Magdeburg l Auch die zweite Kriegsweihnacht in Folge brachte keine weiße Pracht in die Dörfer und Städte. Zum Leidwesen der Kinder, zur Erleichterung der Erwachsenen. Die ersten Tage des Monats hatten noch Wintererwartungen genährt. „Der in der Nacht zum Dienstag (30. November, der Verf.) plötzlich eingetretene Witterungsumschlag, dazu ein leichter Sprühregen hatten Straßen und Plätze mit einer Art Eisglasur überzogen, die ein Gehen geradezu unmöglich machte“, schrieb die in Magdeburg erscheinende Volksstimme in der ersten Dezemberausgabe. „Bevor die ersten Aschenkasten auf den spiegelglatten Fußsteigen ihres Inhalts entleert wurden, gab es in den von Menschen besonders stark benutzten Straßen nur ein Rutschen und Gleiten untermischt von gelegentlichen Aufschreien derjenigen, die trotz aller angewandten Vorsicht sich nicht auf den Beinen halten konnten.“ Dennoch scheinen größere Unfälle nicht vorgekommen zu sein.

Verdorbener Rodelspaß

Zwischenzeitlich ruhte die Schifffahrt. In Halberstadt und in Quedlinburg mussten die Badeanstalten aus Kohlemangel geschlossen werden. Die kleinen Halberstädter hatten zudem das Pech, dass ihre beliebte Rodelstrecke in den Klusbergen vom Magistrat gesperrt worden war. „Die dort stattfindenden Arbeiten zur Wasserleitung lassen die Benutzung noch nicht zu“, teilten die Stadtväter in der örtlichen Presse mit. Die Sorgen erwiesen sich als kurzfristig. Schon am dritten Dezembertag fuhren die Schiffe wieder, und alle Schlitterei und Rodelei fand ein natürliches Ende. Innerhalb von wenigen Tagen kletterten die Temperaturen von elf Grad unter auf sechs Grad über Null.

Die Theater in Halle, Dessau, Magdeburg und Halberstadt durften sich indes zu den beliebten vorweihnachtlichen Märchenspielen über volle Zuschauerränge freuen. Im zehn Jahre zuvor errichteten Halberstädter Stadttheater hob sich am Nikolaustag der Vorhang für das Weihnachtsmärchen „Jung Habenichts und das Silberprinzesschen“. Auch im Magdeburger Stadttheater war das Stück zu sehen. Dort hatten die Kinder allerdings die Wahl. Im Wilhelm-Theater wurde nämlich das Grimmsche „Sneewittchen bei den sieben Zwergen“ gegeben.

Erster Weltkrieg und die Auswirkungen auf ...

Bonn - Mit einem Schlag war alles zu Ende. Der internationale Dialog der Künstler, Reisen ins Ausland, Verbindungen zu ausländischen Kunsthändlern - mit Ausbruch des Ersten Weltkriegs 1914 gibt es das alles nicht mehr.

In einer im Dezember auf den Buchmarkt gelangten Schrift des Berliner Kunstkritikers Ernst Leopold Stahl wurden die Halberstädter Theaterfreunde an das tragische Schicksal einer Künstlerin erinnert, die 1908 bis 1909 an ihrem Theater engagiert war. Deshalb widmete die Volksstimme dem kleinen Buch des Kunstkritikers „Gemma Boic, dem Gedächtnis einer Künstlerin“ einen umfangreichen Artikel.

Wer ermordete Schauspielerin?

Vor genau einem Jahr hatte die Schauspielerin sich mit Hilfe einer Überdosis Veronal das Leben genommen. Boic habe „das Recht freier Künstlerschaft und persönlicher Selbstbestimmung gegen den Zwang zur Unzucht, gegen die Prostitution des Theaters“ verteidigen wollen, zitierte die Volksstimme Stahl. Daraufhin war die Schauspielerin von Adolf Weiße, dem Direktor des Deutschen Volkstheaters, gequält, gekündigt und schließlich in den Tod getrieben worden. Mit dieser Meinung stand Stahl nicht allein. Weiß war im Dezember als Mitschuldiger am Tod von Gemma Boic gefeuert worden.

Erst im Frühjahr hatte der Tod einer anderen Schauspielerin für Gesprächsstoff in Halberstadt gesorgt. Ihre Leiche war in der Elbe bei Boizenburg gefunden worden. Martha Thies war unter ihrem Künstlernamen Heddie Teu für die Spielzeit 1909/10 Mitglied des Halberstädter Ensembles.

Schnell fanden sich an der Toten Hinweise auf einen Mord und bald auch auf zwei Verdächtige, die Geschwister Olga und Heinrich Kallies. Der Prozess in Güstrow wurde aber nach einigen Verhandlungstagen am 8. Dezember unterbrochen. Heinrich Kallies hatte zwar eine Mitschuld gestanden, aber den Mord selbst einem Pferdeknecht angelastet. Der wurde nun gesucht.

Auch ein Verfahren vor dem Leipziger Reichsgericht war Anfang Dezember im preußischen Sachsen mit einiger Spannung verfolgt worden. Die Reichsrichter befassten sich mit einem Urteil des Landgerichtes Glogau.

Ärger mit Fremdwörtern

Der Kommandant der schlesischen Festung hatte alle Geschäftsleute der Stadt angewiesen, Fremdwörter auf ihren Firmenschildern zu entfernen. Davon betroffen war auch die Glogauer Filiale der in Magdeburg ansässigen Norddeutschen Schokoladenhaus GmbH. Die Filialleiterin wurde von Generalmajor von Brauchitsch aufgefordert, die Wörter „Konfitüren und Bonbons“ gegen ‚„Schokoladen und Zuckerwaren“ auszutauschen. Der stellvertretende Geschäftsführer des Schokoladenhauses schrieb daraufhin einen wütenden Brief an den Kommandanten. Darin warf ihm Walter Bremer vor, seine militärische Gewalt für seine persönliche Liebhaberei der Sprachreinigung auszunutzen. Der General war beleidigt, klagte am Landgericht Glogau. Und das verurteilte Bremer wegen Beleidigung zu 30 Mark Geldstrafe. Bremer ging in Berufung und bekam nun am Reichsgericht Recht. Die Richter verwiesen den Vorgang zurück an die Vorinstanz mit dem Hinweis, dass Bremer nur seine berechtigten Interessen wahrgenommen habe.

Mit seiner Vorliebe zur Verdeutschung stand der General aber nicht allein. Das Stadtheater Halle hatte gerade die Abonnementplätze und -vorstellungen gegen die Begriffe Stammsitze und Stammvorstellungen abgeändert.

Polizeischutz für Butterhändlerin

Ganz andere Sorgen plagten vor Weihnachten Hausfrauen an Saale und Elbe - die teuren und knappen Lebensmittel. Auf dem Magdeburger Wochenmarkt waren an den Ständen der Butterhändlerinnen aufkommende Unruhen erst durch Polizeigewalt zu stoppen. Auch in Köthen und Aschersleben musste die Polizei Händler vor aufgebrachten Käuferinnen schützen.

Die Städte und Gemeinden legten Höchstpreise fest: Roher Schinken mit Knochen kostete zwei Mark das Pfund, Leberwurst 1,60 Mark, frische Rotwurst 1,30 Mark, Sülze 1,60 Mark, Salami 2,20 Mark, Karpfen 1,30 Mark, Weißkohl fünf Pfennig, Zwiebeln acht Pfennig und Grünkohl sechs Pfennig. Nicht von jeder Familie bezahlbare Preise. Die ortsüblichen Tageslöhne in der Provinz Sachsen bewegten sich im Dezember für Männer zwischen 3,70 Mark in Magdeburg und 2,20 Mark in Langensalza, für Frauen ebendort zwischen zwei Mark und 1,50 Mark.

„In Tausenden von Familien“, mutmaßte die Volksstimme nach Weihnachten, „fehlte begreiflicherweise zu der sonst üblichen Feier die Stimmung“. Dauerregen habe die Festlaune weiter getrübt. Allerdings war der „Andrang in den bevorzugten Lokalen und Cafés ... in den Nachmittags- und Abendstunden so stark, daß bei einigen Lokalen die Eingangstüren abgeschlossen werden mußten“. Es gebe noch viele, vermutet das sozialdemokratische Blatt, die „durch das Wüten des Krieges nicht im mindestens in Mitleidenschaft gezogen wurden“.

Und dann war das Jahr zu Ende. In Magdeburg waren Silvester lange vor Mitternacht Tausende auf dem Breiten Weg unterwegs. Und immer wieder hörte der Berichterstatter der Volksstimme den Wunsch: „Möge uns das neue Jahr endlich den lang ersehnten Frieden bringen!“.

Keiner ahnte, dass bis dahin noch zwei weitere Kriegsweihnachten und -silvester folgen würden.