Istanbul/Moskau/New York (dpa) - Angesichts der Intensivierung der Kämpfe im nordwestsyrischen Rebellengebiet Idlib soll am Samstag eine russische Delegation in die Türkei reisen. Das kündigte der türkische Außenminister Mevlüt Cavusoglu an.

Zur Zusammensetzung der Gruppe gab es zunächst weder aus Ankara noch aus Moskau weitere Informationen. Wenn es nötig werde, könnten sich danach auch Kremlchef Wladimir Putin und Präsident Recep Tayyip Erdogan treffen - darauf hätten sich die beiden schon geeinigt, fügte Cavusoglu hinzu.

Russland ist Schutzmacht der syrischen Regierung, die in Idlib auf dem Vormarsch gegen die islamistischen Rebellen ist. Das Gebiet grenzt an die Türkei, die dort auch Militärposten unterhält. Syrische und russische Angriffe haben jüngst Hunderttausende Menschen in die Flucht getrieben - auch in Richtung türkische Grenze. Das hatte bei der Türkei, die bereits Millionen syrische Flüchtlinge beherbergt, Besorgnis ausgelöst. Sie fordert vehement die Einhaltung einer zuvor vereinbarten Waffenruhe und dass Russland die syrische Regierung stoppt.

Idlib ist nach fast neun Jahren Bürgerkrieg in Syrien das letzte große Rebellengebiet. Die Türkei unterstützt in dem Konflikt Rebellen. Sie hatte sich mit Russland auf eine Deeskalationszone für Idlib geeinigt und zwölf eigene Beobachtungsposten errichtet. In der Region leben geschätzt rund drei Millionen Menschen. Kontrolliert wird das Gebiet von der Miliz Haiat Tahrir al-Scham (HTS), die dem Terrornetzwerk Al-Kaida nahe steht.

Die Vereinten Nationen haben derweil ihre Rufe nach einem neuen Anlauf für eine Waffenruhe bekräftigt. Bei einer Sitzung des UN-Sicherheitsrates zeichneten der UN-Vermittler für Syrien, Geir Pedersen, und UN-Nothilfekoordinator Mark Lowcock ein düsteres Bild. In den vergangenen zwei Monaten seien knapp 600.000 Menschen in der Region auf der Flucht gewesen, die meisten Kinder. Die nicht von syrischen Truppen beherrschten Gebiete seien zunehmend überfüllt.

Allein am Donnerstag waren bei russischen Luftangriffen auf die Stadt Idlib nach Angaben von Menschenrechtsbeobachtern mindestens zehn Zivilisten getötet worden. Zuvor seien sieben Zivilisten durch syrische Artillerie bei Aleppo umgekommen, hieß es. Die syrischen Truppen rückten weiter in das Rebellengebiet vor, unter anderem in die Stadt Sarakib südöstlich der Stadt Idlib. Das dürfte den Konflikt mit der Türkei verschärfen.

Erdogan hatte Damaskus Mitte der Woche scharf gedroht. Am Montag waren in Idlib unter syrischem Beschuss nach offiziellen Angaben sieben türkische Soldaten und ein ziviler Mitarbeiter des Militärs getötet worden. Die Türkei hatte daraufhin bei einem Vergeltungsangriff mehrere syrische Soldaten getötet.

Erdogan sagte, dass jeder Angriff in Zukunft "ohne eine Warnung auf die gleiche Weise beantwortet" werde. Er stellte zudem Damaskus ein Ultimatum: Sollte sich das syrische Militär nicht noch im Februar von den türkischen Beobachtungsposten in der Region zurückziehen, werde die Türkei gezwungen sein, die Sache "selbst in die Hand zu nehmen".

Der russische Außenminister Sergej Lawrow verteidigte das Vorgehen der syrischen Streitkräfte in der Region. "Alles, was getan wird, um die Terroristen zurückzudrängen, ist im rechtlichen Rahmen, weil sich keine der Vereinbarungen zur Waffenruhe und zum Ende der Kampfhandlungen auf die Terroristen beziehen", sagte Lawrow der Agentur Interfax zufolge bei einem Besuch in Mexiko. Die Türkei wiederum solle ihre Verpflichtungen im Kampf gegen die Terroristen erfüllen und in Idlib eine entmilitarisierte Zone schaffen.

Aktivisten berichteten am Freitag, dass türkische Truppen im Zuge der jüngsten Eskalation militärischen Nachschub in die Region gebracht und östlich der Stadt Idlib einen neuen Militärposten errichtet hätten. Am Donnerstag sei eine Kolonne von fast 50 Fahrzeugen aus der Türkei über die syrische Grenze gefahren, meldete die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte. Darunter seien Panzer und gepanzerte Fahrzeuge gewesen.