Moskau (dpa) - Drei Schwestern, ein toter Vater - in Moskau kennt fast jeder die Geschichte von Maria, Angelina und Krestina Chatschaturjan. Die drei jungen Frauen sind seit rund zwei Jahren im Fokus der russischen Justiz.

Mit Dutzenden Messerstichen in die Brust sollen sie ihren Vater Michail im Sommer 2018 im Schlaf getötet haben. Auch einen Hammer hatten sie dabei. Das bestreitet keine von ihnen. Sie selbst riefen damals die Polizei und gestanden die Tat. Doch der Fall ist damit nicht gelöst. Bald wird auch der Prozess gegen die beiden älteren Schwestern beginnen - nach zwei Jahren Ermittlung und juristischem Hin und Her. Am Montag (31. August) soll zunächst ein Geschworenengericht bestimmt werden.

Die drei jungen Frauen, damals noch im Teenageralter, seien nämlich alles andere als blutrünstige Mörderinnen, sagen ihre Anwälte. Sie seien selbst Opfer eines jahrelangen Martyriums gewesen. Der Angriff auf den Vater soll sie daraus befreit haben. Doch die Ermittler wollen die Schwestern trotzdem wegen Mordes hinter Gittern bringen. Den beiden Älteren drohen bis zu 20 Jahre Haft. Nur die jüngste von ihnen, Maria, war zum Tatzeitpunkt noch minderjährig. Deshalb wird ihr Fall separat behandelt.

"Für die drei gibt es in ihrem Leben keine Bewegung nach vorn", sagt Anna Riwina, die in Moskau eine Anlaufstelle für Opfer häuslicher Gewalt leitet. "Die Schwestern sind einfach unglaublich müde. Sie können das Kapitel ihres Martyriums nicht abschließen und an ihrer Gesundheit arbeiten." Riwina hat engen Kontakt zu den Anwälten, mit den Frauen kann sich sie allerdings nicht treffen. Sie sind zwar nicht im Gefängnis, müssen sich aber an strenge Auflagen halten. Nicht einmal miteinander dürfen die Schwestern kommunizieren. Sie leben getrennt.

Jahrelang hatte der Vater seine Töchter misshandelt und in einer Plattenbauwohnung im Moskauer Norden eingesperrt. Oft soll er sie geschlagen, manchmal auch mit einem Messer malträtiert haben. Die jungen Frauen machten Bilder von ihren Gesichtern, auf denen große blaue Flecke zu sehen waren. In der Schule und im Freundeskreis wusste angeblich jeder Bescheid. "Aber niemand hat etwas dagegen unternommen, weil sie Angst vor dem Vater hatten", sagt Expertin Riwina. "Die Schwestern wussten, dass keiner sie beschützen wird."

Auch andere Familienmitglieder sollen unter der Gewalt gelitten haben. Dennoch werfen Angehörige den Schwestern vor, die Missbrauchsvorwürfe gegen ihren Vater nur erfunden zu haben. Sie hätten den Mord heimtückisch geplant, um den strengen Vater loszuwerden, hieß es.

Als ihm die Wohnung nicht sauber genug war, soll er einer Tochter Pfefferspray ins Gesicht gesprüht haben. Das war der Abend, an dem die Schwestern später schließlich zustachen. Der Vater schlief gerade im Fernsehsessel. Ob es Mord oder Notwehr war, darüber diskutieren viele im Land.

Seitdem sind die Frauen auch in den russischen Staatsmedien präsent. Es gab auch immer wieder Solidaritätsaktionen, nicht nur in Moskau, auch in den Regionen. Das sei durchaus ungewöhnlich und noch vor ein paar Jahren undenkbar gewesen, sagt die Juristin Riwina der Deutschen Presse-Agentur. "Häusliche Gewalt hat in den russischen Medien einfach nicht existiert. Es gibt diese Illusion, dass das Familiensache ist und kein Problem des Systems."

In Russland wird nämlich nur selten öffentlich über häusliche Gewalt in der Öffentlichkeit gesprochen. 40 Prozent aller Verbrechen werden dem russischen Innenministerium zufolge zu Hause verübt, die überdeutliche Mehrheit davon gegen Frauen. International für Entsetzen sorgte 2017 ein neues russisches Gesetz, das Schläge in der Partnerschaft entkriminalisiert. Die ersten Attacken werden demnach nur wie eine Ordnungswidrigkeit geahndet - mit Geldstrafen etwa. Erst Wiederholungstäter müssen sich nach dem Strafrecht verantworten. Statistiken einer Nichtregierungsorganisation zufolge werden rund 90 Prozent der Fälle überhaupt nicht bekannt.

In Russland sind die drei Frauen deshalb zum Symbol eben dieses Systems geworden, das häusliche Gewalt verharmlost. Dennoch ist trotz nationaler wie internationaler Aufmerksamkeit absolut nicht absehbar, wie der Fall ausgehen wird. "Ich erwarte mir nicht zu viel", sagt die Juristin Riwina. "Aber ich will nicht glauben, dass sie die Frauen ins Gefängnis stecken und wir in so einer schrecklichen Welt leben."

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