2011 stellten in Sachsen-Anhalt 1274 Menschen einen Erstantrag auf Asyl. Vielen von ihnen droht die Abschiebung. Unterstützung bei ihrem Kampf mit den deutschen Behörden erhalten sie von der Integrationshilfe Sachsen-Anhalt. Bei Aziz aus Afghanistan waren sie erfolgreich.

Magdeburg/Stendal l Auf den Balkonen des Asylbewerberheims in Stendal reiht sich eine Satellitenschüssel an die andere - das Fernsehprogramm ist für viele die einzige Verbindung in die Heimat. Zu Hause fühlen sie sich in Deutschland noch nicht.

So geht es auch Nesar Ahmad Aziz. Der 24-Jährige arbeitete in Afghanistan als Übersetzer für die US-Armee - und wurde dadurch zum Feind im eigenen Land. "Die Taliban glaubten, ich hätte als Spion für die Amerikaner gearbeitet. Und wollten sich rächen." Man verübte einen Anschlag auf ihn, dem seine gesamte Familie zum Opfer fiel. Er selbst fand die grausam zugerichteten Leichen. "Bei dem Anschlag war ich nur zufällig nicht dabei." Aziz verstummt. Zu nah gehen ihm die Ereignisse noch immer. "Mir war klar: Eigentlich wollten sie mich töten." In Todesangst entschloss er sich Hals über Kopf zur Flucht. Sein Ziel: Ein Ort, an dem er sicher ist. An dem Gesetze gelten.

"Ich hatte Angst um mein Leben. Mir blieb keine Wahl, ich musste mein Land verlassen."

Nesar Ahmad Aziz

Zwei, drei Tage war Aziz unterwegs. Eng zusammengepfercht mit anderen Flüchtlingen, auf den Ladeflächen verschiedenster Lkw. Seine Flucht endete im Mai 2010 in Deutschland. Lange war nicht sicher, ob er bleiben darf.

Jetzt ist ein erster Schritt getan: Mitte April entschied das Verwaltungsgericht Magdeburg: Aziz wird als Asylberechtigter anerkannt, es gilt das Aufenthaltsrecht aus humanitären Gründen.

Jan Braune, Tobias Wuttke und Robert Willnow von der Integrationshilfe Sachsen-Anhalt sind erleichtert. "Das Urteil bestätigt uns in unserer Arbeit", erzählt Jan. "Es zeigt, wir können tatsächlich etwas erreichen."

Die drei Gründungsmitglieder haben Aziz seit sieben Monaten bei seinem Weg durch die Behörden, dem Kampf mit den Gesetzen und letztendlich auch vor Gericht begleitet. Zwei Jahre sind zwischen Aziz\' erstem Besuch beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge in Halberstadt und dem Gerichtsentscheid vergangen - ein üblicher Zeitraum, so Jan.

"Schockiert, in welchen prekären Verhältnissen die Asylbewerber untergebracht sind"

Jan Braune

Dass sie sich in ihrer Freizeit engagieren, ist für die Studenten Ehrensache. "Uns fiel auf, dass viele kaum etwas über Asylbewerber wissen. Manchmal wirkt es so, als würde die Politik sie und die gesamte Thematik bewusst von der Öffentlichkeit fernhalten." Die unbefestigte Straße zum Asylbewerberheim am Stadtrand von Stendal zeigt, was er damit meint. "Als wir uns näher damit ausein- andergesetzt haben, waren wir schockiert, in welchen prekären Verhältnissen die Asylbewerber untergebracht werden. Und dass einige Gesetzesgrundlagen für den Umgang mit Asylbewerbern noch von 1960 stammen."

Die Probleme der Flüchtlinge beginnen oft schon direkt bei der Ankunft in dem für sie fremden Land. "Alles war anders als zu Hause", berichtet Aziz. "Die Menschen, die Kleidung, das Leben auf der Straße. Aber: Ich war in Sicherheit. Das zählte." Jan ergänzt: "Die Flüchtlinge wissen meistens nicht, wohin. Wer ihnen helfen kann. Den Behörden vertrauen sie nicht. Denn die gelten als Feind, der möglichst jeden Flüchtling wieder zurückschicken will."

Dabei gibt es Beratungsstellen, die sich für die Rechte der Flüchtlinge einsetzen. Doch dort müssen sie erst einmal hingehen - sich jemandem Fremden anvertrauen, ohne um die Konsequenzen zu wissen. Ein großer Schritt. "Wir machen es deswegen umgekehrt und gehen direkt in die Lager. Dort klopfen wir einfach an der nächstbesten Tür und bieten unsere Hilfe an", sagt Jan. "Ich hatte unheimlich viele Fragen. und war froh, in Jan und den anderen Menschen gefunden zu haben, die mir zuhören", sagt Aziz. "Inzwischen helfe ich selbst im Verein mit und unterstütze Neuankömmlinge, beantworte ihnen zum Beispiel alle offenen Fragen."

Heute kommen Jan und Tobias nicht überraschend vorbei: Aziz wartet schon mit dem offiziellen Schreiben vom Verwaltungs- gericht auf die beiden.

Langsam geht er ihnen entgegen, lässt sich Zeit für den kurzen Weg von der Haustür bis zum Tor. Aziz weiß: Die Prozedur beim Pförtner dauert wie immer etwas länger. "Wir leben hier wie in einem Gefängnis", beschreibt er die Situation. "Mit Stacheldraht und Wachmann." Jan und Tobias müssen einen Aufenthaltsgrund angeben, ihre Ausweise abgeben und bekommen Besucherscheine. Dann erst gehen die drei gemeinsam in die Wohnung.

Hausnummer 10, fünf Stockwerke, je zwei Türen - hinter jeder verbirgt sich ein anderes Schicksal. Hinter Tür 9 gleich sieben: So viele junge Männer leben hier. In der Drei-Raum-Wohnung liegen in jedem Zimmer mehrere dünne Matratzen auf dem Boden. Dazwischen: Sofas, Schränke, Fernseher - zurückgebliebene Spuren ihrer Vorgänger. Es ist eng.

Trotz der Enge, jedem Asylbewerber stehen fünf Quadratmeter zu, haben es sich die Männer gemütlich gemacht. Gewebte Decken ersetzen Teppiche, an der Wand erinnert eine afghanische Flagge an die Wurzeln, die Schranktüren sind liebevoll mit alten Familienfotos geschmückt.

Mit einer kleinen Geste bittet Aziz die Asylhelfer, auf dem dunklen Ledersofa Platz zu nehmen. Er selbst setzt sich daneben, auf den Boden. Als er Jan den Brief über den Tisch hinweg zuschiebt, lächelt er kurz. Doch seine tiefschwarzen, traurigen Augen zeigen: Der positive Entscheid ändert nichts an der schweren Last, die Aziz auf seinen Schultern trägt. Die Erinnerung bleibt - und schmerzt. "Ich vermisse mein Land und meine Freunde. Aber in Afghanistan passieren täglich so schreckliche Dinge, dass ich dahin nie wieder zurückkehren möchte." Er stockt und fährt leise fort: "Dort gehört der Krieg zum Alltag. Es ist normal, tote Menschen auf der Straße zu sehen."

Jan und Tobias sind gern gesehene Gäste. Nach und nach kommen immer mehr Männer in den kleinen Wohnraum. Gespannt ruhen ihre Blicke auf den beiden Deutschen. Mehrere von ihnen haben Briefe mitgebracht. Die Ehrenamtlichen übersetzen das Beamtendeutsch in einfaches Englisch - auch wenn Aziz etwas Deutsch versteht. "Ich habe Kurse im Internet gemacht und in deutschen Büchern gelesen. Ich möchte unbedingt Deutsch lernen. Vielleicht hilft das, um mich eines Tages hier zu Hause zu fühlen."

Auch hierbei, beim Zuhausefühlen, möchte der Integrationsverein Sachsen-Anhalt helfen. Die Vereinsarbeit geht deswegen über die persönliche Betreuung hinaus. Derzeit setzt sich der Verein für eine dezentrale Unterbringung der Asylbewerber in Wohnungen ein. "Das ist nachgewiesen günstiger, wie sich in Dessau - wo die dezentrale Unterbringung üblich ist - auch in der Praxis gezeigt hat", erklärt Jan. "Außerdem fördert es die Integration und verhindert Kriminalität."

Genauso wichtig ist das Engagement des Vereins hinsichtlich der Alltagsgestaltung. "Langeweile ist ein großes Problem. Arbeiten dürfen die Flüchtlinge nicht. Geld haben sie auch kaum", erklärt Jan. Asylbewerber in Sachsen-Anhalt müssen oft mit monatlich knapp 200 Euro für den täglichen Bedarf auskommen. Aziz nickt und erklärt, was das für ihn und die anderen Männer bedeutet: "Wir verbringen unsere Tage mit Schlafen und Nachdenken. Das macht einen mit der Zeit verrückt. Man darf ja nicht arbeiten. So kann man die quälende Ungewissheit - ob man bleiben darf oder zurückgeschickt wird - nie vergessen."

Ausflüge ins Kino nach Magdeburg oder ein interkulturelles Fußballturnier ermöglichen einen Ausbruch aus der Monotonie. Die Teilnehmer-Urkunde des letzten Spiels haben die Männer neben die afghanische Flagge an die Wand gehängt. Wie ein Symbol, das für ihre leise Hoffnung auf eine positive Zukunft steht.

"Es ist erstaunlich, was zwei Anrufe und etwas Verantwortung bewirken können."

Tobias Wuttke

"Es gibt jede Menge zu tun. Wir suchen immer Freiwillige, die uns bei der Arbeit helfen, zum Beispiel über die Freiwilligen-Agentur Magdeburg. Spezielle Vorkenntnisse braucht man nicht. Manchmal hilft es, wenn einfach ein Deutscher bei den Behördengesprächen dabei ist", weiß Tobias. "Wichtig ist, dass sich jemand verantwortlich fühlt. Es ist erstaunlich, wie viel man mit ein, zwei Anrufen erreichen kann - man muss nur zum Hörer greifen. So lassen sich Sprachkurse oder Kleiderspenden organisieren."

Doch nicht jeder nimmt die Hilfe an. Eine sechsköpfige afghanische Familie aus dem Asylbewerberheim in Burg wollte keine rechtliche Beratung. Eines Nachts wurden sie unangekündigt von der Polizei abgeholt. "Da die Mutter sich auf der Flucht schon in Ungarn registriert hatte, wurden sie dorthin abgeschoben", erklärt Jan und schüttelt frustriert den Kopf. "Wir konnten nichts tun. Die ältesten Söhne sind mittlerweile von Ungarn nach Österreich geflohen. Einer durfte zurück nach Deutschland." Familientragödien wie diese zeigen die Schattenseiten der ehrenamtlichen Arbeit. "Solche Geschichten gehen einem sehr nah", sagt Jan. Im Kopf nehme er die Arbeit eigentlich immer mit nach Hause.

Wenn Aziz\' Urteil rechtskräftig ist, beginnt für ihn ein neuer Lebensabschnitt. "Ich habe viele Träume für die Zukunft. Studieren, in eine eigene Wohnung ziehen", sagt Aziz. Nachdenklich fügt er hinzu: "Ich bin froh, dass das Gericht mir zugehört und meine Situation verstanden hat. Dass ich bleiben darf. Leider haben nicht alle meine Freunde die gleiche Möglichkeit."

Weitere Informationen auf der Vereinshomepage unter www.ih-st.org im Internet.

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