Aachen (dpa) - Kein Name findet sich dort, wo die großen Siege des CHIO eingraviert sind, so oft wie der von Isabell Werth. Auf den Ehrentafeln am Richterturm in Aachen ist die Dressurreiterin zwölf Mal verzeichnet.

Bisher - denn ein Ende ist ja nicht in Sicht. Am 21. Juli, wenn Werth ihren 50. Geburtstag bei berühmtesten Reitturnier der Welt feiert, kommt wahrscheinlich ein weiterer Eintrag hinzu.

Isabell Werth ist ein Phänomen. Eines, das sich mit Zahlen nur unzureichend erklären lässt. Aber die Statistiken sind so eindrucksvoll, dass sie immer wieder verblüffen. Ihr erster Sieg im Großen Dressur-Preis des CHIO ist 1992 vermerkt, elf weitere folgten, der bisher letzte 2018. Dabei saß sie auf fünf verschiedenen Pferden. Und genau da liegt das Geheimnis ihres Erfolges.

Die erfolgreichste Reiterin der Welt bildet die Pferde selber aus. "Das ist meine Leidenschaft, Tag für Tag", sagte die noch 49-Jährige. Daheim in Rheinberg trainiert sie die jungen Tiere und führt sie in bemerkenswerter Häufigkeit in die Weltspitze.

Wer ihre Erfolge auflisten will, muss aufpassen, sich nicht zu verzählen; so wie der Weltverband FEI auf seiner Internetseite, auf der einer ihrer neun WM-Titel unterschlagen wird. Sechs goldene und vier silberne Medaillen bei Olympischen Spielen gehören ebenso zu Werths Erfolgs-Statistik. Das ist unerreicht - und wird es auf sehr, sehr lange Zeit bleiben.

Die erste von 17 goldenen EM-Medaillen gewann Werth vor 30 Jahren im luxemburgischen Mondorf-les-Bains mit Weingart. Zwei Jahre später begann die goldenen Ära mit Gigolo. "Und ich bin immer noch wettbewerbsfähig", sagte Werth mit einem kecken Grinsen.

Ihr Lachen wirkt ansteckend. Werth ist eher der Typ der rheinischen Frohnatur. Ohne Emotionen geht es bei ihr nicht. Die Freudentränen laufen ihr häufiger die Wangen herunter. Aber auch Tränen nach bitteren Niederlagen gehören zu ihrer Karriere.

Etwa 2008, als sie mit Satchmo bei den Olympischen Spielen auf dem Weg zum scheinbar sicheren Einzel-Gold ritt - ehe der wilde Wallach im Grand Prix Special in die Luft stieg, zur Seite sprang und mehrere Sekunden die Zusammenarbeit verweigerte.

"Scheiße, einfach nur scheiße", habe sie damals gedacht. "Er hat mich gelehrt, mit den schwierigsten Situationen im Leben umzugehen", sagte sie später. Die gab es auch. Zum Beispiel die sechsmonatige Sperre, weil bei ihrem Pferd Whisper eine verbotene Substanz nachgewiesen wurde.

Inzwischen kann Werth auch lachen, wenn etwas schief geht. Wie vor einigen Wochen bei den deutschen Meisterschaften, als ausgerechnet die routinierteste Reiterin eine falsche Lektion ritt. Nachdem sie den ersten Schrecken über den peinlichen Patzer verarbeitet hatte, sagte Werth grinsend: "Ich hoffe, dass ich bis Aachen meine Gehirnzellen wieder rekultiviert habe." Einer dieser typischen Werth-Sprüche.

Was die Seriensiegerin sonst noch ausmacht? "Sie kämpft sich immer wieder heran", sagt Monica Theodorescu voller Bewunderung. Die Bundestrainerin, die früher schon mit Werth im deutschen Team ritt, schwärmte: "Ich bewundere das immer wieder, ihre Motivation zur Höchstleistung. Das ist ihr Charakter."

Am Sonntag feiert Werth ihren 50. Geburtstag beim größten Turnier der Welt. Gibt es einen passenderen Ort? Es dürfte nicht ihr letzter großer CHIO-Auftritt sein. Denn ans Aufhören denkt sie noch lange nicht. "Ich bin nur alt auf dem Papier", sagte Werth und kündigte an, sie wolle "bis 82 reiten". Die nachgeschobene Einschränkung dürfte die jüngere Konkurrenz ein wenig beruhigen: "Zuhause, hoffentlich."

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