Oscar Pistorius soll Freundin erschossen haben / Vorzeige-Athlet heute vor Gericht

Paralympics-Star unter Mordverdacht

Von Laszlo Trankovits

Schwerer Verdacht gegen Paralympics-Goldmedaillen-Gewinner Pistorius. Der als "Blade-Runner" berühmt gewordene Südafrikaner soll seine Freundin erschossen haben. Zuvor hatte es in seinem Haus mehrfach Vorfälle häuslicher Gewalt gegeben.

Johannesburg (dpa) l Südafrika ist schockiert: Ein Idol des Landes, der Olympia-Star Oscar Pistorius, steht unter Mordverdacht. Das US-Magazin "Time" zählt den Athleten zu einem der 100 einflussreichsten Menschen in der Welt. Im Zentrum einer tödlichen Tragödie steht ein Mann, der für ganz Südafrika als ein Muster an Disziplin, Fleiß und Ehrgeiz galt.

Pistorius war immer ein großer Kämpfer, sei es als Sportler, sei es im Streit gegen den Leichtathletikweltverband, der ihm zunächst einen Start gegen nichtbehinderte Sportler verweigern wollte. Nun steht er vor dem größten Kampf seines Lebens. Südafrika muss sich vermutlich auf einen spektakulären Prozess vorbereiten. Denn die Polizei scheint sich sicher, dass er seine Freundin Reeva Steenkamp erschossen hat.

Auch wenn sich die Behörden noch sehr bedeckt hielten, scheint es kaum einen Zweifel am Tathergang zu geben: Das 30-jährige Starmodell wurde gestern in den frühen Morgenstunden in Pistorius\' Haus in Pretoria von mehreren Schüssen tödlich getroffen. Nachbarn berichteten, sie hätten zuvor eine lautstarke Auseinandersetzung im Haus mitbekommen.

Für die Polizei steht Pistorius, der im Sommer 2012 als erster beidseitig amputierter Sportler auf Hightech-Karbon-Prothesen bei Olympischen Spielen startete, unter dringendem Mordverdacht. "Völlig überrascht" seien die Beamten gewesen, so die Polizeisprecherin Denise Beukes, als erste Medienberichte in Südafrika von "versehentlichen Schüssen gegen einen vermeintlichen Einbrecher" sprachen. Es habe keine Hinweise auf ein gewaltsames Eindringen in das Gebäude gegeben.

Pistorius war der einzige, den die Beamten am Tatort neben dem Opfer fanden. Die mutmaßliche Tatwaffe, eine Pistole vom Kaliber neun Millimeter, wurde sichergestellt.

Der 26 Jahre alte Profisportler lebte wie viele wohlhabende Südafrikaner hinter hohen Mauern und unter strengen Sicherheitsvorkehrungen. Geschützte Luxus-Siedlungen sind eine Reaktion auf die hohe Kriminalität in Südafrika. Die Mordrate ist etwa 20- bis 30-fach so hoch wie in Deutschland. Kriminelle gelten in Südafrika als besonders gewaltbereit. Oft werden bei Einbrüchen nicht nur Wertgegenstände gestohlen, sondern auch die Einwohner schwer misshandelt oder gar getötet. Dabei spielen Schusswaffen eine untergeordnete Rolle - die Verbrecher bevorzugen Messer, Stichwaffen und Macheten. Eine öffentliche Diskussion über Waffenbesitz wie in den USA gibt es aber in dieser Form nicht.

Das Opfer des mutmaßlichen Mordes im Haus von Pistorius war in Südafrika ein durch Fernsehshows und Werbespots bekanntes Gesicht. Die 30-Jährige hatte noch am Tag vor ihrem Tod getwittert, wie sehr sie sich auf den Valentinstag freue: "Es sollte für jeden ein Tag der Liebe sein."

Pistorius wird heute einem Haftrichter in Pretoria vorgeführt. Dieser muss entscheiden, ob gegen den gestern festgenommenen Sportler formell Mordanklage erhoben wird und er möglicherweise gegen eine Kaution zunächst freigelassen wird.

Nach den ersten Berichten über den Mordvorwurf reagierten seine Fans fassungslos. Die Fernsehsender Südafrikas berichteten gestern fast ununterbrochen über den spektakulären Fall.