Kalbe l Die Kalbenser Altstadt in ihrer schützenswerten Struktur als mittelalterliches Ackerbürgerstädtchen zu erhalten, das war Tenor der Veranstaltung, in die die Architektin Beate Meusel und Kunsthistorikerin und Denkmalpflegerin Josephine Dreßler einluden. Sie stellten den Kalbensern das Arbeitsergebnis zur Differenzierung des Denkmalbereichs vor, ein Pilotprojekt des Landes Sachsen-Anhalt.

Zuvor waren sie wochenlang in der Stadt unterwegs, nahmen zahlreiche Gebäude im Altstadtbereich in Augenschein, sichteten historische Fotos und Kartenmaterial. Und nicht zuletzt sprachen sie mit den Besitzern und Bewohnern der Gebäude. Heraus kam ein differenzierteres Bild von der Altstadt, die bei einer Bestandsaufnahme Anfang der 1990er-Jahre als Denkmalbereich erklärt wurde, wie Landeskonservatorin Dr. Ulrike Wendland vom Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie den Gästen erläuterte. Ziel dieses Pilotprojektes das Landes ist es, den Denkmalbereich in unterschiedliche Wertigkeit der Gebäude zu untergliedern, und die Altstadt so zu gestalten, dass sich die Gebäude dort in ein Gesamtbild integrieren.

Ackerbürgerhaus trifft auf Gründerzeit

Meusel und Dreßler schauten quasi drauf, welche Gebäude tatsächlich als Denkmal benannt werden können. Von rund 200 Hauptgebäuden im Denkmalbereich konnten sie um die 20 als Einzeldenkmäler ausweisen. Denkmale machen demnach zehn Prozent der Bebauung der Altstadt aus. Neben Burg und Kirche stuften sie auch Wohnhäuser als solche ein, beispielsweise einzelne Fachwerkgebäude in der Gardelegener Straße. Als denkmalkonstituierende Bauten, also Gebäude mir erhaltenswerten Elementen, wurden von ihnen insgesamt rund 80 eingestuft. Zu ihnen zählen beispielsweise Gebäude aus dem 19. Jahrhundert. So sind neben den mittelalterlichen Ackerbürgerhäusern auch Gebäude aus der Gründerzeit für Kalbe prägend. Diese sind vornehmlich außerhalb der Altstadt anzutreffen, wobei sie sich im Bereich der Ernst-Thälmann-Straße mit mittelalterlichen Elementen verquicken, so Meusel. Diese Tatsache resultiere daraus, so Meusel, dass sich Kalbe Ende des 19. Jahrhunderts zu einer Bahnstadt entwickelte. Außerhalb der Altstadt entstand der Bahnhof, weitere Gebäude wurden in seiner Nähe errichtet. Diesen Übergang von der Altstadt zu den Gebäuden des Historismus bezeichnete Meusel ebenfalls als schützenswert. Die Differenzierung des Denkmalbereichs wird fortgesetzt mit rund 40 strukturpägenden Bauten, also Bauten, deren Erhalt nicht zwingend notwendig ist. Und circa 60 Gebäude sind ohne Denkmalwert.

Als eine Besonderheit, ja sogar ein Alleinstellungsmerkmal, fielen Meusel und Dreßler auf, dass die Fachwerkscheunen im Altstadtbereich in der Mehrheit aus Eichenholz gefertigt sind. Ein Baumaterial das einen hohen materiellen Wert darstellt und von vielen Holzschädlingen verschont werde.

Fördermittel abrufen

In ihrem Bericht wiesen Meusel und Dreßler auch auf Baulücken im Altstadtbereich hin. Sie empfahlen, diese zu schließen beziehungsweise mit Grün- oder Schattenflächen zu nutzen. Bei ihren Recherchen und Rundgängen fiel den beiden Frauen auf, dass die Bewohner der Altstadt sehr stolz auf ihre historischen Gebäude sind. „Hier trifft der Geschichtsfaktor auf den Wohlfühlfaktor“, so Meusel. Ohne Sorge betrachten die Besitzer der Denkmale die Differenzierung aber nicht. So äußerten am Mittwoch auch einige von ihnen, dass sie befürchten, Auflagen der Denkmalschutzbehörde finanziell nicht stemmen können. Wendland regte an, das individuelle Gespräch mit den Mitarbeitern der zuständigen Denkmalschutzbehörde zu suchen.

Die Empfehlungen werde der Stadtrat aufgreifen und über die Umsetzung debattieren, so Bürgermeister Karsten Ruth. Es solle gesichert werden, dass die schützenswerte Altstadt nicht verloren gehe. Dazu werde die Stadt auch versuchen, Fördermittel zu erhalten, blickte Ruth voraus.