Storkow/Stendal l Es ist lange her, fast sieben Jahrzehnte, als der damals knapp 20 Jahre junge Lutz Jahoda 1947 in die Altmark nach Stendal kam. Er hatte ein Engagement, sein erstes großes, als Schauspieler, Sänger und Tänzer am Theater der Altmark (TdA), das sich damals noch „Theater der Stadt Stendal“ nannte.

„Elf Kilometer musste ich zu Fuß mit drei schweren Koffern vom Bahnhof in Tangermünde nach Stendal laufen“, erinnert sich der heute 88-Jährige. Gemeinsam mit der Tänzerin Inge Albert blättert Jahoda einen Bildband mit historischen Aufnahmen der Spielstätte durch. Die beiden kennen sich aus DDR-Zeiten, als Jahoda noch Shows wie „Ein Kessel Buntes“, den „Wunschbriefkasten“ oder „Mit Lutz und Liebe“ moderierte. Albert war damals Mitglied der „Nancys“, die den Sänger Michael Hansen umtanzten. Kurz nach der Wende gründete sie Deutschlands erste Striptease-Schule in Berlin. Beide leben heute südöstlich der Bundeshauptstadt im Brandenburgischen. Regelmäßig treffen sie sich in einem Storkower Gasthaus, um über alte Zeiten oder neue Vorhaben zu plaudern. Mit Stendal verbinden sie ganz besondere Erinnerungen.

Von Polizisten umschwärmt

„Zu meiner Zeit stand das Theater noch in der Wüste Worth“, sagt Jahoda und zeigt im Bildband auf ein Schwarz-Weiß-Foto aus den 40er Jahren. Auch im Verzeichnis der Mitarbeiter findet sich der Schauspieler wieder, allerdings nur für die Jahre 1947 und 48. „Da hat man wohl noch zwei Jahre vergessen“, stellt er fest. Bis 1950 sei er nämlich Stadt und Theater treu geblieben.

Bilder

Knapp 15 Jahre später war Albrecht nach Stendal gekommen, um am TdA zu tanzen. Es war ihr erstes Theaterengagement. In ihrer Biografie schreibt sie zudem unverblümt über die Liebesbeziehung zu einem Stendaler Polizisten, Polizeimeister Jürgen. Diesen hatte sie 1965 vor der Konditorei Wendt kennengelernt und mit ihm während ihrer Zeit in Stendal amouröse Abenteuer erlebt. An die Konditorei kann sich auch Jahoda gut erinnern. Zum kürzlich verstorbenen Sohn der Bäckersleute hatte er auch später noch Kontakt gehalten.

„Familie Wendt hat mich großzügig mit Essen versorgt“, schwärmt Jahoda und weist in diesem Zusammenhang darauf hin, dass es kurz nach dem Krieg mit der allgemeinen Versorgungslage nicht zum Besten bestellt war. „Einmal ging ich nach der Tanzprobe geschafft und ausgehungert über den Marktplatz“, beschreibt er eine Szene aus den späten 40ern. „Meine leere Aktentasche rammte ich mir versehentlich in die Kniekehle und stürzte. Ich war eben zu schwach. Hätte das einer gesehen, der hätte bestimmt gedacht: Immer besoffen, diese Künstler“, witzelt der 88-Jährige. Und noch mehr Anekdoten rund ums Essen hat er auf Lager. Als er beim Kirschenklauen erwischt wurde und sich schwimmend durch einen Teich vor dem mit einem Knüppel bewaffneten Plantagenbesitzer retten wollte, verhedderte er sich in Wasserschlingpflanzen. „Ich wäre fast ertrunken und zu allen Ungunsten warf der wütende Kirschhüter noch mit Steinen.“

Die Gunst der Bäckersleute Wendt, des Fleischers und vieler anderer Stendaler sicherte sich Jahoda durch seine Schauspielkunst. „Damals gab es noch kein Fernsehen, die Leute gingen ins Kino oder ins Theater“, beschreibt er die 40er Jahre. Die Vorstellungen seien immer gut besucht gewesen. „In Stendal durfte ich Hauptrollen spielen, in Berlin hätten Anfänger wie ich nie die Chance dazu bekommen.“ Mit gerade mal 20 Jahren war er einer der jüngsten Operettenbuffos Deutschlands. „Erich Elstner, der Vater des Entertainers Frank Elstner, musste für mich noch den Vertrag mit dem TdA unterschreiben, da ich noch keine 21 war“, blickt er zurück. Die Männer hatten sich in der Kriegsgefangenschaft kennengelernt. Mit Elstners war Jahoda nach dem Krieg nach Berlin gegangen, hatte dort aber nur Nebenrollen spielen dürfen.

Mit Rolf Herricht das Ensemble veralbert

In Stendal erwartete Jahoda zudem ein großer Lehrmeister. „Der Regisseur Leo Wanaus war einer der drei Operettenspezialisten aus der grandiosen Berliner Metropol-Theater-Zeit der Zwanziger Jahre. Er hatte schon in St. Petersburg oder New York gespielt.“ Seine erste Rolle bekam Jahoda in der Operette „Schwarzwaldmädel“. Später spielte er Hauptrollen in Klassikern wie „Der Vogelhändler“, „Die Csárdásfürstin“ oder im Schwank „Charleys Tante“. „Das hätte mich keine Hochschule für Schauspielkunst in so kurzer Zeit lehren können, was ich dank des Theaters in Stendal lernen durfte“, schwärmt er.

Den großen Heinz Rühmann, der 1946 auch kurzzeitig am TdA gastierte, hatte Jahoda nicht mehr in Stendal angetroffen. Auch nicht mehr Horst Tappert, der in der Altmark ebenfalls seine erste Hauptrolle spielen durfte. Dafür freundete er sich 1949 mit dem jungen Rolf Herricht an, der zu dieser Zeit vom Theater in Salzwedel nach Stendal gekommen war. Gemeinsam mit dem Schauspieler Arno Görke wurden die drei „Brüder Fürchterlich“ genannt – und das zu Recht.

„Einmal hatte ich Parfüm auf den Nacken einer Kollegin gesprüht, Herricht tat im gleichen Atemzuge so, als ob er geniest habe“, beschreibt Jahoda einen der Dummenjungenstreiche des Trios. Die Kollegin habe bedauerlicherweise sofort auf die Bühne gemusst, immer mit dem Gedanken, jemand habe sie angeniest. Aber auch allein konnte Jahoda seine Kollegen am Theater veralbern. Bei einem fingierten Gespräch vor dem Ensemble tat er so, als telefoniere er mit dem Intendanten: „Was denn, 500 Mark mehr im Monat? Danke, sehr großzügig“, sprach er in den Hörer, ohne zu wissen, dass sich der Intendant mittlerweile hinter ihm befand und ihn wütend anschaute.

In Stendal auch privates Glück gefunden

„Mein Vater ist an einer Herzgeschichte jung gestorben. Ich werde auch nicht alt“, soll Rolf Herricht gegenüber Jahoda während einer spiritistischen Sitzung bereits im Sommer 1949 prophezeit haben. „Er sollte Recht behalten, ich hielt 32 Jahre später einen Nachruf auf meinen Freund im Radio“, sagt Jahoda.

1948 lernte Lutz Jahoda seine erste Ehefrau, eine Tänzerin, in Stendal kennen. 1949 kam Söhnchen Axel zur Welt. Als Nebenverdienst sang der Schauspieler regelmäßig im Hotel „Schwarzer Adler“, wo abends zum Tanz aufgespielt wurde.

„Auf dem Parkett sah man mich nie“, wirft Inge Albert ein. Sie habe nach den Proben die Zweisamkeit in ihrer Stube gemeinsam mit Polizeimeister Jürgen vorgezogen. Als sie ihn und Stendal 1966 in Richtung Berlin verließ, habe es ihr fast das Herz zerrissen, erinnert sie sich an den traurigen Abschied. 16 Jahre zuvor hatte Lutz Jahoda Stendal mit seiner kleinen Familie den Rücken gekehrt. „Dieser hohe Himmel und die fast schon mediterranen Sommer habe ich bis heute nicht vergessen“, sagt er.

An das Volkstheater in Halberstadt war er 1950 seinem Intendanten gefolgt. Das Haus war größer und bot ihm mehr Möglichkeiten, allerdings auch einen, wie er sagt, schlechten Regisseur. „Im Harz habe ich lange Wanderungen unternommen. Oft stundenlang streifte ich durch die Natur“, erinnert er sich an seine fast zwei Jahre in Halberstadt. Danach ging er in den Westen und wenig später wieder zurück in den Osten nach Leipzig, wo seine Karriere ihren Lauf nahm.

Von Stendal bleibt dem zum sechsten Mal verheirateten Jahoda die Erinnerung an erste Theatertriumphe. „Damals kamen die Blumen badewannenweise.“ Die Erfahrungen sowie Kritik und Lob aus seiner Zeit als junger Schauspieler wolle er nicht missen. „Wenn Stendal der Himmel wäre, könnte man sagen, Lutz Jahoda ist ein leuchtender Stern“, zitiert er nostalgisch einen Theaterkritiker aus dem Jahr 1948.