Verein und Projekt

Der Verein „Der Weg“ engagiert sich seit 1991 für die Belange psychisch kranker Menschen. Er ist Träger einer Begegnungsstätte und eines Wohnheims. Zudem bietet er u. a. eine Selbsthilfegruppe an.

Beim Jugendprojekt gehen je zwei psychisch Erkrankte (persönliche Experten) und zwei fachliche Experten (z. B. Sozialarbeiter) in eine Klasse. Sie werden zuvor geschult. Die Zielgruppe ist zwischen 16 und 25 Jahre alt. Finanziert wird das Projekt durch Spenden und Sponsorengelder sowie einen Beitrag der jeweils besuchten Einrichtung.

Magdeburg l Vor zehn Minuten ging‘s hier noch zu wie in einem Hort für Große. Da wurden Jugendliche zu feixenden Rittern, die mit dem Luftschwert gegen Drachen kämpfen – ein Lockerungsspiel nach der Mittagspause. Jetzt aber ist es im Seminarraum mucksmäuschenstill. Keine Spur mehr von Albernheit. Alle Augen im Stuhlkreis scheinen an Kerstin Blasczyk zu kleben: Anfang 40, blonde Locken, grauer Wollpulli. Auf der Straße würde sie einem nicht weiter auffallen. Angespannt sitzt sie da und erzählt von Claudia Schiffer und einem Engel in ihrer Küche – nur einige der vielen Stimmen, die sie einst hörte.

Blasczyk leidet seit 20 Jahren an Schizophrenie. Sie gehört zu einem Projekt des Magdeburger Vereins „Der Weg“ zur seelischen Gesundheit, das diesmal bei „Volksstimme-Leser helfen“ unterstützt wird. Dabei gehen psychisch kranke Menschen gemeinsam mit sozialen Fachleuten zu Jugendlichen in die Klassen. Heute ist eine Gruppe dran, die gerade im Freiwilligen Sozialen Jahr beim Deutschen Roten Kreuz steckt.

Stimmen schickten sie nach Mailand

Während Kerstin Blasczyk ihre Geschichte erzählt, wirkt sie angespannt. Nicht, weil sie sich schämt. Sie will das Gewirr an bizarr wirkenden Ereignissen in den vergangenen Jahren so sortiert wie möglich präsentieren: Nach einem Spanienurlaub mit ihrem Mann fühlt sich die Frau auf einmal beobachtet. Sie hört Geräusche, die nicht da sind, halluziniert Gesichter. Und sie hört Stimmen. Am Anfang sind die liebevoll, sagen Dinge wie „Ich bin immer für dich da.“ Später werden sie bedrohlich und sprechen Befehle aus. So kommt es, dass Blasczyk mehrmals von zu Hause abhaut – einmal fliegt sie sogar nach Mailand. Immer wieder muss sie in die geschlossene Psychiatrie. „Aber ich habe sehr lange keine Hilfe angenommen.“

In der Runde löst die Frau Verblüffung aus. Zum Beispiel bei Lara und Michelle, beide 18 Jahre alt. „Sie kam so normal rüber“, erzählen sie hinterher. „Ja, sonst kennt man Schizophrene höchstens aus Filmen, und da bekommt man eher Angst.“ Vorurteile und Berührungsängste abzubauen, ist ein Ziel des Projektes. Dafür gestalten den zweiten Teil des Tages immer zwei Menschen mit psychischer Krankheit. Persönliche Experten werden sie genannt. Sie erzählen, wie sich ihre Störung anfühlt und wie sie damit umgehen.

Es geht aber noch um etwas anderes: auf die eigene Psyche Acht zu geben. Deshalb sprechen im ersten Teil fachliche Experten – das sind etwa Sozialarbeiter oder Psychologiestudenten – mit den Jugendlichen über seelische Krisen: Glaubst du, dass du verrückte Seiten hast? Wie geht ihr mit Stress um? Wie erkennt man, dass ein Freund oder man selbst in einer Krise steckt? Es wird auch ein symbolischer Notfallkoffer gepackt: Das Stethoskop steht dafür, in sich hineinzuhorchen, die Schere heißt, einen Schnitt zu machen – etwa im Job.

Jeder Fünfte psychisch auffällig

Solche Krisen sind bei jungen Menschen ein großes Thema. Laut Robert-Koch-Institut zeigt rund ein Fünftel aller Heranwachsenden psychische Auffälligkeiten. Professor Hans-Henning Flechtner, Leiter der Kinder- und Jugendpsychiatrie am Magdeburger Universitätsklinikum, erklärt: „Jugendliche müssen viele Entwicklungsaufgaben meistern. Dazu gehören das Abgrenzen vom Elternhaus und die Berufsfindung. Gelingt das nicht, können Schwierigkeiten auftreten.“ Möglich sind zum Beispiel Leistungsschwäche, Ausgrenzung oder Ängste. Aus den Schwierigkeiten wiederum erwachsen manchmal Vorstufen von psychischen Krankheiten wie Essstörungen, Stimmungsschwankungen oder Selbstverletzungen.

Christin Conradi zufolge, Leiterin des Projekts, spricht besonders in den älteren Jahrgängen fast immer jemand eine Krise an. Es geht dann um Mobbing, den Tod von Angehörigen, Druck bei Ausbildungs-Bewerbungen oder Freunde, die sich ritzen. Psychische Krisen und Krankheiten in der Klasse zu thematisieren, hat Professor Flechtner zufolge zwei Vorteile: „Jugendliche können so erkennen, dass eine Psychiatrie nichts ist, wovor man Angst haben muss. Außerdem ist es ideal, wenn sie wissen, wo sie sich informieren können und Gesprächspartner finden.“

Letzteres Angebot möchten Conradi und ihr Team ausweiten. „Bisher sprechen wir nur über allgemeine Hilfestellungen“, sagt sie. „Künftig würden wir den Jugendlichen gern einen Krisen-Auswegweiser mitgeben, in dem sie konkrete Ansprechpartner in Magdeburg finden – zum Beispiel Beratungsstellen.“ Er soll gemeinsam mit einer Schulklasse entstehen, so dass Inhalte, Sprache und Layout zur Zielgruppe passen. Und er soll auch in Jugendclubs ausgelegt werden. Für die Finanzierung hofft das Team auf die Volksstimme-Leser.

Kerstin Blasczyk hat damals die ersten Anzeichen ihrer Schizophrenie nicht bemerkt. „Für mich kam sie plötzlich, dabei war es ein schleichender Prozess.“ Seit etwa zehn Jahren hat sie ihre Krankheit einigermaßen im Griff. Von den Stimmen ist noch eine übrig. Arbeiten gehen kann die frühere Bankangestellte zwar nicht, doch sie hat ein geregeltes Leben. Dazu beigetragen haben übrigens nicht nur Psychologen und Medikamente. „Ich habe über meine Krankheit ein Buch geschrieben. Und auch, dass ich seit drei Jahren vor Jugendlichen darüber rede, hilft mir.“

Hier lesen Sie mehr zur Volksstimme-Aktion "Leser helfen".