Schönebeck l Knorrig und keineswegs gerade gewachsen, liegt der Teil eines Weinrebenstämmchens auf der Werkbank. Astlöcher reihen sich aneinander. Das Holzstück taugt lediglich als Feuerholz, mag mancher denken. Anders sieht es Heinrich Tognino. Seine Augen leuchten regelrecht, wenn er das Naturmaterial betastet. Risse und Löcher füllt er mit rotem Epoxidharz aus. Nach dem Aushärten erhält die Rebe ein zweites Leben. In handliche Stücke zerteilt entstehen daraus Füllfederhalter. Das klingt verrückt, aber hat Charme.

Auf der Drechselbank arbeitet der Schönebecker akribisch. Da geht es durchaus um Hundertstel Millimeter, wenn das Holz gebohrt und abgedreht wird, bevor die einzelnen Komponenten des Füllers ihren Platz erhalten. Das klingt simpel, verlangt jedoch Fingerspitzengefühl und ein Händchen für Design. Heinrich Tognino versteht sich als „Überzeugungstäter“. Seit rund sechs Jahren lebt der 54-Jährige sein Faible für Schreibgeräte aus, das die Ehefrau anfangs als „Schnapsidee“ bezeichnete. In Zeiten von billigen Wegwerfkulis sieht sich Tognino als Erhalter der Schreibkultur mit hochwertigem Gerät.

Nach Feierabend entspannt der hauptberufliche Journalist beim Handwerken. „Etwas Besseres kann ich mir kaum vorstellen, das kommt mir manchmal wie ein kleiner Urlaub vor“, erzählt er. In seinem Beruf schreibt er Tag für Tag in der Redaktion, macht auf Pressekonferenzen und in Besprechungen unendlich viele Notizen. Früher waren es zwei bis drei Füllfederhalter, die im Jahr verschlissen wurden. Da brach der Clip ab, die Hülse leierte aus oder die Feder trat in den Streik.

Urgroßvater war ein Drechsler

Auf einem Kunsthandwerkermarkt an der Ostsee entdeckte Tognino schließlich aus Holz gedrechselte Füller. Sie gefielen ihm auf Anhieb, lagen fantastisch in der Hand, überzeugten durch die unnachahmliche Struktur des Ausgangsmaterials. Da war sie wieder, die Liebe zu edlen Hölzern. Mag sein, dass das genetische Ursachen habe, denn der Urgroßvater arbeitete als Drechsler. Ihn habe er allerdings nicht mehr kennengelernt.

Langsam näherte sich der Journalist der Holzbearbeitung. „Das waren ganz banale Sachen, die ich erst einmal drechselte, klassisch gehörten Kerzenständer dazu“, erinnert er sich und muss schmunzeln. Eine kleine Werkstatt wurde eingerichtet. Mit den autodidaktisch erworbenen Fähigkeiten nahm der Mut zu, sich auch an komplizierte Stücke zu wagen.

Fertige „Bausätze“ für Füller, aber auch Kugelschreiber standen am Anfang. Diese mit der richtigen Hülle aus Holz zu versehen, erwies sich schwieriger als gedacht. Vornehmlich für den englischen Markt hergestellt, verweigerten sich die Einzelteile dem metrischen Maßsystem. Während eines gemütlichen Weinabends, an dem Professoren der Magdeburger Otto-von-Guericke-Universität teilnahmen, stellte Tognino seine Arbeiten vor und berichtet von den Problemen mit der Passgenauigkeit.

Die Herren Wissenschaftler, die sich mit dem Maschinenbau auskannten, hatten eine gute Idee. Für ihre Studenten, meinten sie, sei das eine Herausforderung. Sie könnten etwas Praxistaugliches entwickeln. Und das gelang den jungen Leuten dann in sechs Monaten. Heinrich Togninos beste Schreibgeräte bestehen nun aus einem „Metallgerüst“, das in Sachsen-Anhalts Landeshauptstadt entwickelt wurde. Weit schwieriger gestaltete sich die Suche nach einem Produzenten für Federn. Bei fast allen Anbietern hieß es: „Wir liefern erst ab 1000 Stück“.

Füller, als König der Schreibgeräte, oder Kugelschreiber, das ist ihm letztlich egal. Die richtigen Hölzer lassen jedes Stück zu einem Handschmeichler werden. An die 80 Sorten wie Nussbaum, Eiche, Flieder, Goldregen oder Mahagoni liegen bereit, um eine Verwandlung zu erfahren.

Fast liebevoll streicht Tognino über Thujaholz. Das gehöre zu seinen Favoriten, sagt er. Es sei nicht nur schön anzusehen, sondern zudem außerordentlich leicht, bringe es auf ein durchschnittliches Gewicht von 350 bis 400 Kilogramm pro Kubikmeter. Fünf bis acht Prozent Feuchtigkeitsgehalt sind ideal, ein frisch gefällter Baum bringt es durchaus auf 40 Prozent. Eine gute Lagerung, mitunter über mehrere Jahre, ist also unabdingbar. Tognino begibt sich im Urlaub oder bei anderen Reisen immer auf die Suche nach Holz und wird regelmäßig fündig.

Bei der Rückreise von Sardinien lagen einige Abschnitte Eukalyptus und Pinie, auf einem Bauernhof entdeckt, im Koffer. Bei Flugreisen gibt es da durchaus Probleme mit dem Gepäckgewicht. Beim Erzählen gerät er schnell ins Schwärmen: „Schauen Sie nur, das hier ist vom Gelben Perückenstrauch und schimmert unvergleichlich im Licht.“ Federleicht dann das Holzstück vom Trompetenbaum, das wie alle anderen letztlich mehrfach geschliffen und poliert wird, bevor ein Exemplar in gute Hände übergeben werden kann.

An Ideen mangelt es nicht. Heinrich Tognino will mit seiner inzwischen gegründeten Firma „Wildstift“, allein aus Zeitgründen, keine Massenfertigung. Ausgefallene Stücke sind sein Metier. Da befindet sich eine limitierte Auflage für das Berliner Stadtschloss in Arbeit. Das Holz stammt von den 18 Meter langen Gründungspfählen, die Friedrich III. einst beim Bau des Gebäudes einrammen ließ. Beim Neubau kamen diese wieder ans Tageslicht. Die Füllerkappe lässt der Schönebecker aus titanveredeltem Edelstahl herstellen. Per Lasertechnik werden in das extrem harte Material Schriftzeichen, das Wappen Kaiser Wilhelm des II. und die Umrisse des Schlosses hineingearbeitet.

Kirchenholz für Füller zur Reformat

Nach dem gleichen Prinzip entstehen Füller zum Reformationsjubiläum im kommenden Jahr. Wer möchte, kann sie mit Tinte befüllen, die der nachempfunden wurde, die zu Luthers Zeiten üblich war. Das Holz stammt aus Kirchen, die einen Bezug zum Reformator haben. „Dort gibt es immer mal wieder einen Balken, der bei Sanierungsarbeiten entfernt werden musste“, sagt Tognino.

Ähnlich sei es in Eichholz bei ­Zerbst gewesen. Die Kirchengemeinde bietet jetzt Füller an, die aus einem rund 1000 Jahre alten Dachbalken der Dorfkirche St. Trinitatis, einem 800 Jahre alten Feldsteinbau, entstanden. Mit dem Erlös der Aktion wollen die Christen einen Teil der Sanierung des Gotteshauses, für die Kosten von 450.000 Euro veranschlagt sind, finanzieren. „1000 Jahre Geschichte jeden Tag in der Hand zu halten und damit die Geschichte im wahrsten Sinne des Wortes weiter zu schreiben, das ist eine faszinierende Vorstellung“, sagt Pfarrer Albrecht Lindemann.

Kugelschreiber und Füllhalter der aktuellen Kollektion kosten zwischen 80 und rund 500 Euro. Wer kauft letztlich tatsächlich so ein edles Schreibgerät? Zum einen gäbe es Kunden, die der Geiz-ist-geil-Mentalität abgeschworen haben und auf bleibende Werte setzten. Dann entdeckten gerade Männer ansprechende Accessoires wie Brille, den guten Kalender und den Füller wieder für sich. Dann berichtet Tognino von vielen Kunden, die ein ganz individuelles Exemplar wollten. Das könne ein Füller sein, der aus dem morschen Apfelbaum stammt, den jemand als Kind regelmäßig erkletterte. So lassen sich Erinnerungen bewahren. So kam es auch zu den eingangs erwähnten Füllern aus dem Holz eines Weinstocks.

Ein Winzer aus dem Saale-Unstrut-Gebiet gab dafür den Anstoß. In nur vier Wochen und bei einigen Flaschen Müller-Thurgau tüftelte der Journalist an seinem Verfahren, um solches Material verarbeiten zu können. Stifte aus Holz sind für ihn durchaus etwas, das den Deutschen liegt. Sie hätten seit Urzeiten eine unglaubliche Beziehung zu Holz und dem Wald. Daran knüpfe er an.