Zehn Menschen fanden vor einem Jahr bei Hordorf den Tod: Acht Fahrgäste, der Triebwagenführer und eine Zugbegleiterin starben beim Zusammenstoß zweier Züge.

Hordorf l Die Bilder haben sich ins Gedächtnis eingebrannt: Im grellen Scheinwerferlicht der Rettungskräfte reihen sich die Waggons eines Güterzugs auf der eingleisigen Strecke aneinander. Neben den Gleisen liegt der zweiteilige Triebwagenzug des Harz-Elbe-Expresses. Der vordere Zugteil ist zerfetzt - ein Sammelsurium aus Metall, Plaste und Glas. Bei dem Zusammenprall am Sonnabend, 29. Januar 2011, um 22.28 Uhr sind zehn Menschen gestorben: Neben acht Fahrgästen kommen der Triebwagenführer und eine Zugbegleiterin ums Leben. 23 Menschen sind schwer verletzt.

Heute ist an der Strecke längst wieder Normalität eingekehrt: Der blau-weiße Triebwagen in Richtung Harz hält nur kurz am Bahnhof. Ein paar hundert Meter weiter ist das eingleisige Streckenstück zu Ende, hier geht es auf zwei Gleisen weiter in Richtung Südwesten. Auf den ersten Blick haben bislang an die Katastrophe vor einem Jahr einzig ein Kreuz und eine Tafel erinnert. Heute wird anstelle des Kreuzes ein neuer Gedenkstein eingeweiht (siehe Infokasten).

Das Klopfen der Menschen aus dem hinteren Wagen

Doch neben diesen sichtbaren Zeugnissen sind es auch die Erinnerungen der Menschen, die geblieben sind.

Einer der ersten vor Ort ist Heiko Rese gewesen. Er berichtet von den dramatischen Stunden vor einem Jahr: "Ich wohne mit meiner Frau rund 250 Meter vom Bahnhof entfernt. Wir hatten einen lauten Knall gehört, meine Frau den Blitz einer Explosion gesehen." Zusammen fahren die beiden zum Bahnhof und treffen dort auf einen Nachbarn. Von der Straße aus ist nichts zu erkennen.

Doch ein paar Schritte weiter das Chaos der Trümmer. Ein Bild der Zerstörung und ein Bild von Menschen, die aus dem ersten Wagen des Zugs herausgeschleudert worden sind. Ein Bild von Flammen - die die beiden mit einem Feuerlöscher löschen - und ein Geräusch. Heiko Rese: "Das Klopfen aus dem hinteren Wagen werde ich nicht vergessen."

Gemeinsam versuchen die beiden Männer, die Frontscheibe des Zuges zu zertrümmern und zu den Eingeschlossenen zu gelangen. Keine Chance.

Zweiter Versuch: Auf den auf der Seite liegenden Zug kommen und eine der oben liegenden Seitenscheiben einschlagen. Das gelingt. "Ich habe oben auf dem Zug gehockt und mit den Menschen gesprochen, habe versucht, sie zu beruhigen. Mehr konnte ich nicht tun." Die Minuten, bis die ersten Rettungskräfte eintreffen, wollen nicht vergehen.

Als sie eintreffen ist die Freiwillige Feuerwehr Hordorf dabei. Rainer Dubois ist damals Wehrleiter und erzählt heute: "Selbst war ich zwar nicht vor Ort, doch die Erinnerungen an das Unglück kommen nach einem Jahr wieder hoch." Eine Sorge des Hordorfers damals: Werden meine Kameraden den Einsatz selbst unbeschadet überstehen? Dubois: "Wir waren noch nie bei einem derartigen Unglück im Einsatz. So etwas wünscht man niemandem." Im Abstand von einem Jahr seit der Katastrophe lobt er die Hilfsangebote für die Helfer: "Drei Tage war unsere Wehr im Einsatz, zunächst um die Toten zu bergen, später um den Brandschutz abzusichern." Nach Einsatzende bleiben die Bilder im Gedächtnis. "Das DRK und Seelsorger haben die Helfer und Einsatzkräfte hervorragend betreut", sagt Dubois. Zeichen für den Erfolg der Hilfe: Keiner von den Hordorfer Feuerwehrleuten hat die Wehr verlassen.

Nicht losgelassen hat bislang der 29. Januar vergangenen Jahres Ortsbürgermeister Norbert Kurzel. Gegenüber der Volksstimme sagt er: "Seit Sommer sind wir in die Vorbereitungen für den Gedenkstein eingebunden." Eine Arbeit, die ihn selbst immer wieder an seinen Einsatz in der Unglücksnacht erinnert: Gemeinsam mit Frauen von Feuerwehrleuten sichert er damals vom Dorfgemeinschaftshaus aus die erste Versorgung der Einsatzkräfte ab und wirkt später an der Organsiation des Einsatzes mit zeitweise weit mehr als 100 Einsatzkräften mit.

Bekannt geworden ist vor einem Jahr Amalia aus Langenstein. Sie hat einen großen Teil ihrer Familie verloren und ist damals selbst unter den Schwerverletzten. Ihr Leben steht lange Zeit auf der Kippe. Inzwischen lebt sie bei ihrem Vater und besucht wieder die Schule. Im Mai hatsie noch einmal das Halberstädter Ameos-Klinikum besucht, um sich bei dem Klinikpersonal zu bedanken. Die Überschrift in der Halberstädter Lokalausgabe der Volksstimme: "Nach Hordorf: Die zehnjährige Amalia ist zurück im Leben".

Drei Tage nach der Zugkatastrophe vor einem Jahr wird nicht nur der Zugbetrieb auf der Strecke wieder aufgenommen. An diesem Tag legt das Bundesverkehrsministerium auch den ersten Ermittlungsbericht vor. Inhalt: Der Güterzug hätte auf der zweigleisigen Strecke abwarten müssen, bis der Harz-Express ihn von der eingleisigen Strecke kommend passiert hat. Der Lokführer des Güterzugs hat aber sowohl das Vor- als auch das Hauptsignal übersehen, und der Güterzug der Verkehrsbetriebe Peine-Salzgitter mit Kalk aus Rübeland ist mit 68 Stundenkilometern auf den entgegenkommenden Triebwagenzug geprallt, dessen Führer diesen noch von Tempo 98 auf 66 Stundenkilometer abbremst.

Vor wenigen Tagen, am 3. Januar dieses Jahres, ist nun Anklage gegen den aus Niedersachsen stammenden Lokführer erhoben worden. Zur Last gelegt werden ihm fahrlässige Tötung und Körperverletzung in 22 Fällen und auch der fahrlässige Eingriff in den Eisenbahnverkehr. Bereits seit einem Bericht des Eisenbahnbundesamtes vom 17. Februar vergangenen Jahres sind zumindest Spekulationen vom Tisch, dass der Angeklagte nicht auf der ersten, sondern auf der zweiten Lok des Zuges mitgefahren sei. Wann der Prozess beginnt, steht allerdings noch nicht fest.

Makaber: Der Katastrophe folgen die Investitionen

Makaber wirkt eine weitere Folge der Eisenbahnkatastrophe: Über Jahre ging es nur schleppend voran, die Sicherheitstechnik auf den neuesten Stand zu bringen. Zwar haben Land und HEX-Betreiber Veolia die Deutsche Bahn als Netzbetreiber mehrfach aufgefordert, die Strecke mit einem automatischen Bremssystem mit dem Titel "Punktförmige Zugbeeinflussung" (PZB) auszustatten. Wenn ein Lokführer ein Haltesignal ignoriert, wird der Zug mit diesem automatisch abgebremst. Auf bundesdeutschen Schienenwegen ist eine solche Einrichtung für Strecken vorgeschrieben, auf denen mit mehr als 100 Stundenkilometern gefahren wird. Die Strecke Magdeburg - Halberstadt allerdings ist nur bis Tempo 100 zugelassen. Die ersten Bestandteile für das System sind im Januar 2011 zwar bereits installiert - die Fertigstellung lässt aber auf sich warten.

Dies, obwohl zwei Vorfälle aus den Jahren zuvor darauf deuten, dass ein solches System dringend notwendig ist: Am 6. November 2006 waren in Blumenberg beinahe zwei Personenzüge mit insgesamt 130 Reisenden zusammengestoßen. Als Ursache hatte das Eisenbahnbundesamt damals ein defektes Vorsignal ermittelt.

Eine gespenstische Ähnlichkeit mit der Zugkatastrophe vor einem Jahr dann bei einem Vorfall am 28. Februar 2008: Damals hatte an der gleichen Stelle der Lokführer eines Güterzuges ebenfalls die beiden Haltesignale übersehen. Auf der eingleisigen Strecke rasten sein Zug und ein entgegenkommender HEX aufeinander zu. Der Fahrdienstleiter in Hordorf hatte diese Situation rechtzeitig erkannt und die beiden Lokführer per Funk aufgefordert, ihre Züge zu stoppen. Als die beiden Schienenfahrzeuge standen, trennten sie nur wenige Meter. Der Unterschied des Beinahe-Unglücks mit der Katastrophe knapp drei Jahre später: Damals herrschte kein Nebel.

Neue Sicherheitstechnik lässt Anfang 2011 dennoch auf sich warten. Doch nach der Katastrophe geht es mit der Nachrüstung plötzlich schnell: Am 25. März beschließt die Bahn, mehr als 3000 Kilometer ihres Schienenetzes mit PZB nachzurüsten. Am 1. Juni vergangenen Jahres geht das System bei Hordorf in Betrieb.

Etwas mehr als vier Monate nach dem 29. Januar 2011 - und damit etwas mehr als vier Monate zu spät.

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