öfteren habe es Drohungen gegeben, erzählt Reiser. Gegen ihn, gegen die Betriebsleitung, gegen Mitarbeiter. "Taliban", sagt er. "Unter den Fabrikarbeitern gibt es sicherlich auch Sympathisanten." Derzeit wird das Fabrikgelände Tag und Nacht von 20 bis 40 Polizisten bewacht. "Es gibt keine Sicherheit in Afghanistan. Aber ich versuche, ohne Gewalt und Waffen Vertrauen zu den Leuten aufzubauen, die sonst gegen uns waren."

Derzeit macht Reiser Urlaub bei seiner Familie in Klein Oschersleben, wie jedes Jahr um die Weihnachtszeit. Zuvor wurde in Baglan die dritte Kampagne abgeschlossen. Etwa 3000 Tonnen Zuckerrüben wurden diesmal verarbeitet, mehr gibt die Ernte noch nicht her. Wirtschaftlich sei die Fabrik bisher nicht: Damit das Werk schwarze Zahlen schreibt, seien etwa 30000 Tonnen Rüben nötig.

"In Deutschland haben wir alles, was wir brauchen. In Afghanistan aber ist das Leben wirklich schwer", sagt der 60-Jährige. Ein bisschen dazu beitragen zu können, dass es den Leuten dort bessergehe, treibe ihn an. "Ich habe versucht, aus Afghanistan wegzukommen. Aber es zieht mich immer wieder zurück." Zu den Menschen, zu dem Land, zum Zucker. Anfang Februar fliegt er wieder an den Hindukusch. "Bis die Fabrik richtig läuft, wird es wohl noch zwei, drei Jahre dauern."

   

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