Christian von Götz inszeniert in Magdeburg "Hoffmanns Erzählungen"

Der Mörder ist jedenfalls nicht der Gärtner

Von Caroline Vongries

Tatort Theater: Der Opernregisseur Christian von Götz hat in Magdeburg Hoffmanns Erzählungen von Jacques Offenbach als Krimi in Szene gesetzt.

Magdeburg l Wie im Fernsehen: Mord gleich in der ersten Szene. Die Operndiva Stella kommt vom Auftritt. Sie erwartet ihren Ex-Geliebten Hoffmann. Dass der Liebesbrief, den sie ihm geschrieben hat, abgefangen wurde, kann sie nicht wissen. Aus dem Dunkel löst sich eine Gestalt und ermordet sie. Weit spritzt hier gleich zu Beginn das Theaterblut, das im Verlauf der Inszenierung des erfolgreichen Opernregisseurs Christian von Götz weiterhin noch großzügig eingesetzt werden wird.

Wer wars? Der Gärtner jedenfalls nicht. Das Publikum muss sich bis ganz zum Schluss gedulden. Der Mörder trägt einen schwarz-weiß-karierten Ganzkörperanzug mit Kapuze. Vorerst werden Projektionen vom Kampf zwischen Täter und Opfer eingeblendet, und zwar auf einer transparenten Leinwand mit der überdimensionalen Todesanzeige Stellas, die sich vor die eigentliche Kulisse des ersten Aktes schiebt. Ebenen, die sich überlagern, ineinander verschieben und verschachtelt sind - gerade der Einsatz von Bühnenbild (Ulrich Schulz) und Beleuchtung setzt bei aller postmoderner Nüchternheit reizvolle Akzente. Durchgängig präsent bleibt auch die Verortung der Handlung: auf der Theater-Hinterbühne.

Aus dem Schriftsteller E.T.A. Hoffmann (Kor-Jan Dusseljee) wird ein Theatermacher, dessen Konkurrent um Stellas Gunst, Lindorf, mutiert (vom Stadtrat) zum Bühnen-Geschäftsführer mit iPhone, die Saufkumpane Hoffmanns sind keine Studenten, sondern Theaterfreunde und Kollegen. Bei von Götz verweist das Theater aufs Theater, es geht um die alte Frage vom Zusammenhang von Kunst und Leben. Dabei rückt die Muse (Lucia Cervoni) in den Mittelpunkt: Sie ist die wahre Femme fatale und lehnt es ab, "ihren" Hoffmann mit einer Frau aus Fleisch und Blut zu teilen. Dafür verkleidet sie sich sogar als Mann.

Vor Stella hat Hoffmann drei weitere Frauen geliebt, die ebenfalls ein gewaltsames Ende gefunden haben und jetzt aus seiner Erinnerung wieder auftauchen: Olympia, Tochter aus gutem Hause, die sich als Automat entpuppt; Antonia, Sängerin, die an einer unheilbaren Krankheit stirbt; und Giulietta, eine Kurtisane, die Männern ihren Schatten (und ihre Seele) stiehlt. Im Hintergrund sind meist zwielichtige Männergestalten die Drahtzieher.

Für das Gelingen der Magdeburger Version von "Hoffmanns Erzählungen", die Komponist Jacques Offenbach im Jahr 1880 vor seinem Tod nicht mehr ganz vollenden konnte, trägt wesentlich die musikalische Umsetzung bei. Allen voran sorgt der international agierende niederländische Tenor Kor-Jan Dusseljee für Gänsehautgefühle. Doch auch die anderen Solisten, ob eingekauft (Kim Schrader) oder aus dem eigenen Ensemble (Lucia Cervoni, Julien Martin du Theil, Undine Dreißig, Noa Danon, Martin-Jan Nijhof, Markus Likse, Wolfgang Klose, Paul Sketris, Verena Hierholzer, Manfred Wulfert, Mario Solimene, Hale Soner) und der verstärkte Theaterchor singen überzeugend. Zu Recht bekommen auch Generalmusikdirektor Kimbo Ishii-Eto und seine Philharmonie recht viel Applaus.

Grundsätzlich ist es das Spielerische an dieser Dreieinhalb-Stunden-Inszenierung, das gefällt, deren zweiter Teil insgesamt kurzweiliger und auch emotionaler gerät. Es ist biografisch sicher nicht falsch, E.T.A. Hoffmanns Alkoholkonsum zu betonen, doch es ist wenig originell. Ebenso wenig, wie den Gegensatz zwischen Kunst und Leben als brutal und hoffnungslos nur zu behaupten. Dass am Schluss das Gesicht der Muse als Mörderin auftaucht, ist überraschend, auch skurril. Der ganz große Wurf ist es nicht. Vielmehr beschleicht einen der Wunsch, E.T.A Hoffmanns kriminalistisch wie psychologisch spannende Geschichten aus dem Bücherregal hervorzukramen. Was ja auch sein Gutes hat!