Forscher haben ein Virus entwickelt, das alle bisherigen Seuchen in den Schatten stellen könnte. Jetzt ringen Politiker und Experten darum, die Information aus Angst vor Terroristen geheimzuhalten.

New York (dpa) l Es war ein "dummes" Experiment, sagt der niederländische Forscher Ron Fouchier. In seinem Labor an der Erasmus Universität in Rotterdam infizierte er Frettchen mehrfach hintereinander mit dem Vogelgrippe-Virus H5N1. Am Ende hatte sein Team einen Erreger erzeugt, der sich in Windeseile unter den Tieren ausbreitete und die meisten von ihnen tötete.

Das Gleiche würde unter Menschen geschehen, sollte das "Supervirus" je in die Öffentlichkeit gelangen, warnte Fouchier in einem Interview mit der "New York Times". Die Nachricht versetzte die Fachwelt in Unruhe, als der Forscher sie im September erstmals auf einer Konferenz in Malta verbreitete. Die Nationalen Gesundheitsforschungsinstitute (NIH) der USA in Bethesda hatten die Studien finanziert, um die Infektionsgefahr des H5N1-Virus besser einschätzen und Vorbeugung treffen zu können.

Noch mehr Aufsehen allerdings erregte jetzt die Ankündigung des Fachjournals "Science", Details zu Fouchiers neuen H5N1-Virus für jedermann zugänglich in einer künftigen Ausgabe vorstellen zu wollen.

Washington reagierte entsetzt. Der Artikel könnte Terroristen als Bauanleitung für den Bau von Biowaffen dienen. Der Nationale Beraterausschuss für Biosicherheit der USA (NSABB) bat die Herausgeber von "Science" zur Zurückhaltung. Wegen der Terrorgefahr sollten nur unverfängliche Daten veröffentlicht werden.

Der Chef des Erasmus-Instituts für Virologie in Rotterdam, Professor Albert Osterhaus, hält es jedoch für unwahrscheinlich, dass die neue Variante des H5N1-Virus in die Hände von Terroristen gelangen könnte. "Die Sicherheitsmaßnahmen, die wir unternommen haben, sind von allen Seiten überprüft worden, die sind so, dass das eigentlich unmöglich ist", sagte Osterhaus gestern im RBB-Inforadio.

Fouchier hat das Manuskript inzwischen überarbeitet. Aber weder der Autor noch die Herausgeber sind mit der Entscheidung glücklich. Seine Entdeckung habe enorme Tragweite, argumentiert der Forscher in dem Interview, und sollte Experten rund um den Globus zugänglich gemacht werden.

Sollte das Supervirus jemals durch natürliche Mutation, einen Unfall im Labor oder Bioterror auftauchen, müssten Mediziner es bekämpfen können. Wenigstens 100 Organisationen könnten bei der Suche nach einem Gegenmittel mithelfen, glaubt Fouchier.

Leicht sei der H5N1-Erreger nicht nachzubauen, beruhigt der Forscher. Außerdem seien "weitaus mehr Krankheitserreger in der Natur, (...) die der Menschheit große Probleme bereiten könnten", sollten sie als Biowaffen benutzt werden.

Das Politmagazin "Foreign Policy" zitierte US-Außenministerin Hillary Clinton, die am 7. Dezember bei einer Konferenz zur Biowaffen-Konvention in Genf sprach. "Eine kleine Anzahl leicht zugänglicher Krankheitserreger, kombiniert mit billiger Technologie und dem Wissen eines Biologie- oder Chemiestudenten reichen aus, um eine wirksame Terrorwaffe zu bauen", warnte Hillary Clinton.

Die Politikerin erinnerte daran, dass Al Quaida vor weniger als einem Jahr alle "Brüder mit einem Diplom in Mikrobiologie oder Chemie zur Entwicklung von Massenvernichtungswaffen" aufgerufen hatte.