Magdeburg l Mit einem großen Schritt übers Ziegelfundament tritt eine Frau durch die Zauntür. Jetzt steht sie im Vorgarten des Magdeburger Familienzentrums „Emma“. Schick sieht sie aus: Absatzschuhe, figurbetonte Steppjacke, moderne Markenbrille. Die Frau steuert den Kühlschrank vor der Hauswand an. Sie zieht eine Tüte „Fix für Spaghetti Bolognese“ aus der Tür und studiert die Rückseite: „November 2015. Da passiert nichts!“ Schwupps, wandert die Tüte in ihren Jutebeutel. Jener Bolognese-Fan ist ein typischer Kühlschrank-Nutzer, sagt Ralf Weigt, Chef-Organisator des Projekts „Lebensmittel retten“: „Es kommen nicht nur Menschen, bei denen das Geld knapp ist. Viele können es sich durchaus leisten, im Supermarkt einzukaufen. Sie bedienen sich hier, um etwas gegen Verschwendung zu tun.“ Laut einer Studie der Umweltstiftung WWF werfen die Deutschen im Schnitt jede Sekunde 313 Kilogramm genießbare Lebensmittel weg.

Um das zu ändern, haben Weigt vom Verein Spielwagen und eine Gruppe Freiwilliger vor zwei Jahren begonnen, in der Stadt Kühlschränke aufzustellen, aus denen sich jeder bedienen darf. Sie werden gefüllt mit unverkauftem Essen aus Supermärkten und Bäckereien, aber auch mit Übriggebliebenem aus Privatküchen. Ein Team aus 17 Fahrern – großteils Studenten – transportiert das Essen von den Läden zur „Emma“. Sieben Tage die Woche. Ein Teil wird von weiteren Helfern zu den anderen fünf Kühlschränken in der Stadt gebracht.

Das Ganze ist straff durchorganisiert. Die Freiwilligen tragen sich in einem Internetkalender für die Fahrten ein. In einer Facebook-Gruppe mit 1900 Mitgliedern wird gepostet, wo noch Hilfe gebraucht wird und was in den Kühlschränken liegt. Putzregeln gibt es auch.

Stadt prüft Auflagen

„Außerdem haben wir für jeden Kühlschrank ein Team von Verantwortlichen, das den Inhalt täglich kontrolliert“, erklärt Weigt. An den Türen steht in acht Sprachen, was erlaubt ist und was nicht. So darf etwa das Mindesthaltbarkeitsdatum überschritten sein, nicht aber das Verbrauchsdatum; leicht Verderbliches wie Mett ist tabu.

In Berlin hat die Verbraucherschutz-Behörde Essensrettern kürzlich Hygiene-Auflagen erteilt. Nun muss zum Beispiel Buch darüber geführt werden, wer was in einen Kühlschrank legt und herausholt. In anderen Städten wie Duisburg wird das Essensteilen – auch Foodsharing genannt – prinzipiell als Weitergabe unter Privatleuten eingestuft, sodass sich die Behörden nicht einmischen.

In Magdeburg prüft das Gesundheitsamt, ob es auch Vorgaben einführt. Hintergrund ist eine EU-Verordnung. Ihr zufolge muss jeder Lebensmittelhändler Mindeststandards einhalten. Die Frage ist, ob dazu auch Essensretter zählen. Eine bundesweite Regelung gibt es nicht, die Kommunen haben n also selbst zu prüfen, ob das EU-Recht berührt ist und sie eingreifen müssen.

Weigt ist der Meinung, die Kühlschränke seien Privatsache, da sie nicht auf öffentlichem Grund stehen. So einfach sei es nicht, sagt hingegen Amtsleiter Eike Hennig, sind sie doch öffentlich zugänglich. Er findet, Standards wären für alle von Vorteil: Gesundheitsrisiken für Nutzer wären minimiert und der Verein wäre auf der sicheren Seite, falls zum Beispiel jemand mit Durchfall Vorwürfe erhebt. „Es geht uns nicht darum ob, sondern wie die Kühlschränke erhalten bleiben“, sagt er. Dafür spricht wohl auch, dass die Stadt dem Projekt jüngst einen Umweltpreis verliehen hat. Meinung

Die Kühlschrank-Standorte finden Sie hier: www.facebook.com/groups/foodsharingMD