Magdeburg l „Zeigt her eure Füßchen, zeigt her eure Schuh…“ Mädchen und Jungen lernen dieses alte Kinderlied. Wichtig ist eine gute Fußpflege und tägliche Kontrolle auch für Menschen im Erwachsenen- oder Seniorenalter, die eine Zuckererkrankung (Diabetes mellitus) haben.

Zu ihnen zählt Patient H., der seit mehreren Jahren Diabetiker ist. Zufällig bemerkte er eines Tages eine Druckstelle am Fuß. Er kaufte bequemeres Schuhwerk, machte öfter Fußbäder und fettete die leicht gerötete, rissige und trockene Haut anschließend ein. Dennoch blieb die erhoffte Besserung aus. Im Gegenteil: An der Ferse bildete sich über die kommenden Tage eine rote Stelle aus, die Haut ging auf und eine offene Wunde entstand.

Weil die Infektion sich auf den Knochen ausdehnte musste eine orthopädische Operation durchgeführt werden. Leider heilten die Wunden nicht. So kam es zu schweren Infektionen. Um das Leben des Patienten zu retten, mussten die Ärzte das Bein amputieren. „Es geschah, ohne dass ich körperliche Warnzeichen gespürt habe“, so der Patient.

„Empfindungsstörungen bis hin zur Schmerzlosigkeit sind beim diabetischen Fußsyndrom keineswegs selten“, so Prof. Dr. Peter Mertens, Direktor der Magdeburger Universitätsklinik für Nieren- und Hochdruckkrankheiten, Diabetologie und Endokrinologie. Nach Angaben der Deutschen Diabetesgesellschaft erleiden von den rund sechs Millionen Diabetikern etwa 30.000 ein ähnliches Schicksal.

Unter allen Bundesländern zählt Sachsen-Anhalt leider zu den Spitzenreitern. Durch die Klinikärzte erfolgte im Programm „Autonomie im Alter“ eine Untersuchung bei mehr als 1000 Diabetikern in Sachsen-Anhalt. Diese ergab, dass mehr als 40 Prozent aller Betroffenen deutliche Nervenschäden aufweisen und Schäden der Füße nicht spüren können.

Gestörter Stoffwechsel führt zu Schäden

Der beim Diabetes gestörte Stoffwechsel führt nach Jahren zu Schäden an den peripheren Nerven und Gefäßen. Sensorische Informationen – zum Beispiel auf Berührungen, auf Kälte oder Wärme – gelangen nicht mehr ins Gehirn und die Reaktionen nicht zurück in den Körper. In der Folge unterbleiben die normalerweise innerhalb von Minuten automatisch ablaufenden Positionswechsel des Körpers (z.B. beim Stehen). Die Folge sind einseitige Überbelastungen und schlecht heilende Haut- und Gewebeschäden.

Um das zu verhindern, haben Forschende der Magdeburger Uniklinik in der Kooperation mit industriellen Partnern aus der Region eine elektronische Schuh-Einlegesohle entwickelt. Seit zwei Jahren wird sie an Patienten getestet und weiterentwickelt. Die Einlegesohle für Diabetiker misst Druck- und Temperaturveränderungen am Fussbett. Die Daten werden verschlüsselt an die Uniklinik übertragen, wo Mediziner sie aktuell auswerten. „Unsere bisherigen Studienergebnisse sind vielversprechend“, so Professor Mertens.

Die Messdaten liefern frühzeitig Hinweise auf drohende Diabetesfolgeschäden, die sich noch verhindern lassen. Die Sensortechnik half nicht nur bei der Kontrolle von Fußentzündungen durch Diabetes. Mit ihr konnten die forschenden Mediziner zudem auch entzündliche Gelenke und Gicht in den Frühphasen sowie Knochenbrüche feststellen. Derzeit sind in die wissenschaftliche Studie rund 200 Teilnehmer aufgenommen, von denen 80 Probanden täglich die Sensor-Einlegesohle für einige Minuten tragen.

Probanden wurden geschult

Um statistisch aussagekräftige Ergebnisse zu bekommen, suchen die Mediziner in den kommenden Wochen hundert weitere Teilnehmer, die seit mehreren Jahren eine Diabetes-Erkrankung haben und die eventuell bereits wissen, dass sie Empfindungsstörungen haben. Alle Probanden werden von Klinikmitarbeitern zur Vorbeugung von Komplikationen beim diabetischen Fußsyndrom geschult und während der Dauer der Studie medizinisch überwacht. „Jeder zweite Teilnehmer erhält ein Paar Pantoletten mit der Sensor-Einlegesohle, ein Smartphone mit der App für die Fußkontrolle und zur telemedizinischen Datenübertragung an die Uniklinik“, so der Studienleiter.

Die andere Hälfte der Teilnehmer werden hinsichtlich der bestmöglichen Pflege geschult und ebenso alle 6 Monate durch einen Arzt betreut. Die spezielle Sensor-Einlegesohle braucht nur zweimal am Tag (morgens und abends) für jeweils drei Minuten getragen werden.

Bei auffälligen Messwerten werden die Teilnehmer von der Klinik angerufen. Da die Studie über zwei Jahre läuft ist es wichtig, dass möglichst viele Teilnehmer so lange auch dabei bleiben. „Wir erwarten, dass mit Hilfe der speziellen Einlegesohle zwei Drittel der Amputationen zu verhindern sind“, sagt Prof. Mertens. Das entspricht den Zielen der Deutschen Diabetes Gesellschaft, die, dank besserer Betreuung der Patienten durch Vernetzung kompetenter Experten, ebenfalls eine Reduktion von 80 Prozent anstrebt.