Magdeburg l Ein Kind, das einen Turm aus Bauklötzen baut, erkennt schnell die Instabilität mit zunehmender Höhe. Noch schwieriger ist es, den wackligen Turm zu bewegen. Die menschliche Wirbelsäule meistert das Tag für Tag und ein Leben lang. Die Kunst besteht in der Bauform, die ein ausgewogenes Maß an Stabilität und Elastizität ermöglicht. Die menschliche Wirbelsäule ist wie der Buchstabe S geformt. Sie besteht aus 25 knöchernen Wirbelkörpern, die wie Bauklötze übereinander stehen, und dem dazwischen liegenden Knorpelgewebe (Bandscheiben), das wie Stoßdämpfer wirkt und somit 24 Bewegungssegmente bilden. Zusammen mit Muskeln und Sehnen sorgen die Bandscheiben für Elastizität in der Bewegung.

Gründe für Rückenschmerzen

Wie der Fingerabdruck und die Iris im Auge jedes Menschen, ist auch jede Wirbelsäule einzigartig. „Die individuellen Unterschiede sind sehr groß“, sagt Privatdozent Dr. Jörg Franke, Chefarzt der Orthopädie des Klinikums Magdeburg und Leiter des Magdeburger Wirbelsäulenzentrums. In wissenschaftlichen Studien hat sich gezeigt, dass Röntgen- oder MRT-Bilder der Wirbelsäule allein nicht ausreichen, um korrekte Diagnosen zu stellen. Erst wenn die von Patienten geschilderten Beschwerden und die körperlichen Untersuchungen des Arztes mit den Bildbefunden übereinstimmen, ist eine Therapieempfehlung sinnvoll.

Die Gründe für Rückenschmerzen können ganz verschieden sein. Sie reichen von oftmals vorübergehenden Reizungen der Muskulatur und Faszien durch einseitige körperliche Belastungen, verschleißbedingten Erkrankungen der Bandscheibe bis zum den Kontakt der „Dornfortsätze“ oder Nervenreizungen in einem zu engen Knochenkanal, dem sogenannten Wirbelgleiten, Unfallverletzungen bis zu Erkrankungen wie Osteoporose, Morbus Bechterew und Knochenkrebs (bzw. Metastasen) oder Infektionen.

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Bei Bandscheibenerkrankungen oder Nerveneinengungen werden oftmals zunächst Behandlungsversuche mit konservativen Therapien empfohlen. Dazu zählen die medikamentöse Schmerztherapie, physiotherapeutische Behandlungen und andere nicht invasive Maßnahmen.

„Bei Lähmungserscheinungen oder einem plötzlichen Kontrollverlust über die Blasen- oder Darmentleerung ist jedoch keine Zeit zu verlieren und eine sofortige Operation erforderlich”, raten die Wirbelsäulenexperten. Auch wenn die konservativen Behandlungen über einen Zeitraum von wenigstens sechs Wochen keinen Erfolg zeigen, sollte eine Operation in Betracht gezogen werden.

„Im Gespräch äußern viele Patienten Sorgen, dass ein Eingriff an der Halswirbelsäule zu einer Querschnittslähmung führen könnte“, so Dr. Werner EK Braunsdorf, Chefarzt der Klinik für Neurochirurgie und Wirbelsäulenchirurgie des Klinikums Magdeburg. Die Daten der 16 zertifizierten Wirbelsäulenzentren in Deutschland, darunter das Klinikum Magdeburg, zeigen jedoch, dass irreversible Nervenschäden selten sind. Das Risiko liegt deutlich unter einem Prozent. Gleiches gilt für Eingriffe an der Brust- und der Lendenwirbelsäule.

Weniger Strahlenbelastung

In jüngster Zeit werden Wirbelsäuleneingriffe am Klinikum Magdeburg mit Hilfe eines neuen OP-Gerätes, ein sogenannter O-Arm, weiter erleichtert. Ähnlich wie ein GPS-Navisystem im Auto ermöglicht das OP-Gerät den Ärzten ein zielgenaues Arbeiten selbst an den nur Fingernagelgroßen Wirbelgelenken der Halswirbelsäule. Die Strahlenbelastung des Patienten ist dabei überschaubar. Für die Ärzte von Vorteil ist, dass sie nun nicht mehr mit schweren Bleischürzen im OP arbeiten müssen und sich ihre Strahlenbelastung deutlich reduziert.

Muskeltraining

„In der Vergangenheit wurde den Patienten nach dem Eingriff zur Schonung geraten. Wir empfehlen ihnen heute, sich baldmöglichst wieder zu bewegen“, sagt Dr. Franke. Frühzeitige Bewegung ist günstig nicht nur für operierte Spitzensportler, die an alte Leistungen wieder anknüpfen wollen, sondern auch für die meisten älteren Menschen. Gleiches gilt übrigens auch für die Vorsorge, da durch Training die Muskulatur gestärkt und Wirbelgelenke sowie Bandscheiben entlastet werden.