Die Volksstimme sucht mit ihren Lesern traditionell zum Jahresende den Magdeburger des Jahres. Bis zum 31. Dezember läuft die 19. Auflage der Aktion, die engagierte Magdeburger in den Mittelpunkt rückt. Eine von ihnen ist Christel Leidt. Sie leitet die Kontakt- und Beratungsstelle für Selbsthilfegruppen, kurz Kobes, im Breiten Weg.

Magdeburg. Wer zu Christel Leidt möchte, muss bis in den vierten Stock des Hauses im Breiten Weg aufsteigen. Das ist ein wenig beschwerlich. An der Tür steht "Kontakt- und Beratungsstelle für Selbsthilfegruppen – KOBES". Nach dem Klingeln öffnet Christel Leidt die Tür. "Ach, Sie haben die sportliche Variante gewählt", lacht sie. Es gebe aber auch einen Fahrstuhl. Rechts neben dem Eingang eine kleine Rezeption mit einem Büro dahinter, links zwei Gruppenräume. Gemütlich eingerichtet und passend vorweihnachtlich geschmückt.

44 Selbsthilfegruppen treffen sich zurzeit in den Räumen von KOBES. Insgesamt hat die Beratungsstelle in den vergangenen fast 20 Jahren rund 160 Gruppen auf den Weg gebracht. Für die meisten davon war Christel Leidt die "Geburtshelferin", hat ihnen wichtige Tipps gegeben, sie am Anfang betreut und die ersten Gesprächsrunden geführt und Kontakte, zum Beispiel zu Fachleuten, hergestellt.

Dabei kommt Christel Leidt aus einem ganz anderen Fach. Chemieingenieurin ist die gebürtige Eichsfelderin, die 1967 ihr Studium in Magdeburg beginnt – mit ihrem Ehemann übrigens, den sie schon in ihrer Schulzeit kennengelernt hat. Studium, Heirat, zwei Söhne, Arbeit als Ingenieurin, das ist die Kurzbiografie von Christel Leidt. Bis 1990. Wie viele gelernte DDR-Bürger muss auch sie sich beruflich umorientieren. Und sie will es auch. "Ich wollte damals etwas Neues beginnen und das auf jeden Fall in der Sozialarbeit", erzählt Christel Leidt. Sie fängt im Second-Hand-Laden der Diakonie an. "Dort habe ich ganz verschiedene Menschen getroffen. Die, die genug Geld haben, um gebrauchte Kleidung abzugeben und die, die unverschuldet in Armut geraten sind und diese gebrauchte Kleidung benötigen. Das war schon beeindruckend." Und hat bei Christel Leidt den Entschluss gefestigt, auf dem richtigen beruflichen Weg zu sein.

Garten und Bücher

1991 richtet die Magdeburger Caritas mit Hilfe einer Projektförderung die Kontaktstelle für Selbsthilfegruppen ein, damals noch in Sudenburg. 1994 dann, nachdem die erste Leiterin aufgehört hat, übernimmt Christel Leidt den Posten – für 16 Jahre, denn in diesem Dezember wird sie in den Ruhestand gehen.

Und das mit dem berühmten lachenden und weinenden Auge. Lachend, "weil ich dann mehr freie und unbestimmte Zeit zur Verfügung habe", sagt Christel Leidt. Für den geliebten Garten zum Beispiel oder um mit ihrem Mann auf Wanderschaft zu gehen, am liebsten auf den Brocken. Auch für ihren Literaturkreis und die Auseinandersetzung mit Literatur bleibt dann mehr Zeit.

Das weinende Auge steht dafür, wofür sich Christel Leidt 15 Jahre lang eingesetzt hat. "Ich bin ja mit einigen Gruppen tatsächlich älter geworden. Die Tinnitus-Gruppe zum Beispiel oder einige Krebs-Gruppen. Die werde ich vermissen." Allerdings bedeutet "Ruhestand" für sie nicht gleich "aus der Welt zu sein". Wenn jemand vielleicht noch ihren fachlichen Rat haben möchte, sei sie natürlich gern bereit dazu. "Man wird sehen."

An dieser Stelle drängt sich die Frage auf, wie Christel Leidt damit umgeht, dass so viele Menschen in den vergangenen Jahren mit ihren meist sehr schweren Problemen zu ihr gekommen sind.

Viel Hoffnung

"Na ja", sagt sie nach kurzem Nachdenken, "wenn die Menschen eine Selbsthilfegruppe gründen wollen, dann gehen sie mit ihrem Problem ja ganz offensiv um und blicken nach vorn, in die Zukunft. Sie wollen etwas tun, wollen versuchen, mit ihrem Leiden fertig zu werden. Diese Leute haben sich nicht aufgegeben. Und da ist immer sehr viel Hoffnung mit dabei." Diese Hoffnung teilt Christel Leidt.Das ist die Kraft, aus der auch sie schöpfen könne. Und als Katholikin spielt der Glaube in ihrem Leben ebenfalls eine Rolle.

Dabei betont sie, dass die KOBES zwar von der katholischen Caritas betrieben wird, dass eine Religionszugehörigkeit oder -nähe nie eine Rolle gespielt habe, wenn jemand zu ihr gekommen sei, um eine Selbsthilfegruppe zu gründen. "Es ist immer der Mensch, der in erster Linie im Mittelpunkt steht und nicht, was er glaubt", sagt Christel Leidt. Das sei auch immer das Prinzip von KOBES gewesen. "Wir wollen den Menschen einen geschützten Rückzugsraum bieten, wo sie sich mit anderen treffen können, die das gleiche Problem haben. Wo sie auch Dinge aussprechen können, die sie sich sonst nicht trauen, über die Lippen zu bringen. Witwen sind zum Beispiel auch mal wütend darüber, dass ihre Männer sie mit allem allein gelassen haben. Und diese Wut können eben nur andere Witwen wirklich verstehen."

Darum gehe es bei Selbsthilfegruppen: "Du bist mit deinem Leid nicht allein auf der Welt. Es gibt Menschen, die das gleiche Problem haben, und wenn ihr darüber redet, wird es vielleicht etwas leichter."

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