Magdeburg - Stadtfeld-West. Aufräumen, ausbessern und - ja - und einfach mal ausschlafen. So sieht derzeit der Tagesablauf der Magdeburger THW-Helfer aus. Nach drei Wochen Dauerkampf gegen das Hochwasser fordert auch die Nachbereitung wie schon der Einsatz selbst alle Kräfte der insgesamt 110 Köpfe starken Truppe.

Freitagabend, 19 Uhr. Ein Hof im Encke-Carré dicht an der Beimsiedlung. Während sich viele Magdeburger aufs Wochenende freuen, werkeln in dem Garagenkomplex der ehemaligen Kaserne eine Handvoll THW-Helfer an Maschinen. "Wir machen gerade mal eine Bestandsaufnahme unserer Technik", sagt THW-Zugführer Falk Lepie im scharfen Schein der Abendsonne. Hinter ihm und seinen THW-Helfern liegen anstrengende Wochen. Groß Rosenburg, Schönebeck, Magdeburg und auch Fischbeck - hier und an vielen anderen hochwassergefährdeten Stellen haben die Magdeburger THWler mitgeholfen, dass die Fluten nicht noch mehr mit sich rissen als ohnehin schon.

"14.000 Einsatzstunden kamen zusammen", rechnete Lepie aus und nickt, als der Reporter nachfragt. "Ja, es ist der größte Einsatz seit 2002". Und er hat geschlaucht.

Der Magdeburger THW-Ortsverband ist aber hart im Nehmen und kennt sich aus mit Katastrophenfällen. Vor allem die Fachgruppen "Führung und Kommunikation" und "Wassergefahren" zählen zu den Einheiten, die immer wieder bei Notfällen "rausgeworfen" werden. Bundesweit kommen dann Magdeburger Helfer zum Einsatz. Meist aber nicht so schlagzeilenträchtig wie in diesem Jahr. "Wenn wir irgendwo in Bayern unterwegs sind, dann interessiert das hier zu Hause in der Regel kaum jemand", sagt Falk Lepie.

Beim Hochwasser dieser Tage war das anders. Der Dauereinsatz am Deich vor der Haustür hat alle Kräfte gefordert, aber auch alles an Freundlichkeit geboten. Lepie nennt Beispiele: "In Cracau kam einfach so eine 80-Jährige auf uns zu und packte aus ihrem Körbchen Kanne, Tassen, Kaffee, Besteck und Kuchen aus und sagte: Jungs, nun haut mal rein." Oder die Sache auf dem Werder. Falk Lepie: "Wir waren da im Einsatz. Plötzlich hielt ein Auto an. Der Fahrer leierte die Scheibe herunter und sagte einfach nur: Danke". Lepie läuft selbst beim Erzählen noch die Gänsehaut den Rücken runter. Das sind die Momente, in denen die Helfer wissen: Wir haben uns für den richtigen Dienst entschieden, auch wenn die Flut nicht immer zu bändigen ist.

Wie aber geht THW? Das THW ist als Bundesbehörde dem Innenministerium unterstellt und eine weitgehend ehrenamtliche schnelle Eingreiftruppe für Katastrophenfälle. Erdrutsche, Regenfälle, Überschwemmungen, Flussverschmutzungen, schwere Unfälle. Das THW kommt immer dann zum Einsatz, wenn schwere Technik gebraucht wird. Bei uns ist alles etwas größer und für den längeren Einsatz ausgelegt, erklärt Lepie.

"Länger" hat\'s diesmal gedauert. Drei Wochen kämpften die Helfer gegen die Fluten. Rund 60 Magdeburger THWler waren draußen im Einsatz. "Wir sind froh, über eine schlagkräftige Einheit zu verfügen", freut sich Falk Lepie. Rund ein halbes Jahr dauert die Grundausbildung zum "Helfer". Danach geht\'s in eine Spezialisierung. Am Ende stehen Einsätze wie beim Hochwasser. Mal 10-mal, mal 30-mal im Jahr, vorhersehbar ist das nicht. Klar ist aber für Zugführer Lepie: "THW kann Hochwasser". Die Bändigung von Wassermassen ist eines ihrer Spezialgebiete. Mit ihren Booten wurden die Maßnahmen rund um den Deichbruch bei Groß Rosenburg abgesichert. Mit ihrem Können wurden die Schuten für die Deichbruchstelle in Fischbeck fürs kontrollierte Versenken schon in Rothensee vorbereitet.

Und mit ihrer Anleitung wurden Tausende Meter Sandsackwälle korrekt verbaut. Oder auch das: Die überwältigende Hilfsbereitschaft der Magdeburger und anderer Einsatzkräfte nützt nur etwas, wenn sie koordiniert abläuft. Das THW hat mit seiner Führungsgruppe genau an diesem Punkt angesetzt.

Lepie: "Wir haben dafür ausgebildete Leute, die das Chaos beherrschen." Selbst Polizei und Zoll greifen regelmäßig auf die Magdeburger Helfer zurück. Wenn Großkontrollen anstehen, legt das Magdeburger THW mit seiner mobilen Führungsstelle die technischen Grundlagen für den Einsatz.

Doch der Einsatz fordert auch seinen Tribut. Bei den Leuten, die einfach ausgepowert sind, bei den Arbeitgebern, die ihre Mitarbeiter wieder im Betrieb sehen wollen und bei der technischen Ausrüstung. Auf mehrere 10000 Euro beläuft sich der Schaden an Werkzeugen, Pumpen, Motoren und Fahrzeugen.

"Alles haben wir noch gar nicht gesehen", sagt Falk Lepie. Tragischerweise sorgt also nun ausgerechnet eine Flut für Ebbe in der Ortsverbandskasse. "Wir werden zwar vom Bundesinnenministerium finanziert. Aber wie das mit einem Etat so ist: Steht plötzlich ein so großer Einsatz mit all seinen Folgen an, ist damit schon im Juni der Jahresetat aufgebraucht", sagt Falk Lepie und fügt hinzu: "Wir müssen nun zusehen, wie wir die restlichen sechs Monate finanziert bekommen."

In Gefahr ist beispielsweise die Fahrt der Jugendgruppe zum 20-jährigen Bestehen des Ortsverbandes im Herbst. "Da weiß ich im Moment nicht, wie ich\'s bezahlen soll. Das geht eigentlich nur noch über Spenden", sagt Lepie. Und noch ein Problem gibt es: Käme nächste Woche schon wieder ein Hochwasser, wäre die Ortsgruppe nur gut zur Hälfte einsatzbereit.

Auch um das zu ändern, werkelten die THW-Helfer am Freitagabend in ihrem Stützpunkt. "Aber trotz aller Anstrengung macht es uns Spaß", versichert Falk Lepie und gesellt sich nach dem Volksstimme-Gespräch wieder zurück zu seinen Jungs an der Garage, die sich eben mal eine Pause gönnen. Die Abendsonne wirft unterdessen lange Schatten.

Kontakt zum THW: Offener Treffpunkt jeden Mittwoch 17-19 Uhr, An der Enckekaserne 7, www.ov-magdeburg.thw.de, Telefon 0391 - 734 84 80 (mittwochs 17-19 Uhr)

   

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