Die Volksstimme sucht mit ihren Lesern traditionell zum Jahresende den Magdeburger des Jahres. Zur Wahl stehen Magdeburger, die sich außerordentlich engagieren. Dazu gehört der Toxikologe Professor Wulf Pohle, der seit vielen Jahren ehrenamtlich in der Pilzberatung tätig ist. Nicht nur das. Der 78-Jährige ist engagierter Umweltschützer, begeisterter Fotograf, Hobby-Ornithologe und Buchautor.

Magdeburg. Nein, zur Ruhe setzt sich Wulf Pohle nicht. Viele Magdeburger kennen ihn, er ist gefragter Experte zu verschiedenen Themen, und das seit Jahrzehnten. Der Name Pohle fällt, sobald die Pilzsaison beginnt. Oder wenn es um den Schutz der Elbauen geht. Als Fotograf hat er unter anderem ein halbes Jahrhundert lang die Artenvielfalt in der Flusslandschaft Elbe dokumentiert. Er kennt sich aus mit dem Verhalten von Zugvögeln und mischt sich ein bei aktuellen kommunalpolitischen Themen.

"Mein Gesundheitszustand hat sich in den vergangenen drei Jahren leider sehr verschlechtert", sagt Pohle. Die Wohnung kann er nicht mehr so oft verlassen. Nichtsdestotrotz. Seine Umtriebigkeit ist geblieben. Wer den Rat des Professors braucht, kommt zu ihm nach Hause. Während der Pilzsaison von August bis Oktober klingelt es daher sehr häufig an Pohles Wohnungstür. Pilzsammler zeigen ihm ihre Funde.

Auch das Telefon steht dann nicht still. Ob giftig, schmackhaft, ungenießbar, genießbar, unverträglich – Wulf Pohle kann sämtliche Pilze bestimmen und gibt sein Wissen mit großem ehrenamtlichen Engagement weiter. Wissen, das helfen kann, Leben zu retten, so wie im September, als Pohle schnell und unkompliziert Ärzten zur Seite stand, weil eine fünfköpfige Familie mit dem Verdacht auf eine Knollenblätterpilzvergiftung ins Krankenhaus kam. Den Verdacht konnte Pohle bestätigen, als er mitten in der Nacht den Pilz untersuchte, von dem die Familie gegessen hatte. Schon der Verzehr kleinster Mengen des Grünen Knollenblätterpilzes kann tödliche Folgen haben. Schnelle Hilfe ist wichtig. Als Toxikologe und Pharmakologe weiß er auch, welche Therapien helfen können. Pilzvergiftungen kommen im Klinikalltag eher selten vor, Pohles Telefonnummer ist im Krankenhaus bekannt. Den Wettlauf gegen die Zeit haben Pohle und die Ärzte gewonnen: Die betroffene Familie konnte nach einigen Tagen wieder entlassen werden.

Die Arbeit ist Pohle, der seit 1997 im Ruhestand ist, nach wie vor wichtig, das Mikroskop sein wichtigstes Werkzeug. "Man merkt, dass man eben nicht zum alten Eisen gehört", sagt er. Stillstand hat es in seinem Leben nicht gegeben, und seine Interessen sind vielseitig.

Derzeit erstellt er die Jahresstatistik des sachsen-anhaltischen Landesverbands der Pilzsachverständigen, wertet die Daten, die per Post von mehr als 100 Sachverständigen kommen, aus. "Unser Briefkasten ist dieser Tage immer gut gefüllt", sagt Ehefrau Eva. 51 Jahre sind die beiden verheiratet, haben drei Kinder und fünf Enkelkinder. Sie weiß: Das Arbeitszimmer ist das Reich ihres Mannes.

Außerdem sucht Pohle einen Verleger für sein Buch über Pflanzen, die gefährlich sind für Kinder. Denn auch auf dem Gebiet der Giftpflanzen kennt er sich aus. "Ich kann mir vorstellen, dass sich mein Manuskript eignet als Weiterbildungsmaterial für Betreuer in Kindertagesstätten", sagt er. Die Idee zu diesem Buch entstand bei einem Tag der offenen Tür der Kinderklinik. Dort hatte Pohle einen Vortag zu diesem Thema gehalten.

Zahlreiche Vorträge hat er in den vergangenen Jahren auch im Museum für Naturkunde gehalten, über Pilz- und Vogelkunde und allgemeine Biologie. Er war dabei, als ein Pilzherbarium eingerichtet wurde, engagierte sich in der Fachgruppe Ornithologie und als Vorstandsmitglied des naturwissenschaftlichen Vereins. "Leider musste ich die Arbeit aus gesundheitlichen Gründen aufgeben", blickt er zurück.

Pilzberaterprüfung vor mehr als 50 Jahren

"Die Leidenschaft für Biologie habe ich von meinem Großvater", sagt Pohle, gebürtiger Hallenser. Bei ihm in der familieneigenen Gärtnerei hat er als Kind viel Zeit verbracht, ehe er Anfang der 1950er Jahre die Pilzberaterprüfung am Botanischen Institut in Halle ablegte. 1957 hat es Pohle nach dem Biologie-Studium von der Saale an die Elbe verschlagen: als Assistent am Institut für Pharmakologie und Toxikologie der damaligen Medizinischen Akademie Magdeburg. 1975 dann die Habilitation, er hielt nach der Wende Vorlesungen zu Toxikologie und Chemotherapie, 1993 folgte die Ernennung zum Professor. Mehr als 200 Publikationen auf den Gebieten der Pharmakologie, Toxikologie und Hirnforschung hat er in Fachzeitschriften veröffentlicht.

Was sich Professor Pohle für die Zukunft wünscht? "Es wäre schön, wenn ich einen Verleger für mein Manuskript über Giftpflanzen finde."