Tschernobyl (dpa) - Mächtige Rauchschwaden ziehen in den Himmel über das havarierte Atomkraftwerk Tschernobyl. Die Flammen fressen sich immer tiefer in den Wald hinein. Luftaufnahmen, die die ukrainischen Behörden am Freitag veröffentlichen, lassen nichts Gutes erahnen. Der Waldbrand in der Sperrzone ist ein durchaus gefährlicher: Die Einsatzkräfte kämpfen bereits seit gut einer Woche gegen das Feuer in dem radioaktiv belasteten Gebiet. Sie hoffen nun auf Regen.

Die Menschen in Kiew schauen seit Tagen immer aus dem Fenster. Die Hauptstadt der Ukraine liegt nur knapp 100 Kilometer vom Kraftwerk Tschernobyl entfernt. Doch selbst dort riecht es in den Straßen nach Rauch. Ein längst verdrängter atomarer Alptraum drängt sich mit aller Macht in das Bewusstsein der Ukrainer zurück - trotz Corona-Pandemie.

Viele fragen sich, wie gefährlich die Brände in der Sperrzone sind. Der Atomexperte Heinz Smital von der Umweltorganisation Greenpeace sprach von einer "kritischen Situation". Vor fünf Jahren sei bei Bränden in der Sperrzone nachgewiesen worden, dass damals "erhebliche Mengen Radionuklide freigesetzt wurden". Aktuelle Daten lagen ihm noch nicht vor. "Für die Feuerwehr ist das eine gefährliche Sache."

Die Behörden beteuern indes, dass in den benachbarten besiedelten Gebieten keine erhöhte Strahlung gemessen worden sei. Doch wie sieht es in der Nähe der Brände aus? Dazu schrieb der geschäftsführende Leiter der Umweltbehörde, Jegor Firssow, bei Facebook: "Es gibt schlechte Neuigkeiten – im Zentrum des Feuers ist die Radioaktivität über der Norm." Umweltschützer warnen, denn aufgewirbelte radioaktive Teilchen könnten vom Wind kilometerweit getragen werden.

In Kiew versuchten die Behörden, den morgendlichen Smog zunächst mit dem Wetter zu erklären. Ältere Einwohner fühlten sich aber an den April 1986 zurückerinnert, als Block vier des sowjetischen Atomkraftwerks Tschernobyl explodierte. Tagelang hielten die Behörden damals das wahre Ausmaß der Katastrophe geheim. Noch am 1. Mai wurde die jährliche Mai-Demonstration abgehalten, um Normalität vorzuspielen. Wenig später wurde Kiew teilweise geräumt.

Wie groß das Ausmaß der Brände wirklich ist, könnten Satellitenbilder belegen, die Greenpeace ausgewertet hat. Demnach könnten statt einiger Dutzend Hektar allein in der Sperrzone bis zu 20 000 Hektar und damit knapp sieben Prozent des gesamten Gebiets brennen. Den Behörden zufolge brennt es in 18 Waldabschnitten. Eine konkrete Zahl zur Brandfläche gaben sie aber zuletzt nicht mehr an. Der Beton-Sarkophag der Atomruine war am Freitag bereits in Rauch gehüllt.

Die Feuerwehr bekommt die Flammen nicht unter Kontrolle. Dem Zivilschutz zufolge sind mittlerweile 380 Einsatzkräfte vor Ort. Wegen des viel zu milden Winters in der Ex-Sowjetrepublik ist es in weiten Teilen des Landes viel zu trocken. Traditionell nutzen die Menschen das Frühjahr, um trockenes Laub und Gras zu verbrennen. Feuer können sich dieses Jahr besonders schnell ausbreiten.

Wladimir Demtschuk vom Zivilschutzdienst bezeichnete den Löscheinsatz als schwierig: "Ich möchte betonen, dass zu den Besonderheiten der Löscharbeiten in der Sperrzone gehört, dass die Technik nicht zu einzelnen Brandherden fahren kann." Es gebe erhöhte radioaktive Strahlung an einzelnen Abschnitten.

Die Verwaltung der Sperrzone appellierte an die Polizei, wegen Brandstiftung zu ermitteln. Ein 27-Jähriger ist bereits ins Visier der Ermittler geraten. Der vorbestrafte Mann aus einer angrenzenden Ortschaft gestand, ein Feuer gelegt zu haben. Er habe aus Langeweile Laub und trockenes Gras angezündet, wie die Polizei mitteilte.

In der Ukraine wird die Feuerwehr nicht nur im Tschernobyl-Gebiet gebraucht. Landesweit gibt es Hunderte offene Brände auf einer Fläche von 20 000 Hektar. Erst für den kommenden Dienstag prognostizieren Meteorologen ergiebigere Regenfälle. Ob die nur eine Atempause oder das Ende der Brände bringen werden, lässt sich noch nicht absehen.