Berlin/Grabow l Seit der Premiere Ende Oktober ist das Theaterstück „Fear“ (Angst) an der Berliner Schaubühne heftig umstritten. Der Autor und Regisseur Falk Richter setzt sich darin mit rechtsnationalem Gedankengut auseinander – und greift zu drastischen Bildern und Formulierungen.

Die Darsteller phantasieren davon, jemandem einen „Schuss zwischen die Augen“ zu verpassen oder ihn „unter die Erde“ zu bringen. Zombies sind zu sehen, dazu Porträts des norwegischen Massenmörders Anders Breivik und der mutmaßliche Rechtsterroristin Beate Zschäpe. Gezeigt wird aber auch ein Foto der konservativen Aktivistin Hedwig Freifrau von Beverfoerde.

Die 52-Jährige lebt auf einem Rittergut nahe Burg (Jerichower Land) und ist dort einfaches CDU-Mitglied. Bundesweit ist sie jedoch bekannt als Organisatorin der „Demo für alle“, die gegen „Gleichmacherei“ von Mann und Frau sowie die „Sexualisierung von Kindern“ protestiert.

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Beverfoerde ist nun empört, dass sie in das Umfeld von Mördern, Neonazis und Monstern gerückt wird. Als „unfassbar verunglimpfend“ empfinde sie das Theaterstück, sagte sie der Volksstimme. „Da wird ein riesiger Peronenkreis als Zombies dargestellt, denen man in den Kopf schießen muss.“

Anfang Dezember erreichte sie vor dem Berliner Landgericht die einstweilige Verfügung, dass ihr Porträt in dem Stück nicht mehr gezeigt werden darf. Der juristische Erfolg war indes nicht von Dauer: Am Dienstag korrigierte das Gericht nach einer Anhörung der Theatermacher seine eigene Entscheidung. „Fear“ darf nun wieder ohne jede Einschränkung aufgeführt werden.

Verstoß gegen Menschenwürde?

Beverfoerde sieht das Stück als Verstoß gegen ihre Menschenwürde. Dem schlossen sich die Richter nicht an: Jeder könne erkennen, dass es sich um ein Theaterstück handle. Auch sei keine Gleichstellung von Beverfoerde mit dem Mörder Breivik zu erkennen.

Das Gericht räumte ein, dass Beverfoerdes Persönlichkeitsrechte verletzt würden. Allerdings: Die Freiheit der Kunst wiege schwerer. Ein gleichlautendes Urteil kassierte die AfD-Vizevorsitzende Beatrix von Storch, die sich ebenfalls an das Gericht gewandt hatte.

Beverfoerde will nun die Urteilsbegründung abwarten und dann entscheiden, ob sie in Berufung geht. Wer sich auf die Kunst berufe, genieße in Deutschland „fast Narrenfreiheit“, bedauerte sie.

Brandanschlag in Magdeburg

Die Auseinandersetzung um Richters Skandalstück wurde noch befeuert durch einen Brandanschlag in der Nacht zum 1. November, wenige Tage nach der Berliner Uraufführung von „Fear“. In Magdeburg brannte ein Kleinbus der Gerüstbaufirma Bever aus, die Beverfoerdes Mann gehört. Ein Bekennerschreiben aus dem linksradikalen Milieu benannte Hedwig von Beverfoerde als Ziel der Attacke. Auch ein Auto der AfD-Frau von Storch ging in Flammen auf.

Noch laufen die Ermittlungen der Polizei. Beverfoerde ist von einem Zusammenhang zwischen den Anschlägen und dem Theaterstück überzeugt.Der Regisseur betont auf Volksstimme-Nachfrage, sein Stück rufe keinesfalls zu Gewalt auf. Das Foto von Beverfoerde zeige er, weil diese eng „mit rechtsnationalen, völkischen Bewegungen“ zusammenarbeite. Sie dränge „immer wieder lautstark mit extremen Angriffen gegen gesellschaftliche Minderheiten in die Öffentlichkeit“ und beleidige homosexuelle Paare, sagte Richter.

Kritik an seinem Stück sieht Richter als Versuch, ihn einzuschüchtern. „Drohmails bis hin zu Morddrohungen, wie ich sie auch aus dem Umkreis von Frau Beverfoerde und Frau von Storch erhalten habe, sind mittlerweile an der Tagesordnung.“

Am 8. Januar steht das Stück in der Schaubühne erneut auf dem Spielplan.

Update

Berlin/Grabow l Die Berliner Schaubühne und die konservative Aktivistin Hedwig von Beverfoerde haben ihren Streit um das Stück „Fear“ von Falk Richter mit unterschiedlich lautenden Mitschriften des Bühnenwerks fortgesetzt. Im Kern geht es um Formulierungen zur Bekämpfung von Untoten. „Der Zombie stirbt nur, wenn man ihm direkt ins Gehirn schießt und sein Gehirn auslöscht“, heißt es in der vom Theater verbreiteten Fassung. Eine andere Darstellerin spricht die Namen der AfD-Politikerinnen Beatrix von Storch und Frauke Petry aus und ruft: „Zurück in die Erde mit euch, ihr Zombies.“ Das Theater betonte am Donnerstag, die Zombies stünden für totgeglaubtes Gedankengut, nicht für Menschen.
Beverfoerde bezweifelt das und verweist auf den Mitschnitt einer „Fear“-Aufführung. Laut Niederschrift werden während der „Gehirnschuss“-Szene Porträts unter anderem von Beverfoerde gezeigt. Die Schaubühne kontert, der Mitschnitt von Theaterstücken sei illegal.