Magdeburg l Viele Eltern kennen das: Im letzten Monat hat die kaum getragene Jeans noch gut gepasst. Jetzt aber herrscht „Hochwasseralarm“. Der Nachwuchs ist schon wieder über sich hinausgewachsen und will die „alten Klamotten“ nicht mehr anziehen. Der ständige Kleiderwechsel kann die Haushaltskasse, insbesondere von Alleinerziehenden, deutlich belasten.

Keineswegs beruhigender ist die Situation von Eltern, wenn das Wachstum ihres Kindes vorzeitig stoppt. „Das verwächst sich noch“, versuchen Freunde und Bekannte dann oftmals zu beruhigen: „Unser Kind war auch ein Spätzünder.“ Doch was ist von diesen gutgemeinten Ratschlägen wirklich zu halten?

Gewissheit bringen Untersuchungen bei Kinderärzten. Meistens können sie entwarnen. Nur bei etwa fünf Prozent liegt eine gesundheitlich relevante Wachstumsstörung vor.

Bilder

Schubweises Wachstum

„Das Körperwachstum in der Kindheit und frühen Jugend erfolgt nicht gleichmäßig, sondern in Schüben“, so der Kinderarzt und pädiatrische Endokrinologe Professor Dr. Klaus Mohnike von der Magdeburger Universitätskinderklinik.

Allein im ersten Jahr nach der Geburt nimmt die Körpergröße um etwa 50 Prozent zu und das Körpergewicht verdreifacht sich. Danach verlangsamt sich das Wachstum bis zur Pubertät, die noch einmal mit einem Wachstumsschub einhergeht. Mädchen erreichen ihre endgültige Größe im Alter von 13 bis 15 Jahren, Jungen mit etwa 14 bis 17 Jahren.

Wie groß ein Kind am Ende der Wachstumsphase sein wird, können aber auch erfahrene Kinderärzte wie Professor Mohnike nicht mit hundertprozentiger Sicherheit sagen. Die in der Öffentlichkeit verbreitete Formel, Körpergröße der Mutter plus die des Vaters und das Ganze durch Zwei geteilt greift viel zu kurz. Das menschliche Wachstum ist vielmehr abhängig von zahlreichen Erbfaktoren und Hormonen sowie Umwelteinflüssen wie beispielsweise Ernährung, Sport und chronischen Erkrankungen.

Ob ein Kind sich normal entwickelt oder ob es zu klein, zu groß, zu dünn oder zu dick ist, ermitteln Kinderärzte im Rahmen der Vorsorge-Untersuchungen. Sie bewerten die Messungen anhand sogenannter Wachstumskurven. Das sind auf statistischen Bevölkerungsdaten basierende Tabellen, die Ärzte des Jenaer Universitätsklinikums regelmäßig für die Bundesrepublik Deutschland aktualisieren.

Kleinwuchs durch Stoffwechselstörung

Fällt ein Kind durch eine Wachstumsstörung auf, wird nach deren Ursache gesucht. Die Palette der möglichen Auslöser reicht von Hormonstörungen und Störungen der Erbanlagen (zum Beispiel Down- bzw. Ullrich-Turner-Syndrom) sowie Organ- und Stoffwechselerkrankungen (z.B. Herz-, Lungen- oder Nierenfunktionsfehler bzw. Diabetes mellitus) bis hin zu Mangelernährung und psychosozialer Vernachlässigung. In seltenen Fällen kann auch ein Tumor in der Hirnanhangsdrüse Auslöser einer Wachstumsstörung sein.

Einige Erkrankungen, für die ein Wachstumshormonmangel kennzeichnend ist, können mit Medikamenten behandelt werden, die den körpereigenen Hormonmangel ausgleichen. Wird diese Behandlung vor Beginn der Pubertät begonnen, können Wachstumsdefizite bis Eintritt der Geschlechtsreife verhindert werden.

Für Kinder, die älter als zehn Jahre sind, ist der Body-Mass-Index (BMI) eine geeignete Methode, um zu prüfen, ob das Gewicht im Normalbereich liegt.

Der BMI gibt an, in welchem Verhältnis das Gewicht zur Körpergröße steht. Übergewichtig ist, wer einen BMI 25 bis 29 hat. Als schweres Übergewicht, Adipositas, gilt ein BMI über 30 (Kilogramm pro Quadratmeter).

In den vergangenen Jahren hat die Zahl übergewichtiger Kinder und Jugendlicher in Deutschland deutlich zugenommen. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung geht davon aus, dass etwa 15 Prozent der Drei- bis 17-jährigen übergewichtig sind. Sie haben langfristig ein erhöhtes Risiko, im Erwachsenenalter Gelenkprobleme, Typ-2-Diabetes und andere Zivilisationserkrankungen zu bekommen.

Neben den Gesundheitsproblemen leiden „Pummelchen“ nicht selten auch unter Mobbing durch Gleichaltrige und gesellschaftliche Stigmatisierungen. Das zeigt beispielsweise eine Studie des Wissenschaftszentrums für Sozialforschung in Berlin (WZB). Danach haben fettleibige Kinder durchschnittlich schlechtere Schulnoten und besuchen seltener ein Gymnasium. Die Probleme setzten sich oftmals bei der Arbeitsplatz- und Partnersuche fort.

Ähnlich wie den Kleinwüchsigen traut die Leistungsgesellschaft auch den übergewichtigen Kindern und Jugendlichen offenbar weniger zu als den Altersgenossen, deren Körpermaße nicht auffällig sind. Kinder- und Jugendärzte appellieren daher an Eltern, Erzieher und Lehrer, den außerhalb der Norm liegenden Kindern ebenso viel Anerkennung, Aufmerksamkeit und Fürsorge zu schenken.