Magdeburg l Autos passieren die Unfallstelle. Auf dem Mittelstreifen liegt ein Kind. Das Notfallteam ist gerade eingetroffen. Ein Gerät piept mit jedem Herzschlag des kleinen Patienten.

Doch die Szene ist nur gestellt: Bei dem Kind handelt es sich um eine Puppe, wie sie in Erste-Hilfe-Kursen verwendet wird. Und der Verkehr ist nur die Aufnahme einer Straße im Herrenkrug, die über eine gewölbte Projektionsfläche in den Raum gelegt ist. Ein paar Meter weiter kann von einem Computer aus die virtuelle Umgebung gesteuert werden: Ein anderes Video kann ausgewählt, die Lautstärke verändert und zukünftig sogar Nebel über den gestellten Einsatzort gelegt werden.

Training für den Medizin-Alltag

Eine Spielerei auf dem Gelände der Universitätsmedizin in Magdeburg? Keineswegs. Denn alle Theorie ist grau. Um von der Praxis nicht überrumpelt zu werden, trainieren die Medizinstudenten für den Alltag. Auf mehreren Etagen widmet sich das sogenannte Mamba Skillslab dieser Aufgabe.

Der neue Trainingsraum für die Notfallmedizin – SimArena genannt – ist frisch in Betrieb gegangen. Treibende Kräfte hinter diesem Projekt sind Niklas Leschowski und Hanno Brinkema. Die beiden studieren selbst noch Medizin an der Magdeburger Otto-von-Guericke-Universität. Als studentische Tutoren schulen sie hier Kommilitonen.

Wissen in der Wirklichkeit nutzen

Niklas Leschowski hat die Idee für eine Simulationsarena aus Essen mitgebracht, wo er die ersten Semester Medizin studiert hat. „In einer solchen Umgebung die Handgriffe eines Notarztes zu üben, ist etwas völlig anderes als in einem normalen Unterrichtsraum“, berichtet er. Auch Hanno Brinkema ist überzeugt von der Idee und sagt: „Die Erfahrungen zeigen: Das Wissen mag noch so gut sitzen - wenn man in eine andere Umgebung als den Seminarraum kommt, dann ist es bei vielen nicht ohne weiteres abrufbar. Daher lohnt es sich, für den Ernstfall zu üben.“

Ihre Idee haben die beiden bereits im Oktober 2016 in einer Kommission der Unimedizin vorgestellt. „Anfangs dachten wir, dass wir einfach so mit den vorhandenen Beamern an einer selbst gebauten Wand arbeiten könnten“, erzählt Niklas Leschowski. Doch dies hatte sich recht bald als Irrtum erwiesen. Passende Projektoren zu finden, war kein Problem. Doch um die gewölbte Wand in den Raum einzubauen, musste ein Fachmann ran: Ein Tischler fertigte passgenau die Projektionswand für das Skillslab an.

„Und dann brauchten wir ja noch Aufnahmen aus der Umgebung“, erinnert sich Hanno Brinkema. Ausgestattet mit einer Panorama-Kamera aus dem Medienzentrum der Uni machten sich die beiden auf die Suche nach Motiven in der Stadt. Neben der Straße gibt es inzwischen auch Szenen aus einem Park. Niklas Leschowski sagt: „Wir möchten natürlich das Repertoire unserer Simulation weiter ausbauen.“ Das leuchtet ein: Die Umgebung, in der Notfallmediziner zum Einsatz kommen, ist so vielfältig wie die Welt. An jedem erdenklichen Ort können Menschen in Not geraten.

Weitere Szenen für Simulation gefragt

So würde sich beispielsweise auch der Stress für Arzt und Sanitäter deutlich erhöhen, wenn die Autos nicht einfach die Unfallstelle passieren, sondern wenn – wie es oft der Fall ist – Gaffer die Arbeit behindern. Oder wenn gar pöbelnde Passanten zu einer Gefahr werden. „Wir sind da für Ideen offen, wie man die entsprechenden Szenen gestalten kann“, erläutert Hanno Brinkema.

Das Angebot kommt bei den Kommilitonen offenbar gut an. Die Kurse gehören zwar noch nicht zum Pflichtprogramm – dennoch sind sie innerhalb von Sekundenbruchteilen ausgebucht.

Dass die Vision der Simulation in Magdeburg Wirklichkeit geworden ist, sehen die beiden Medizinstudenten nicht allein als ihr Verdienst. „Ganz wesentlich beigetragen haben dazu auch die Leiterin des Studiendekanates Frau Dr. Kirsten Winkler-Stuck und unsere hochengagierte Skillslab-Koordinatorin Frau Korinna Wendt“, berichten sie.

Viel Lob für Magdeburg

Dass sich der Einsatz lohnt, zeigte nicht zuletzt das zurückliegende Jahrestreffen von Vertretern aus Skillslabs in ganz Deutschland, Österreich und der Schweiz. „Inzwischen kann man sagen, dass Magdeburg über eine der besten entsprechenden Einrichtungen verfügt“, sagt Niklas Leschowski. „Und was die Projektionsfläche fürs Training von Notfallmedizinern angeht, gibt es außer in Magdeburg eine ähnliche Ausstattung allein in Essen und in Münster“, berichtet Hanno Brinkema.

Dabei haben die Magdeburger Studenten durch ihren Einsatz und die eigene Entwicklung und Programmierung der Simulationsarena viel Geld gespart: „Gerade einmal 4000 Euro mussten in der sachsen-anhaltischen Landeshauptstadt bezahlt werden. In den anderen beiden Einrichtung lagen die Anschaffungskosten aufgrund der Beauftragung von Firmen etwa in der zwanzigfachen Höhe“, ergänzt Niklas Leschowski.

Womöglich wäre die entsprechende Ausbildung auch für andere Berufsgruppen aus der Medizin von Interesse. Oder gar für den Durchschnittsbürger, der nicht hilflos vor einem anderen, in Not geratenen Menschen stehen möchte. „Leider haben wir nur die Zulassung, andere Studenten zu schulen“, sagt Niklas Leschowski.

Magdeburger studieren selbst Medizin

Zudem ist für die beiden selbst die Zeit auch begrenzt: Sie studieren im achten Fachsemester, müssen selbst lernen und üben. Niklas Leschowski kann sich vorstellen, später einmal in der Inneren Medizin tätig zu sein, Hanno Brinkema in der Chirurgie. In beiden Fällen würden sie damit Themen verbunden bleiben, die in der Notfallmedizin eine wichtige Rolle spielen.