Langwierige Planungen, falsche Berechnungen - der Frust über die Schwachstellen im Hochwasserschutz ist groß. Einsatzkräfte müssen nun vielerorts Deiche notdürftig ausbauen - ein Kampf gegen die Zeit.

Magdeburg (vs) l 500 Millionen Euro hat das Land Sachsen-Anhalt in den vergangenen zehn Jahren in den Hochwasserschutz investiert. Doch längst konnten die Behörden nicht alle Schwachstellen entlang der Elbe beseitigen. Im Kampf gegen die neue Flut zeigt sich nun: Oft dauerten Planungen zu lange oder Deiche wurden zu niedrig gebaut.

Biederitz: Erst im April wurde der neue Deich bei Biederitz eingeweiht. Das drei Kilometer lange Bauwerk sollte künftig Jahrhundertfluten trotzen. Kosten hierfür: 4,1 Millionen Euro. Die Behörden haben aber nun festgestellt, dass der Damm einen Meter zu niedrig ist für die erwarteten Fluten. Seit Dienstag stapeln deshalb Hunderte Helfer Sandsäcke und legen mit Sand gefüllte Stoffrollen entlang des Deiches aus. Bis Donnerstag soll der Wall auf die Weise um einen halben Meter an Höhe gewinnen. Gemeindebürgermeister Kay Gericke ist aber optimistisch: "Mit der dann erreichten Höhe wird der Deich halten", sagt er.

Demker: Bereits seit Montag pflügen Raupen, Bagger und Kipper am Demker Ortsrand über den Acker. Ihre Aufgabe ist nicht weniger aufregend: 900 Meter Deich in Rekordzeit bauen. "Wir sind durchgehend mit 20 Männern von 6 Uhr morgens bis 22 Uhr abends auf der Baustelle", erklärt Matthias Müller vom Landesamt für Hochwasserschutz (LHW). 700 Meter Schutzwall seien bereits aufgeschüttet, allerdings nicht auf voller Höhe. "Wir wollen Donnerstag die Arbeiten am Deich abschließen", erläutert Müller. Insgesamt 25 000 Kubikmeter Lehm und Ton werden sie dann für den drei Meter hohen Wall bewegt haben.

Die Demkeraner haben also Glück im Unglück. Für das Bauwerk lagen die Pläne bereits in der Schublade. "Am 1. Juli wäre Baustart für einen größeren Deich gewesen", sagt Tilo Köppe-Reib, Planer aus Neuruppin. Nun musste er einen Notdeich kreieren. Nach dem Hochwasser soll dann die eigentlich geplante Schutzanlage gebaut werden. Diese wird höher und breiter als die Behelfskonstruktion.

Havelberg: Neben der Elbe führt auch die Havel Hochwasser. Deshalb haben am Mittwoch zwei Baufirmen in Havelberg eilig begonnen, Wälle zu errichten, um die Altstadt zu schützen. Ihre Bauarbeiter sind mittlerweile Experten beim Bau der Not-Dämme, denn nach 2002 und 2006 stehen sie zum dritten Mal vor der Aufgabe. Dabei hätte die Situation viel entspannter sein können, wenn der Bau der bereits geplanten Schutzanlagen schon erfolgt wäre.

So aber müssen die Baukolonnen ranklotzen. Das LHW plant nämlich, Polder in der Gegend zu fluten, um den Hochwasserscheitel der Elbe zu kappen und die Unterlieger zu entlasten. Lediglich der Zeitpunkt für die Entlastungsflutungen stehe noch nicht fest.

Beuster:Dass nicht alle Orte mit meterhohen Deichen geschützt werden können, ist den Einwohnern von Werder und Scharpenlohe bei Beuster (Landkreis Stendal) klar. Ihre Siedlungen liegen nämlich auf natürlichen Erhöhungen im Überschwemmungsgebiet der Elbe. Seit drei Tagen arbeiten die Einwohner nun fieberhaft daran, Fenster zuzumauern, Tiere in Sicherheit zu bringen und Wälle aus Sandsäcken zu bauen.

Eine Evakuierung, wie sie der Lankreis Stendal plant, stößt bei ihnen jedoch auf ein geteiltes Echo. "Wir leben hier seit vielen Jahren - oft genug stand das Wasser schon in unseren Häusern", erzählt Rüdiger Schwesig. Das mache ihm aber keine Angst. "Wir sind bestens vorbereitet und können hier mindestens zehn Tage autark leben." Sorgenvoller blickt da schon Schwesigs Nachbar Ralf von Hagen auf das heranna-hende Hochwasser. "Ich hoffe, der Wasserstand bleibt unter dem Niveau, auf dem wir unsere Möbel eingelagert haben."

Eines steht aber so gut wie fest: Wenn sich die Flut zurückzieht, kommt auf die Landesregierung eine neue Debatte um den Hochwasserschutz im Land zu. Ministerpräsident Reiner Haseloff (CDU) hatte zwar schon angekündigt, Planungen für neue Schutzdämme beschleunigen zu wollen. CDU und Linke haben das Thema nun aber auch auf die Tagesordnung im Landtag gesetzt.

Kritik an unverhältnismäßig langen Planungszeiten kommt auch von der Mittelstands- und Wirtschaftsvereinigung Sachsen-Anhalts (MIT). Sie fordert, eine "Gemeinnützigkeitsklausel" im Bau- und Planungsrecht aufzunehmen. Die Klausel soll laut der Vereinigung verhindern, dass Bürgerinitiativen und private Interessen Einzelner wichtige Infrastrukturprojekte unverhältnismäßig lange verzögern. Die gesetzlich garantierten Mitspracherechte von Bürgern würden durch die Klausel nicht verletzt, betonte MIT-Chef Klaus-Dieter Weber.

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