Berlin (dpa). Im Rollstuhl, mit senfgelber Jacke und schwarzer Baseballkappe – so wird Berlins ältester Angeklagter gestern in den Gerichtssaal geschoben. Seine Tochter sitzt dicht neben ihm. Klar bestätigt der 98-Jährige seine Personalien. Dann schließt das Berliner Landgericht die Zuschauer bis zum Urteil aus.

Dem Rentner wird versuchter Totschlag vorgeworfen. "Der Angeklagte ist geständig, er stellt sich dem Verfahren", sagt seine Anwältin auf dem Gerichtsflur. Ihr Mandant habe sich umbringen und seine 24 Jahre jüngere Frau mitnehmen wollen. "Weißt du, wir wollen doch beide nicht mehr leben", soll der hochbetagte Mann gesagt haben, bevor er nach 52-jähriger Ehe auf seine Frau schoss.

Die 74 Jahre alte Ehefrau soll am nächsten Prozesstag vernommen werden. Sie hatte in der gemeinsamen Wohnung das Frühstück bereitet, als es plötzlich laut knallte. Die Schreckschusswaffe fügte der Frau ein Knalltrauma zu. "Er dreht durch, er will uns umbringen", alarmierte sie die Tochter am Telefon. Als der Schuss keine Wirkung zeigte, griff der Angeklagte zu einer Baseballkeule und schlug mehrmals zu. Mit einem Messer verletzte er seine Frau schließlich an Hals und Hand. Als er dachte, sie sei tot, wollte sich der Berliner die Pulsader aufschneiden.

Die Tochter hatte die Polizei alarmiert. Mit einer stark blutenden Kopfplatzwunde, Hämatomen und leichten Schnittverletzungen kam die Mutter in eine Klinik. Auch ihr Mann wurde in eine Klinik gebracht und danach im Haftkrankenhaus des Maßregelvollzugs untergebracht.

Die Staatsanwaltschaft geht von einer Selbstgefährdung des 98-Jährigen aus. Er hatte vor zwei Monaten versucht, sich im Haftkrankenhaus mit Tabletten zu vergiften. Der Mann leidet seit Jahren an Asthma und einer Nierenerkrankung.