Islamische Bestattung

Sehr viele Muslime in Deutschland werden nach dem Tod von ihren Angehörigen in ihr Herkunftsland gebracht und dort beerdigt. Doch es wächst die Zahl derjenigen, die in Deutschland die letzte Ruhe finden. Einige Bundesländer haben ihre Gesetze angepasst, um islamischen Vorschriften gerecht zu werden.

Nach Auffassung der meisten Islam-Theologen sollten Tote in einem Leintuch eingehüllt und auf der rechten Seite liegend begraben werden. Der Kopf sollte in Richtung Mekka gerichtet sein. Nötig ist auch eine rituelle Waschung und die Beerdigung möglichst am Tag des Todes. Viele Familien machen aber Kompromisse.

Magdeburg l In Jeans und Winterjacke scharen sich die Trauergäste um die offene Grube, dann greifen einige der Männer zu Schippen und Spaten, klettern auf den großen Haufen gelber, lehmiger Erde und beginnen, mit ganzer Kraft zu schaufeln. Die Erde fliegt durch die Luft, nach zehn Minuten klopfen die Helfer den Grabhügel fest und rammen ein schmales Holzbrett hinein. Das arabische Bittgebet Do‘a erklingt, die Männer halten die offenen Hände vor ihren Kopf.

Es ist ein 16-jähriges Mädchen, das an diesem Tag auf dem muslimischen Teil des Magdeburger Westfriedhofs beerdigt wird. In einer langen Schlange verlassen die Besucher die Grabstelle und umarmen die aufgereihten Verwandten. Die aus Syrien stammende Familie beerdigt in Magdeburg bereits ihr drittes Kind, alle drei waren schwer behindert.

Die Tote soll hier bleiben

Entgegen islamischer Vorschrift liegt die Tote in einem Sarg, Sachsen-Anhalts Friedhofsgesetz erlaubt nichts anderes. Das Mädchen in die Heimat der Vorfahren zu fliegen, kam für die Familie dennoch nicht in Frage. „Wenn wir jemanden beerdigen, wollen wir ihn auch in der Nähe haben“, sagt Abdul Muti, Bruder des toten Mädchens.

2009 wurde in Magdeburg der erste Muslim begraben, mittlerweile sind rund 20 Gräber hinzugekommen. Viele sind nur mit einem Holzbrett markiert, neben lateinischen sind arabische Schriftzeichen zu sehen. Arabische, türkische, albanische Namen finden sich. Menschen, die Jahre in Sachsen-Anhalt gelebt haben und hier auch ihre letzte Ruhe gefunden haben.

Kommunale Friedhofsträger sind dabei, sich auf ihre neue Klientel einzustellen. Jüngstes Beispiel ist Salzwedel. Dort wurde in dieser Woche auf dem Perver Friedhof eine bisherige Wirtschaftsfläche für islamische Bestattungen hergerichtet. „Wir wollen vorbereitet sein“, sagt Stadtsprecher Andreas Köhler. In Stendal steht seit dem Frühsommer 2015 ein Grabfeld von 1000 Quadratmeter bereit, bislang ungenutzt. Die Stadt Halle hat auf dem Gertraudenfriedhof Platz für muslimische Beerdigungen reserviert.

Alle Bestattungsvorschriften des Islam können die Kommunen jedoch nicht erfüllen. Sachsen-Anhalts Bestattungsgesetz schreibt vor, dass Tote im Sarg beizusetzen sind, das traditionelle Leintuch der Muslime reicht nicht aus. Bei Muslimen stößt das auf Unverständnis. „Ich war schon bei Beerdigungen in Lippstadt und in Berlin, da war kein Sarg nötig“, sagt Abdul Muti mit Blick auf das Grab seiner Schwester.

Problem Ewigkeitsgarantie

Grüne und Linke wollten die Sargpflicht im Dezember kippen. „Integration umfasst das Leben, aber auch den Tod“, mahnte Grünen-Chefin Cornelia Lüddemann im Landtag. Vergebens: Die Regierungskoalition beharrte auf den geltenden Regeln.

Die unterschiedlichen Bestattungskulturen stellen Friedhofsträger vor Herausforderungen. Ein Problem ist die Ewigkeitsgarantie: Ein muslimisches Grab ist – wie ein jüdisches – grundsätzlich für immer angelegt. Auf deutschen Friedhöfen ist die Ruhezeit begrenzt. Einen möglichen Kompromiss hat der Verband der Friedhofsverwalter ausgetüftelt: In ihrer Friedhofssatzung bietet die Kommune eine unbegrenzte Liegezeit an – gleichzeitig wissen die Kommunalpolitiker, dass sie eine solche Satzung auch wieder ändern können. „Ob ein Friedhof in 100 Jahren noch existiert, wissen wir einfach nicht“, sagt Verbandsvorsitzender Frank Lehmann.

Und dann ist da noch die heikle Frage der Pflege. „In der Türkei zum Beispiel sehen Gräber ganz anders aus, die werden nicht bepflanzt und wenn ein Grabstein irgendwann umfällt, liegt er eben da“, sagt Lehmann. Die letzte Ruhe als vergänglicher Teil der Natur – mit dieser Vorstellung können sich deutsche Friedhofsbesucher kaum anfreunden, weiß der Grab-Experte. Auch deshalb plädiert der Verband für eine räumliche Trennung. „Das mindert die Zahl der Konflikte.“