Magdeburg l „Mein Kind ist anders“, sagt Heike Markovski und beschreibt damit, was viele Eltern von Kindern mit Aufmerksamkeitsdefizitstörung bereits in der frühen Kindheit bemerken. Die Vorsitzende des ADS-Netzwerkes im Harz ist selbst betroffene Mutter und beschäftigt sich seit 20 Jahren mit einer Störung, die inzwischen vier Prozent aller Kinder in Sachsen-Anhalt betrifft. Sie nennt sich Aufmerksamkeitsdefizitstörung, kurz ADS. Kommt noch Hyperaktivität dazu, lautet die Abkürzung ADHS. Sind beide Störungsbilder gemeint, dann AD(H)S.

Typische Merkmale sind starke Stimmungsschwankungen, weinerliches und impulsives Verhalten sowie Konzentrationsschwäche. Manche fallen bereits im Säuglingsalter als sogenannte „Schrei-Kinder“ auf, die nicht zur Ruhe kommen. Später äußert es sich oft in Wutanfällen. „Die Kinder tun dies nicht aus Böswilligkeit, sondern weil sie noch nicht in der Lage sind, in der Situation adäquat zu reagieren, erklärt Markovski, zu deren Netzwerk Fachärzte, Psychologen, Ergotherapeuten und Pädagogen gehören.

Reize werden nicht verarbeitet

Inzwischen ist wissenschaftlich belegt, dass es sich dabei nicht um eine Ausrede von Eltern handelt, die mit ihren Kindern nicht klarkommen, sondern um eine nachweisbare psychische Störung.In der Psychologie wurde AD(H)S in den 1990er Jahren offiziell als Krankheit in die internationalen Diagnoseklassifikationssysteme aufgenommen. Neurologen haben herausgefunden, dass bei AD(H)S der Botenstoff Dopamin, der im Gehirn für die Übermittlung von Informationen von Nervenzelle zu Nervenzelle zuständig ist, nicht von einer Zelle in die nächste gelangt. Dadurch ist die Kommunikation zwischen den Gehirnzellen gehemmt, so dass Informationen und Reize nicht richtig verarbeitet werden können. Dies äußert sich unter anderem in mangelnder Konzentrationsfähigkeit.

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Genetiker gehen davon aus, dass die Anlage dafür, AD(H)S zu bekommen, angeboren ist. Allerdings heißt das nicht, dass AD(H)S zwangsläufig weitervererbt wird. Laut Jacqueline Esslinger von der Universität Freiburg haben aber Kinder aus Familien, in denen bereits die Störung auftrat, ein erhöhtes Risiko, die Symptome zu zeigen.

Für Soziologen wie Dominik Robin vom Zentrum für Gesundheitswissenschaften der Zürcher Hochschule für Angewandete Wissenschaften greift die rein medizinisch betrachtete Diagnose zu kurz. AD(H)S habe auch etwas mit unserer Leistungsgesellschaft zu tun, in der jedes Kind funktionieren müsse. In Ländern wie Italien und Frankreich gebe es wesentlich weniger Diagnosen als in Deutschland und der Schweiz.

Die Diagnose: Stellen Eltern dauerhaft ein auffälliges Verhalten bei ihrem Kind fest, sollten sie zuerst den Kinderarzt zu Rate ziehen. Ab einem Alter von sechs Jahren kann es fachlich diagnostiziert werden. Voraussetzung dafür ist, dass Verhaltensauffälligkeiten wie Konzentrationsstörungen, Impulsivität und Hyperaktivität sich bereits im Vorschulalter und über mindestens sechs Monate hinweg geäußert haben, nicht nur in der Kita oder Schule, sondern auch zu Hause. Für die Diagnose gibt es Leitlinien (DSM-5 und ICD 10), die jedoch viel Interpretationsspielraum lassen. Deshalb empfiehlt Heike Markovski, die Einschätzung mehrerer Fachleute einzuholen. Diese sollten auf Kinder und Jugendliche sowie AD(H)S spezialisert sein, das ist etwa an den Kinder- und Jugendpsychiatrien vieler Krankenhäuser oder sozialpädiatrischen Zentren der Fall. Auch die Zahlen des Arztreports der Barmer GEK für Sachsen-Anhalt weisen darauf hin, dass AD(H)S unterschiedlich bewertet wird. Starke Unterschiede zwischen den Landkreisen seien vermutlich so erklärbar, so die Barmer.

Die Eltern: Der Leidensdruck bei den Eltern ist groß, viele ziehen sich jedoch zurück und warten lange, bis sie sich Hilfe von außen holen, berichtet Markovski. Weil sie das Gefühl haben, ihr Kind nicht im Griff zu haben, leide auch die Qualität der Beziehung zwischen Eltern und Kind. „Eltern müssen erst lernen, mit der Störung umzugehen“, erklärt die Vorsitzende des ADS-Netzwerkes. Zwei Mal pro Jahr bietet ihre Initiative daher Informationsabende für Eltern an und ist laufend Ansprechpartner für Fragen.

Die Schule: Kinder, bei denen AD(H)S diagnostiziert wurde, haben in der Schule einen Anspruch auf Nachteilsausgleich, unabhängig davon, ob sie regulierende Medikamente nehmen oder nicht. Dabei werden die Lernbedingungen in der Schule für das Kind bestmöglich angepasst, so dass es sich besser konzentrieren kann und Lernerfolge möglich werden. Das kann zum Beispiel den Sitzplatz im Klassenzimmer betreffen, der so gewählt wird, dass das Kind weniger durch äußere Reize abgelenkt wird.

Verschiedene Methoden der Behandlung

Weitere Möglichkeiten sind größere Zeilenabstände bei Texten, weniger Aufgaben bei Tests und vieles mehr. Es sind oft kleine Veränderungen, die den AD(H)S-Schülern helfen können, besser den Unterricht zu meistern. „Wenn die Lehrerin dem Kind die Hand auf die Schulter legt, wenn es gerade abschweift, ist das eine Möglichkeit, die Konzentration des Kindes wieder auf den Aufgabengegenstand auszurichten“, erklärt Annett Saalbach, Schulpsychologin am Landesschulamt Sachsen-Anhalt.

Die Therapie: Methylphenidat, bekannt unter dem Handelsnamen Ritalin, wurde bei Aufmerksamkeitsdefizitstörungen häufig verordnet, doch der bis 2011 anhaltende Trend ist laut der Barmer GEK rückläufig. Aufgrund von starken Nebenwirkungen wie Schlafstörungen oder Appetitlosigkeit wird zuerst versucht, mit anderen Mitteln den Kindern zu helfen. Vielen hilft schon ein regelmäßigerer Tagesablauf, weniger Medienkonsum sowie Sportarten wie Joggen, Schwimmen, Yoga, Aerobic und Tai-Chi. Auch der Verzicht auf Zucker und Lebensmittel mit Zusatzstoffen hat bei manchen nachweisbar positive Effekte.

Eine weitere Behandlungsmethode ist das sogenannte Neurofeedback. In der Kinder- und Jugendpsychiatrie der Uniklinik Magdeburg wird es bei manchen Patienten ambulant angewandt. Sie trainieren dann am Computer spielerisch sich zu konzentrieren, zum Beispiel indem sie mit ihren Gedanken eine Figur auf dem Bildschirm bewegen. „Allerdings ist die Sache ziemlich aufwendig, da die Kinder häufig, möglichst mehrfach pro Woche, trainieren müssen, also auch motiviert sein müssen“, berichtet Professor Hans-Henning Flechtner, Leiter der Kinder- und Jugendpsychiatrie. Der Erfolg sei daher sehr individuell. Flechtner bezieht die Kinder dabei in die Entscheidung über eine medikamentöse Behandlung mit ein, auch wenn die Eltern letztlich das Recht haben, darüber zu bestimmen. Aus der Praxis kann der Leiter der Kinder- und Jugendpsychiatrie bestätigen, dass Kinder lernen können, so damit umzugehen, dass die Einnahme von Ritalin nicht lebenslang nötig sei.

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