Magdeburg l Für die Hallenser gab es im Frühjahr 1990 keine Frage: In einem wiederbelebten Bundesland Sachsen-Anhalt wird Halle Hauptstadt! Argumente gab es reichlich: Tradition als Wissenschaftsstadt, Rolle als Kulturzentrum, Wirtschaftskraft als bedeutender Chemie-Standort. Und überhaupt war die Saalestadt nach dem Zweiten Weltkrieg bis zur Zerlegung des Landes in die DDR-Bezirke Halle und Magdeburg 1952 ohnehin Landeshauptstadt gewesen.

Um die Bedeutung der Stadt zu unterstreichen, half die Verwaltung kräftig nach: Halle-Neustadt mit seinen 90 000 Einwohnern wurde nach Halle eingemeindet – die Stadt zählte dadurch 310 000 Bewohner und überholte Magdeburg, wo 1990 rund 280 000 Menschen lebten.

„Nicht mit uns!“, antwortete Magdeburg, das seinen eigenen Anspruch auf die Landeshauptstadt-Würde geltend machte. Dieser war, fast 200 Jahre zurückführend, ebenfalls gut begründet. Nach den Befreiungskriegen gegen Napoleon war 1815 die preußische Provinz Sachsen geschaffen worden – mit Magdeburg als Hauptstadt.

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Lokalpatriotischer Eifer im Spiel

Nach dem Zweiten Weltkrieg zog die Verwaltung nach Halle – wegen der starken Zerstörungen in Magdeburg und wohl auch, weil in Halle die Kommunisten eine größere Basis hatten. Die Debatte kochte hoch. Es war viel lokalpatriotischer Eifer im Spiel, wenn sich Wissenschaftler oder Heimatforscher für die eigene Stadt ins Zeug legten – Händel gegen Halbkugeln. Das Land Sachsen-Anhalt stand vor einer Zerreißprobe, noch bevor es überhaupt gegründet war.

Willi Polte (SPD), nach den ersten freien Kommunalwahlen in der DDR im Mai zum Magdeburger Oberbürgermeister gewählt, hatte sogleich mit dem praktischen Teil der Hauptstadt-Bewerbung zu tun. „Es stand die Frage: Wie können wir Institutionen und Leute unterbringen?“ Das Haus der Deutsch-Sowjetischen Freundschaft in der Hegelstraße (heute die Staatskanzlei) habe sich angeboten, ebenso wie die Volkspolizei-Bezirksbehörde (heute Innenministerium) und der Rat des Bezirkes (heute Landesverwaltungsamt). „Doch schon beim Landtagssitz am Dom-platz begannen die Schwierigkeiten: In dem Gebäude befand sich die Ingenieurschule für Wasserwirtschaft, und die Mitarbeiter fürchteten um ihre Zukunft“, sagt der SPD-Politiker. In früheren Kasernen, die heute Landesministerien beherbergen, saß zudem noch die Sowjetarmee.

Doch die Planungen begannen. Auch mit dem Wohlwollen niedersächsischer Berater und Beamter, für die der Weg in die Heimat von Magdeburg weit kürzer als von Halle aus war. Während sich Halle und Magdeburg in den Haaren lagen, warf ein weiterer Bewerber seinen Hut in den Ring: Dessau. Die Anhalter hofften, lachender Dritter sein zu können. Falls es nicht klappen sollte, habe Dessau aber die Tendenz zugunsten Magdeburgs signalisiert. Dies sei von ihm gefördert worden, lächelt Polte fein. Bedingung: Ein Regierungspräsidium Dessau mit Sitz in der alten Residenzstadt. Das sollten die Anhalter schließlich auch bekommen.

Die Dessauer Abneigung gegen die bisherige Bezirksstadt Halle resultierte aus dem Gefühl der Dessauer, stets zugunsten Halles zurückstehen zu müssen. Ein Gefühl, das auch im Kreis Quedlinburg geteilt wurde, der ebenfalls zum Bezirk Halle gehörte. „Wir haben mit Halle keine guten Erfahrungen gemacht. Die Gelder blieben für Vorzeigeobjekte in Halle“, erklärte der Bürgermeister von Neinstedt, Gottfried Arndt, im Juli 1990. Bei einer Umfrage der Technischen Universität Magdeburg wollten nur 2 Prozent der Befragten aus dem Bezirk Magdeburg eine Landeshauptstadt Halle, aus dem Bezirk Halle aber 15 Prozent Magdeburg als Regierungssitz.

Forsches Auftreten bei schlechtem Image – damit schadete sich Halle selbst. Als der DDR-Minister für Regionalfragen, Manfred Preiß vom Bund Freier Demokraten, im Juli zum Versuch einer Klärung nach Zerbst einlud, sei Halles siegessicherer Oberbürgermeister Peter Renger (CDU) kaum vorbereitet gewesen, berichtet Polte. Vielmehr habe sein Hallenser Kollege gedroht: „Wenn wir nicht Landeshauptstadt werden, gehen wir nach Sachsen!“

Vorentscheidung in geheimer Abstimmung

Einig wurde man sich in Zerbst nicht und beschloss stattdessen, eine geheime Abstimmung der Abgeordneten der Kreistage und Stadtverordnetenversammlungen zur Landeshauptstadt in der zweiten Augusthälfte anzuberaumen.

Am 30. August stand das Ergebnis fest: Von 2180 Stimmen erhielt Magdeburg 1298, auf Halle entfielen lediglich 882. Obwohl dieses Votum keinen beschließenden Charakter hatte, war es eine klare Vorentscheidung für die Landeshauptstadt Magdeburg.

Entsprechend zerknirscht reagierte der Vize-Regierungsbeauftragte für den Bezirk Halle, Helmar Liebscher. Er gestand aber ein: „Das ist sicher ein Ergebnis, das der derzeitigen historischen Situation entspricht und die gegenwärtige Lage widerspiegelt.“

Regionalminister Preiß kommentierte das Meinungsbild damals so: „Es gehört auch zur Demokratie, Mehrheiten anzuerkennen. Das ist jetzt Sache der Hallenser.“ Das letzte Wort hatte freilich erst der neugewählte Landtag, der sich am 28. Oktober 1990 in Dessau konstituierte. Neben Halle und Magdeburg trat auch Dessau an, so dass es im ersten Wahlgang keine Mehrheit für eine der Bewerberstädte gab. Nach der zweiten Runde entfielen 57 von 106 abgegebenen Stimmen auf Magdeburg – die Sache war entschieden. Das Entsetzen an der Saale war groß. Die Niederlage schmerzt bis heute. Um sie zumindest teilweise auszugleichen, wurde ein Titel für Halle erfunden: Kulturhauptstadt Sachsen-Anhalt.

Am kulturellen Reichtum der Saalestadt hat Magdeburgs Alt-Oberbürgermeister Polte nie gezweifelt. Zusammen mit dem nahen Flughafen und der S-Bahn-Verbindung mit Leipzig hätte Halle als Hauptstadt nach seiner Meinung jedoch ein Übergewicht entwickeln können, das Magdeburg und dem Landesnorden ganz schlecht bekommen wäre.