Totes Holz – Lebensspender im wilden Wald

Im Umkreis von 2400 Waldmess­punkten nehmen Forstexperten im Harzer Nationalpark bis Ende nächsten Jahres die Baumvegetation in Augenschein. In der Hälfte der 250 Quadratkilometer großen Parkfläche greift der Mensch seit zehn Jahren nicht mehr ein. Die Folge: Tausende Fichten sind dort dem Borkenkäfer zum Opfer gefallen.

Der Borkenkäfer beschädigt das Stammholz direkt unter der Rinde. Dadurch wird die Wasserzufuhr von den Wurzeln in den Baum gestört. Der Baum vertrocknet.

Im Wald liegt und steht jetzt überall Totholz. Abgestorbene Bäume dienen als Nahrungsquelle, Nistgelegenheit, Rückzugsgebiet und Sitzwarte für Vögel. Insekten verbreiten sich rasant, darunter viele Arten, die Trockenheit und Wärme lieben.

Von liegenden Stämmen profitieren viele Wirbeltiere. Eidechsen wärmen sich auf dem Holz. Mäuse, Reptilien und Amphibien finden in engen Gängen Unterschlupf.

Im Wald sind vermodernde Baumstümpfe ein gutes Keimsubstrat für Jungbäume. Zudem halten sie den Schnee zurück und beugen der Bodenerosion im Wald vor. Im Frühling taut der Schnee dort schneller.

Torfhaus l Messtechniker Denny Walther balanciert zwischen den bemoosten Baumstämmen hindurch. Der Waldboden ist im dichten Gestrüpp nicht zu erkennen. Baumstämme, Äste, alles zugewuchert. Es platscht. „Sch ..!“ Wieder so ein mooriges Wasserloch. Die Messlatte im Arm wird zur Balancestange. Kollege Daniel Esther vor ihm bleibt ruckartig stehen. Er guckt auf das GPS-Gerät und zeigt nach links. „Da entlang!“

Wie Humboldt einst im Amazonas-Dschungel kämpfen sich die beiden Forst-Ingenieure durch den Harzer Wildwald zwischen Torfhaus und Brocken. Hier darf kein Wanderer hinein. Pilzesuchen streng verboten. „Naturdynamikzone“ heißt das auf bürokratisch. „Dynamisch“ werden gelegentlich die Kronen der toten Fichtentürme, die rundherum überall stehen. „Es kommt schon mal vor, dass eine Krone im Wind herunterkracht“, erzählt Esther. Schlimmer sei der inzwischen an vielen Stellen moorige Untergrund. „Ich musste meinen Kollegen schon zweimal herausziehen. Der war bis zur Hüfte eingesackt.“

Gelber Messpunkt?

Da ist er, der Messpunkt, den die beiden heute gesucht haben. Endlich. Ein gelber Deckel ist zu sehen auf einer knapp einen Meter tief im Boden verankerten Stahlspirale. Jetzt kann es losgehen. Stativ über den Mess­punkt aufgebaut. Im Umkreis von zwölf Metern wird erst einmal die Geländeneigung erfasst. Dann muss Messhelfer Walther mit Stange und Ultraschallmessgerät zu jedem einzelnen Baum stelzen – von der 20 Meter hohen toten Fichte bis zum kleinen Sprießling. Die beiden Forstleute bestimmen dann mittels ihrer Geräte unter anderem Baumstandort, Baumdicke und Baumhöhe.

Bilder

Die kleinen Jungfichten, die zwischen den großen Totbäumen in großer Zahl aus dem Untergrund schießen, werden nicht im gesamten Umkreis, sondern in einem genau per Himmelsrichtung festgelegten knapp drei Meter breiten Korridor aufgenommen. Keine Gräser, keine Pilze, keine Insekten sind für die beiden Männer von Interesse – nur Bäume. „Wir erfassen alle Bäume, deren Stamm in Brusthöhe dicker als sieben Zentimeter im Durchmesser ist“, sagt Esther.

Protokolliert wird die Verjüngung am Waldboden und die Menge des Totholzes. Auch Besonderheiten wie Baumhöhlen, Blitzrinnen oder abgerissene Äste nimmt Esther auf. Flink tippen seine Finger die Daten in den Outdoor-Laptop. Er nutzt ein spezielles Programm der Nationalparkverwaltung.

Seit drei Wochen sind die Teams im Nationalpark unterwegs, um im Umkreis von insgesamt 2400 Messpunkten die Baumvegetation zu untersuchen. Bis Ende 2016 sollen diese Arbeiten dauern, ausgenommen die Winterzeit. „Die Daten werden in Göttingen an der forstwissenschaftlichen Versuchsanstalt ausgewertet“, erzählt Sabine Bauling, zuständige Wissenschaftlerin für die Waldinventur in der Nationalparkverwaltung. Ziel der Untersuchung sei die Klärung der Frage: Wie hat sich der Wald dort entwickelt, wo der Mensch seit zehn Jahren nicht mehr eingreift?

Tote Fichten

Der Eindruck des Laien: Unten wuchert er, oben stirbt er, der Wald. Hunderte trockene, tote Fichten überall – alle sind dem Borkenkäfer zum Opfer gefallen. Gegen seine Verbreitung wird in den wilden Zonen des Nationalparks nur in einem 500 Meter breiten Grenzbereich zu forstwirtschaftlich genutzten Wäldern etwas unternommen. „Das geht rasant ab mit dem Borkenkäfer“, sagt auch Sabine Bauling. Und hat damit kein Problem. „So kommt Licht an den Boden. Und da brummt das Leben. Die Tier- und Pflanzenwelt entwickelt sich prächtig.“ Fichtenkeimlinge sprießen sogar auf Totholzstämmen am Boden. Kleine Gruppen von Fichten, Weiden und Ebereschen seien überall sichtbar. Ein neuer Wald entstehe.

Steffen Etzold, Chef des Forstbüros MEP Plan aus Dresden, das derzeit Teams zum Baumzählen in den Wald schickt, gibt ihr recht. „Wir sind den Anblick von toten Bäumen im Wald nicht mehr gewöhnt, weil solche Bäume in der Forstwirtschaft vorher gefällt werden“, sagt er. Der Borkenkäfer greife nur ältere Bäume an. Mit einer besseren Durchmischung von Bäumen allen Alters werde sich auch die Angriffsfläche für den Borkenkäfer reduzieren. Bis 2022 sollen 75 Prozent des 250 Quadratkilometer großen Nationalparkwaldes im Harz zur „Naturdynamikzone“ gehören. Heute sind es knapp 60 Prozent.

Daniel Esther und Denny Walther sind fertig. In zwei Stunden hatten sie zuvor 27 lebende Bäume, sieben stehende und drei liegende tote und einen absterbenden Baum aufgenommen. Im Verjüngungsstreifen zählten sie sieben Fichten und eine Eberesche. Sie verpacken alle Werkzeuge und klettern durch das Dickicht zum nächsten Messpunkt.

Die wurden als Raster über die Waldfläche gelegt. Sie können also überall sein, unabhängig von den örtlichen Gegebenheiten. Die beiden Männer arbeiteten schon an so exotischen Orten wie der Luisenklippe oder der Hopfensäcke. „Man kommt schon herum im Wald. Und manchmal stehst du plötzlich einem ausgewachsenen Hirsch mit riesigem Geweih gegenüber“, erzählt Esther. Oder die Gewehre der Jäger knallen bedrohlich nah. Auch deshalb tragen sie orangefarbende Schutzwesten. Nicht ungefährlich, so eine Waldinventur.