Die Konkurrenz

Die Casting-Prinzessin: Jamie-Lee Kriewitz aus Hannover hat mit der Pop-Nummer „Ghost“ neulich „The Voice of Germany“ gewonnen.

Der Siegel-Schützling: ESC-Wiederholungstäter Ralf Siegel schickt die Düsseldorferin Laura Pinski mit „Under The Sun We Are One“ zum Vorentscheid.

Der Gänsehaut-Faktor: Alex Diehl, Singer Songwriter aus Berlin, geht mit „Nur ein Lied“ ins Rennen – entstanden nach den Anschlägen von Paris.

Die Schlager-Blondine: Ella Endlich aus Berlin startet mit „Adrenalin“, einem Schlager im Stil von Helene Fischer.

Die Exoten: Die Band Avantasia um den Hessen Tobias Sammet probiert‘s mit dem Metal-Song „Mystery Of A Blood Red Rose“.

Die Mönche: Der Chor Gregorian singt Kloster-Pop in Mönchskutten, produziert wird er in Hamburg. Ihr ESC-Lied heißt „Masters Of Chant“.

Die Schwestern: Hinter Joco verbergen sich zwei ostfriesische Schwestern. Sie singen den verträumten Pop-Song „Full Moon“.

Die Entspannten: Das Singer-Songwriter-Duo Keøma aus Köln und Berlin schickt mit „Protected“ entspannten Indie-Pop an den Start.

Die Erfahrenen: Luxuslärm aus Iserlohn traten schon beim Bundesvision Song Contest und in diversen TV-Soaps auf. Sie singen den Pop-Song „Solange Liebe in mir wohnt“. (es)

Magdeburg l Am Vorabend hatte Christian Friedel Pech. Auf der Bühne im Staatsschauspiel Dresden zeigte er als singender Schauspieler so viel Einsatz, dass er sich aus Versehen das Mikro in die Unterlippe rammte. So muss er nun, beim Interview in einem Magdeburger Café, als Erstes seinen Arbeitsunfall mit einem Pflegestift versorgen. Friedel nimmt’s gelassen. „Da hab ich wohl ’ne dicke Lippe riskiert“, witzelt er.

Bei dem Glück, das er in den vergangenen Monaten hatte, fällt so ein Kratzer auch wirklich nicht ins Gewicht: Seine Popband „Woods Of Birnam“ wurde im Januar zu einem der zehn Kandidaten im Vorausscheid des Eurovision Song Contests gekürt – aus einer Liste von 150 Vorschlägen. Auf die hatte sie der Radiosender Sputnik gesetzt. „Wir wären gar nicht auf die Idee gekommen, uns zu bewerben“, sagt der Magdeburger, der heute in Dresden lebt. In seiner Stimme schwingt noch ein bisschen Unglaube mit.

Auch Filmmusik komponiert

Dass der Sender die Jungs überhaupt auf dem Schirm hatte, ist wieder ein Ergebnis von Glück: Vor gut einem Jahr entdeckte ein Musikscout von Til Schweiger im Internet „I‘ll call thee Hamlet“ – einen Song aus ihrem Debütalbum, das sie ohne Plattenfirma auf den Markt brachten. Schweiger machte ihn prompt zum Titellied seines Kinostreifens „Honig im Kopf“. Das brachte Aufmerksamkeit. Die Band wurde zu diversen Interviews eingeladen.

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Dabei hat Friedel schon einen Beruf. In Dresden steht er für zwei Theaterstücke auf der Bühne. Außerdem dreht er erfolgreich Filme: „Das Weiße Band“ holte mehr als 40 Preise und zwei Oscar-Nominierungen. Und für seine Rolle in „Elser – er hätte die Welt verändert“ stand der 36-Jährige gerade in der Endwahl für den Europäischen Filmpreis.

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Jetzt also eine Wahl als Sänger. „Klar, für den Berühmtheitsfaktor ist es nicht hilfreich, parallel etwas anderes zu machen. Aber so bin ich als Schauspieler zumindest nicht omnipräsent.“

Die vier Musiker, mit denen der Magdeburger antritt, haben praktischerweise mit Fernsehauftritten schon Erfahrung. Denn sie sind allesamt Ex-Mitglieder von „Polarkreis 18“, die einst mit „Allein, Allein“ an die Spitze der Charts marschierten. Seit fünf Jahren machen sie mit Friedel Musik, sie begleiten ihn auch, wenn er in seinen Theaterstücken singt.

Mit Disko-Pop Optimismus verstreuen

Mit ihrer Unterstützung hat er das Lied geschrieben, das nächsten Donnerstag Deutschland begeistern soll – übrigens der einzige Beitrag aus dem Osten, wenn man Berlin außen vor lässt. „Lift me up“ heißt es und verleitet mindestens zum seitlichen Kopfnicken im Takt. Eine Disko-Pop-Nummer, die Optimismus versprüht – das hat ja im vergangenen Jahr beim Schweden Mans Zelmerlöw auch schon funktioniert.

Nur solch gigantische LED-Show, wie sie der ESC-Sieger auffuhr, können „Woods Of Birnam“ nicht bieten. Doch was nützte ein lebensbejahender Song, wenn dessen Sänger ein pessimistischer Miesepeter wäre? „Ich komme vom Theater“, erklärt Friedel und grinst gelassen. „Da weiß ich, wie man auch mit wenigen Mitteln große Effekte erzielen kann.“

Ob sich „Woods Of Birnam“ aber gegen alle neun Konkurrenten durchsetzen und im Mai nach Stockholm fahren können, lässt sich schwer einschätzen, sagt er – vor allem, weil die Bandbreite der Beiträge von Schlager bis Metal reicht: „Unser Song geht ins Ohr. Aber wir sind auch Außenseiter. Jamie Lee zum Beispiel hat schon jetzt eine große Fangemeinde.“ Das quirlige Manga-Mädchen gewann im Dezember die Castingshow „The Voice Of Germany“. Auch hier bestimmte das Fernsehpublikum den Sieger.

Unterstützung aus der Magdeburger Heimat

Allerdings: Vor zwei Jahren setzte sich beim ESC-Vorentscheid schonmal ein Außenseiter durch: das Folk-Trio Elaiza. Und mit der Altmärker Akkordeonspielerin Yvonne Grünwald war auch damals jemand aus Sachsen-Anhalt dabei. Wenn das kein gutes Omen ist.

Der Magdeburger hat die drei Mädels sogar schon getroffen, damals auf ihrer Promotion-Tour. Für Tipps war es allerdings noch zu früh, denn zu dieser Zeit war für „Woods Of Birnam“ noch lange nicht an den ESC zu denken.

Erfahrung mit Lampenfieber

Mit Lampenfieber hat Friedel dank seiner Schauspielerei schon selbst jede Menge Erfahrung. Allerdings ist so eine Fernsehshow mit Millionen Zuschauern doch noch etwas anderes als eine Theatervorstellung. „Sicher werde ich aufgeregt sein. Aber Lampenfieber gehört dazu. Außerdem hilft es bestimmt, dass ich nicht allein auf der Bühne stehe.“

Was auch helfen könnte, ist der Gedanke daran, wer ihm alles die Daumen drückt. Da wäre zum Beispiel die Fan-Fraktion aus der Magdeburger Heimat, schließlich hat er hier bis zum Schauspielstudium gelebt: Schwester, Nichte, Schulfreunde und die alten Kollegen von der Statisterie und vom Theaterjugendclub.

Friedel erregt Aufmerksamkeit

Dazu kommen Kollegen aus der deutschlandweiten Film-, Fernseh- und Theaterszene: In den vergangenen Wochen wurde der 36-Jährige immer mal wieder von Regisseuren und Castern angesprochen. Neulich, auf einem roten Teppich, auch von Moderator Steven Gätjen.

An Til Schweiger ist die Nominierung ebensowenig vorbeigegangen: „Er hat mir Glück gewünscht, als wir uns beim Bayerischen Filmpreis gesehen haben“, erzählt Friedel. Wenn er jetzt noch das Glück hat, dass Schweiger mit seinen anderthalb Millionen Facebook-Fans ein bisschen Werbung macht ...